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Rendsburg-Eckernförde Ambulante Pflegedienste in Nöten
Region Rendsburg-Eckernförde Ambulante Pflegedienste in Nöten
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09:04 21.04.2020
Von Sven Janssen
Michael Burkel leitet den Pflegedienst "Bliev to Huus" mit Standorten in Kiel und Bredenbek.
Michael Burkel leitet den Pflegedienst "Bliev to Huus" mit Standorten in Kiel und Bredenbek. Quelle: Sven Janssen
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Bredenbek

„Wir können uns nicht schützen, weil uns die richtige Ausrüstung fehlt. Als Chef bin ich für den Schutz meiner Mitarbeiter und der Kunden verantwortlich“, sagt Burkel, der Vorstandsmitglied im Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (BPA) in Schleswig-Holstein ist. In diesem Dilemma würden alle Pflegedienste stecken: „Im Grunde dürften wir unseren Job so nicht machen, dann läge die Pflege in Deutschland aber brach.“ Nötig wären, so Burkel, pro Mitarbeiter mindestens ein Schutzkittel pro Tag, ausreichend FFP2-Masken, Handschuhe, Desinfektionsmittel und Gesichtsschutz. Schon am 23. März schrieb der 58-Jährige das Gesundheitsamt in Kiel an, bat um Unterstützung bei der Beschaffung von notwendigem Material. Die Antwort kam kurz und knapp etwa eine Stunde später: „Hallo, leider haben wir aktuell keine Möglichkeit der Beschaffung. Beste Grüße Landeshauptstadt Kiel“.

Malerkittel ersetzen Schutzanzüge

„Auch aktuell ist Schutzausrüstung unser größtes Problem“, sagt Burkel. Nach wie vor gebe es von den zuständigen Behörden keine Unterstützung: „Wir versuchen, uns so gut wie möglich zu helfen.“ Malerkittel würden Schutzanzüge ersetzen, selbst genähte Behelfsmasken die tatsächlichen Schutzmasken. „Über die Muthesius Hochschule haben wir einige Geschichtsschutze aus dem 3D-Drucker bekommen“, sagt er und in der Apotheke habe er für die Mitarbeiter noch 40 FFP2-Masken für 600 Euro kaufen können.

„Die reichen für einen Tag“, erklärt Burkel, der 31 Mitarbeiter beschäftigt. Die immensen Kostensteigerungen seien nebensächlich, Mehrkosten würden die Pflegedienste vom Verband der Krankenkassen (GKV) erstattet bekommen. „Das nützt nur nichts, wenn kein Material zu bekommen ist“, sagt Burkel.

Verbände versuchen zu helfen

100 Masken wolle der Hospiz- und Palliativverband Schleswig-Holstein ihm zur Verfügung stellen. Auch der BPA, der deutschlandweit rund 11.000 Unternehmen vertritt, versucht zu unterstützen. „Wir haben für neun Millionen Euro Schutzmasken gekauft, die Hälfte sind FFP2-Masken, die andere Hälfte Mund-Nasen-Schutzmasken“, sagt BPA-Sprecherin Susanne van Cleve. Über ein eigenes Shopsystem könnten die Mitgliedsunternehmen diese jetzt bestellen - je 200 Stück pro Unternehmen, unabhängig von dessen Größe. Die Kosten werden direkt mit dem GKV abgerechnet, sodass die Unternehmen selbst kein Geld verauslagen müssen. „Auch wenn das erst einmal gut klingt, dann ist es am Ende doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt Burkel mit Sicht auf die kommenden Monate.

Keine Antworten vom Gesundheitsamt

Von den Gesundheitsämtern fühlt er sich im Stich gelassen. „Ich erwarte von den zuständigen Stellen zumindest klare Handlungsanweisungen, da kommt aber auch auf Nachfrage nichts“, sagt er. „Wir Pflegedienste schwimmen alle.“ Klar habe auch er in seinem Unternehmen einiges umstrukturiert, um im Fall einer Ansteckung seiner Mitarbeiter nicht ganz schließen zu müssen. Beispielsweise versuche man den Kunden feste Mitarbeiter zuzuteilen. Die Teams in Kiel und Bredenbek seien vollständig getrennt, sodass im Fall einer Quarantäne an einem Standort der andere weiterarbeiten kann.

Michael Burkel fordert klare Handlungsanweisungen

Was Quarantäne bedeutet, weiß Burkel genau. Er war Anfang März noch in New York und musste nach seiner Rückkehr selbst zwei Wochen in Quarantäne. Die Situation schätzt er nüchtern ein. „Es ist nicht die Frage, ob sich ein Mitarbeiter infiziert, sondern wann.“ Die große Frage sei, was dann genau zu tun sei, wie sich die Behörden die Situation vorstellen. „Statt hektisch reagieren zu müssen, wenn tatsächlich der Fall eintritt, würde ich mir wünschen, dass es im Vorfeld klare Regeln gibt, wie wir als Pflegedienst damit umgehen sollen.“ Diese Fragen habe er oft gestellt, leider seien die Gesundheitsämter die Antwort bis heute schuldig geblieben.

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