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Rendsburg-Eckernförde Schnäppchenjagd in Binges Gasthof
Region Rendsburg-Eckernförde Schnäppchenjagd in Binges Gasthof
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19:04 01.07.2018
Von Kerstin von Schmidt-Phiseldeck
Foto: Wiebke Keuck aus Kiel hat sich unter anderem "einen vernünftigen Schneebesen gesichert".
Wiebke Keuck aus Kiel hat sich unter anderem "einen vernünftigen Schneebesen gesichert". Sie kam immer zum Grünkohlessen in den Gasthof. Quelle: Kerstin v. Schmidt-Phiseldeck
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Surendorf

„Um acht, halb neun waren die ersten da“, sagt der Gastwirt, der den 1989 übernommenen Gasthof am Tag zuvor letztmals geöffnet hatte. Jetzt ist es kurz vor 10 Uhr. Ein Mann kommt herein, begrüßt Hinfurtner herzlich. Der frotzelt: „Na, willst den Stuhl kaufen, wo du 30 Jahre drauf gesessen hast?“

Kochutensilien, Geschirr, Möbel und vieles mehr

Der große Saal, die Gaststube, der Thekenraum davor sind gefüllt mit Gasthofsgeschichte: Tischwäsche, Kochutensilien, Möbel aus den Apartments, Dekomaterial – und Geschirr, Geschirr, Geschirr. „Einen Fleischwolf haben Sie nicht?“, fragt eine Besucherin. „Doch, vorne“, erklärt der Gastwirt, führt die Frau zu dem Gerät.

So mancher sichert sich ein Erinnerungsstück

Im Saal hat sich Gabriele Schurbohm aus Kiel glücklich einen Stapel großer Bretter unter den Arm geklemmt. „Ich suche mein Leben lang große Frühstücksbretter“, erzählt die 56-Jährige. Sie findet es aber auch traurig, wenn „so eine alte Geschichte zu Ende geht“. Das Gasthofsgebäude soll etwa hundert Jahre alt sein und wird nun für Wohnbebauung abgerissen. Anja Kretzschmar, Gemeindevertreterin in Schwedeneck, hat sich deshalb eine der Werbepostkarten vom Gasthof als Erinnerung gesichert. Und überlegt, bei Besteck und Kleinteilen zuzuschlagen – zehn Teile ein Euro: für die Kinder, die in einer WG leben.

Früher wurde hier ausdauernd gefeiert

Gisela Süberkrüp aus Surendorf ist „mit dem Krog groß geworden“. Dass Paul Hinfurtner, der in Ruhestand geht, keinen Nachfolger fand, kann sie verstehen: Die Zeiten seien eben andere als früher. Da wurde hier noch turbulent und ausdauernd gefeiert, erzählt sie. Und zeigt einen Schatz, der sich in der Sektbar versteckt: einen Nachbau des Gasthofs, angefertigt aus Pappe und Streichhölzern von einem Stammgast. „Mit Gardinen und Pauls Auto“ vor der Tür. Der Gastwirt sei „ein ganz toller Typ“, sagt sie: „Der soll sich jetzt ein schönes Leben machen.“

Dorfflohmärkte locken Publikum

Leute kommen und gehen, Stimmengewirr und Geschirrgeklapper füllt den Gasthof. Wiebke Keuck hat sich „einen vernünftigen Schneebesen“ ausgesucht und Kerzenhalter. Die Kielerin kam immer zum Grünkohlessen hierher. „Es ist schon auch ein bisschen traurig“, sagt sie zum Ende des Gasthofs. Regine Vetter strahlt hingegen über ihre Entdeckungen. „Ich suche Retrosachen“, sagt die 55-jährige Kielerin und zeigt Teller mit Blumendekor und Goldrand. Ihr Mann Roland freut sich über Gemüseschüsseln aus Metall: für den Hund, den er anschaffen möchte. „Auf Dorfflohmärkten kann man noch Schnäppchen machen“, sagt er.

Mitten im Gewühl: der Gastwirt

Und Paul Hinfurtner? Der steht im Gewühl, bringt eine Vase „in Thüringer Blau“ an die Frau, und begrüßt eine Bekannte, die von „Tragödie" spricht. „Ach was, das ist Erlebnisgastronomie“, sagt Paul Hinfurtner zum Geschehen. Er stellt sich noch mal für ein Foto hinter den Tresen im Saal, erklärt: „Es wird immer leichter.“ Doch man spürt, dass es in ihm arbeitet. Und so ist er froh, dass er wieder zu einem Verkaufsgespräch herbeigeholt wird – es geht um einen Rattanstuhl.

Gastwirt Paul Hinfurtner hatte zum Räumungsverkauf eingeladen.