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Rendsburg-Eckernförde Aquarium für die Superpflanze: In Eckernförde rückt Seegras in den Fokus
Region Rendsburg-Eckernförde

Ostsee-Info-Center Eckernförde startet ein Seegras-Projekt

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06:34 17.12.2021
Von Christoph Rohde
Weil Seegraswiesen wichtige Ökosysteme und CO2 -Speicher sind, soll die Entwicklung ihrer Bestände künftig ganz genau beobachtet werden.
Weil Seegraswiesen wichtige Ökosysteme und CO2 -Speicher sind, soll die Entwicklung ihrer Bestände künftig ganz genau beobachtet werden. Quelle: Forschungstauchgruppe Uni Kiel/Archiv
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Eckernförde

Seegras nehmen die meisten nur wahr, wenn es sich nach Stürmen am Strand anhäuft. Doch die unscheinbare Ostseepflanze hat es in sich. Sie ist Klima- und Küstenschützer zugleich, speichert mehr CO2 als eine vergleichbare Waldfläche und bremst die Kraft der Wellen. In Eckernförde will das Ostsee-Info-Center (OIC) Seegras erstmals öffentlich halten und züchten. Damit soll auf die Bedeutung der Wasserpflanze aufmerksam gemacht werden.

Zweieinhalb Meter lang und 1,25 Meter breit ist das Becken, das der Aquarienbauer Franz Vennewald aus Hamm mit seinen Mitarbeitern im Eckernförder OIC aufbaut. Hier soll ab Dienstag, 21. Dezember, das Seegras Einzug halten. Und mit ihm Fische wie die Grasnadel, das „Seepferdchen der Ostsee“, Grundeln und Stichlinge. Sie und viele andere Meeresbewohner finden im Seegras Schutz, Möglichkeiten der Fortpflanzung und eine Kinderstube.

Die Seegras-Haltung im Aquarium ist aufwendig

Seegras in Aquarien zu halten, ist nicht einfach. Darum kommen oft Attrappen aus Kunststoff zum Einsatz – bislang auch im OIC. Doch das ändert sich jetzt. Möglich macht dies ein neues Aquarium mit einer ganz speziellen Technik. Die Wasserpflanze benötigt gutes Licht, wenige Nährstoffe und eine gleichbleibende Strömung. „Hier können wir an allen Parametern drehen“, erläutert Christian Prien, der für das Meereszentrum das Projekt betreut.

Aquarienbauer Franz Vennewald (rechts) und Projektbetreuer Christian Prien (links) packen das neue Seegras-Becken aus. Quelle: Christoph Rohde

Der Salzgehalt lässt sich ebenso einstellen, wie die Temperatur und die Beleuchtungsstärke. Dafür ist das Aquarium im Anlagensystem des Ostsee-Info-Centers autark. „Eine Insel für sich“, wie es Aquarienbauer Vennewald ausdrückt. Die Bedingungen im Becken können allerdings zentral überwacht werden, damit das Seegras optimale Bedingungen vorfindet.

Seegraswiesen in der Natur haben sich in Schleswig-Holstein seit 1960 halbiert

Draußen, in der freien Natur, sind die nicht immer gegeben. Laut Projektbetreuer Prien hat Schleswig-Holstein seit 1960 rund die Hälfte seiner Seegrasflächen vor den Küsten verloren. Von der Helsinki Kommission Helcom zum Schutz der Meeresumwelt im Ostseeraum sind die Unterwasserwiesen darum als „stark gefährdet“ eingestuft worden.

Anlagenbauer Sven Sieber montiert die aufwendige Technik mit Filteranlagen, Abschäumern und Pumpen. Quelle: Christoph Rohde

Grund für den Rückgang ist die Eutrophierung der Ostsee, der verstärkte Nährstoffeintrag in das Binnenmeer. Dadurch reduziert sich der für das Seegras lebensnotwendige Lichteinfall. Die Wachstumszonen haben sich nach Angaben von Prien bereits von ursprünglich zehn bis 17 Metern unter Wasser in flachere Vier-Meter-Bereiche verschoben. „Der Raum ist kleiner geworden für das Seegras“, sagt auch Hannah Sliwka, Leiterin des OIC.

Dies ist ein Grund, auf die große Bedeutung der Seegraswiesen hinzuweisen – für die Natur und für den Menschen. Kaum bekannt ist beispielsweise, dass Seegras deutlich mehr vom Klimagas CO2 bindet als ein Regenwald bei gleicher Fläche. Gleichzeitig produzieren die Unterwasserpflanzen zehn Liter Sauerstoff pro Quadratmeter und Tag und filtern Schadstoffe aus dem Meer. Auch zum Küstenschutz tragen die Seegraswiesen bei. Sie bremsen bis zu 40 Prozent der Wellenenergie, reduzieren mit ihren Wurzeln die Erosion des Meeresbodens.

Wussten Sie, dass Seegras...

  • eine Pflanze ist, die zwischen Juni und September unter Wasser blüht. Nur einen Blumenstrauß kann man aus den unscheinbaren Blüten nicht binden.
  • Blätter abwirft, ähnlich wie die Bäume an Land. Dadurch, aber auch durch den Wellenschlag sammeln sich besonders nach Herbststürmen Seegrashaufen am Strand.
  • in Wiesen riesige CO2-Speicher bildet. Laut einer neuen Studie der Helmholtz-Klima-Initiative können die Seegraswiesen in der deutschen Ostsee zwischen 29 und 56 Kilotonnen des Klimagases pro Jahr binden.
  • früher die klassische Stopfwolle an der Küste war. Mit den angeschwemmten und getrockneten Meerespflanzen wurden Polstermöbel, Matratzen und Kissen gefüllt. Auch als Dämmmaterial für Hauswände kamen sie zum Einsatz.
  • in Eckernförde eingesetzt wird, um als Dünger für bepflanzte Dünen am Strand sowie Dünenstreifen an der Bundesstraße B76 zu dienen.
  • in Wiesen sehr alt werden kann. Ein vor den Åland Inseln untersuchter Bestand wurde auf 800 bis 1600 Jahre geschätzt. Ein Grund: Die Seegräser vermehren sich auch über unterirdische Ausläufer.

Auf solche und andere Fähigkeiten der Superpflanze vor den Ostseeküsten will das Ostsee-Info-Center mit seinem Seegras-Projekt aufmerksam machen. Neben dem Aquarium sollen laut Sliwka Info-Tafeln, Vorträge und Aktionen öffentlichkeitswirksam auf die Bedeutung der Seegraswiesen hinweisen. Querverbindungen sind auch mit dem Kieler Forschungszentrum Geomar und dem Projekt SeaStore zur Wiederansiedlung von Seegras geplant.

Seegras-Projekt in OIC in Eckernförde wird öffentlich gefördert

Das Aquarium und das Seegras-Projekt des OIC, zusammen mit rund 83 000 Euro veranschlagt, werden von der Aktivregion Eckernförder Bucht, der Umweltlotterie Bingo und der Stadt Eckernförde finanziell unterstützt. Das Seegras-Projekt ist zunächst für ein Jahr bewilligt. „Unser Ziel sind aber zwei Jahre“, sagt Sliwka.

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Nach dem zweiwöchigen Umbau öffnet das Eckernförder Ostsee-Info-Center wieder am Dienstag, 21. Dezember. Dann ist auch das neue Seegras-Becken in Betrieb. Die Öffnungszeiten: Di-So 11-17 Uhr, außer am 24. und 31. Dezember.