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Rendsburg-Eckernförde Busverkehr im Kreis Rendsburg-Eckernförde: Die Fahrer stehen am Pranger
Region Rendsburg-Eckernförde

Rendsburg-Eckernförde: Probleme im Busverkehr - Fahrer redet Klartext

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06:30 20.11.2021
Von Paul Wagner
Mit dem Schulbus auf Tour: Der Nah.SH-Bus bedient unter anderem die Schulbusfahrten zwischen Molfsee und Flintbek.
Mit dem Schulbus auf Tour: Der Nah.SH-Bus bedient unter anderem die Schulbusfahrten zwischen Molfsee und Flintbek. Quelle: Ulf Dahl
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Molfsee

Die Kritik am neuen ÖPNV im Kreis Rendsburg-Eckernförde ist vielerorts groß. Das bekommen vor allem diejenigen zu spüren, die ganz vorn arbeiten: die Fahrerinnen und Fahrer der Autokraft. Einer von ihnen hat unsere Reporter mit auf eine Tour im Morgengrauen genommen. Hier soll er „Herr Otto“ heißen.

„Der Unmut unter uns Busfahrern ist groß, und ich will mich ein Stück weit für meine Kollegen einsetzen, ihnen eine Stimme geben“, sagt Herr Otto und startet an einem trüben Novembermorgen kurz nach 7 Uhr seinen Bus am Freilichtmuseum Rammsee. In den folgenden 45 Minuten steuert er 33 Bushaltestellen an und sammelt Schulkinder ein. Oft sind die Kinder in ihren dunklen Jacken am Straßenrand kaum zu erkennen. Beim Einsteigen hat Herr Otto immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. „Moin. Na, ausgeschlafen? Lernt mal schön fleißig und werdet Busfahrer.“ Die Schüler lachen, freuen sich. Herr Otto freut sich auch. „Manchmal singen wir sogar zusammen.“

Bilder von Bussen im Netz

Doch anders als den Kindern im Bus sei vielen Fahrern derzeit nicht zum Lachen zumute. Sie fühlen sich vorgeführt: Durch die sozialen Netzwerke geistern Bilder von beschädigten oder festgefahrenen Bussen. Eltern beschweren sich über vergessene Schulkinder und ausgefallene Touren. Vereinzelt hätten Kinder den Fahrern sogar den Weg zeigen müssen.

Jeden Morgen sind Hunderte Busfahrer im Kreis unterwegs und sammeln Schülerinnen und Schüler ein. Bei diesen Touren kam es zuletzt immer wieder zu Problemen.

„Das hat natürlich seine Gründe“, sagt Herr Otto und hat seine Zweifel, ob sein Arbeitgeber – die Autokraft – dem riesigen ÖPNV-Vertrag des Kreises Rendsburg-Eckernförde überhaupt gewachsen ist. Denn: Auch elf Monate nach dem Start des integralen Taktfahrplans dauern die Probleme an. „Wir alle machen Fehler. Ich habe auch schon mal die richtige Ausfahrt verpasst. Das kommt vor. Aber die Probleme, die wir jetzt haben, sind hausgemacht.“ So haben die Fahrer zum Beispiel keine Funkverbindung zur Leitstelle mehr. Früher konnten sie kurz Bescheid geben, dass es drei Minuten später wird. „Dann haben die Kollegen im Anschlussbus kurz gewartet. Jetzt müsste ich mit dem Handy anrufen. Das darf ich während der Fahrt nicht, und die Leitstelle ist ohnehin völlig überlastet“, sagt Herr Otto.

Lkw blockiert die Straße

In diesem Moment muss er kräftig auf die Bremse treten. In einem engen Redder bei Rodenbek blockiert ein Lkw in der Dunkelheit die Straße. Der Fahrer des 40-Tonners hat die Warnblinker eingeschaltet und sucht wahrscheinlich nach dem Weg. Er bemerkt den Bus und fährt weiter. „Wir haben Strecken, da sind die Straßen 2,80 Meter breit und der Bus 2,50 Meter. Vor allem im Dänischen Wohld wird das an vielen Stellen spätestens im Winter ein richtiges Chaos geben, wenn sich zwei Busse bei Eis und Schnee entgegenkommen und beide 20 Zentimeter tief in die Bankette müssen.“

Auch ohne Schnee ist eine Runde durch Schierensee nichts für schwache Nerven. Die steilen Straßen und engen Kurven sind nicht für Busse gedacht. Jeder geparkte Pkw, jede Mülltonne kann den eng getakteten Fahrplan aus der Bahn werfen. „Und hier schickt man neue Fahrer ohne Fahrpraxis mit einem 18-Meter-Gelenkbus durch. Das kann nicht funktionieren“, sagt Herr Otto.

Busfahrer gesucht

Seine neuen Kollegen, darunter viele neu angelernte Fahrer aus dem Ausland, nimmt Herr Otto in Schutz. Das Problem seien deren mangelnde Fahrpraxis und die Auswahl des Personals generell. „Gute Leute kann man doch nicht auf Ebay-Kleinanzeigen finden. Da muss man mal an die Fahrschulen gehen oder zum Jobcenter und dort aktiv werden.“ Aber: Der Job sei einfach nicht attraktiv. „Erst fünf Tage vor der Schicht wissen wir, wann wir arbeiten müssen. So kann man doch kein Privatleben planen“, sagt Herr Otto. In anderen Busunternehmen wüssten die Fahrer Wochen im Voraus, wann sie arbeiten müssten.

Wenn jetzt nicht mit einem guten Personalkonzept zur Mitarbeitergewinnung gegengesteuert wird, dann dauern die Probleme noch Jahre, vermutet Herr Otto. Die Fahrer – vor allem die neuen Kollegen – müssten motiviert werden. „Das geht nur mit einer richtigen Ansprache auf Augenhöhe.“

Probleme schon bei Schichtbeginn

Auch Organisation und Einteilung der Busse und Fahrer vor Schichtbeginn hätten noch Luft nach oben. „Wenn ich morgens in der Dunkelheit erstmal auf einem 10 000 Quadratmeter großen Betriebsgelände bei Wind und Wetter zwischen 70 und 100 Bussen den richtigen suche und dann merke, dass ein Kollege schon damit losgefahren ist, dann bin ich bedient.“ Klar, dass das zu Krankmeldungen und Verspätungen führe. Vor allem langgediente Fahrer vermissten Wertschätzung. So habe es ausgerechnet für die Busfahrer keine Corona-Prämie gegeben, sagt Herr Otto. „Lokführer im geschlossenen Steuerstand? Leute im Büro? Was soll das? Die Einzelhändler und wir haben doch jeden Tag mit Hunderten Menschen zu tun.“

Mit drei Minuten Verspätung hat Herr Otto an diesem Morgen sein Ziel erreicht, die Schule in Flintbek. Drei Minuten sind kein Problem – Elterntaxis dagegen schon. Die wenigen Parkplätze vor der Schule sind dicht, Autos stehen in zweiter Reihe. Die Sonne ist gerade aufgegangen, Eltern, Lehrer und Schüler wuseln in den Tag. Hier noch ein Transporter mit Handwerkern, dort noch eine ältere Dame mit Rollator. Die Busfahrer haben Mühe, den Überblick zu behalten. In diesen Situationen müssen sie besonders aufpassen, damit sie kein Kind anfahren. „Wir transportieren Menschen. Wir haben doch Verantwortung“, sagt Herr Otto.

Bus-Verband schlägt Alarm

Erst vor wenigen Tagen hatte der Omnibus-Verband Nord (OVN) Alarm geschlagen. Der Busverkehr in vielen Kreisen „ist aktuell spürbar betroffen von vielerorts nicht ortskundigem oder schlicht nicht vorhandenem Fahrpersonal“, heißt es in einer Mitteilung. Grund seien Fahrermangel und eine mangelnde Attraktivität des Jobs.

„Wir werden auf Sicht kein neues Fahrpersonal mehr für den Linien- und Schulbusverkehr gewinnen können, wenn wir nicht sehr schnell die Arbeitsbedingungen so anpassen, dass die Bruttoarbeitszeit auch annähernd der bezahlten Nettoarbeitszeit entspricht. Insbesondere im ländlichen Raum sind die sogenannten geteilten Dienste längst nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel. Dies führt vielfach dazu, dass dem Fahrpersonal innerhalb der Arbeitsschicht eine unbezahlte Pause von mehreren Stunden zugemutet wird, weil die kommunalen Aufgabenträger üblicherweise nur die Zeiten vergüten, in denen auch tatsächlich gefahren wird“, so der OVN-Vorsitzende Klaus Schmidt.

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Er warnt davor, das Personal an den falschen Stellen – wie Fahrten am Rand der Tageszeiten – einzusetzen. „Wir müssen nicht jeden Feldweg im Stundentakt abfahren, sondern sollten stattdessen lieber die Hauptachsen stärken und eine zuverlässige Bedienung gerade auch des Schülerverkehrs sicherstellen“, sagt Schmidt. Den Job hinter dem Steuer muss man lieben, weiß auch Herr Otto. „Also ich fahre gerne Bus.“

Die Autokraft erklärt, dass es aufgrund mehrerer Fahrplanwechsel noch immer Verbesserungspotenzial beim Thema Streckenkenntnisse sowie der Sicherstellung von Anschlüssen gibt. Eine Sprecherin räumt ein, dass es dabei zu Problemen gekommen war und auch die Dienstplaneinteilung gelitten habe. Dem Fahrermangel wolle man mit Ausbildungsoffensiven und Rekrutierungsanstrengungen entgegensteuern. Mit rund 9,1 Millionen Streckenkilometern ist das ÖPNV-Straßennetz des Kreises das größte jemals in Deutschland ausgeschriebene.

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