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Segeberg Fassade der alten Segeberger Synagoge wird wieder aufgebaut – aus Stahl
Region Segeberg

Alte Synagoge in Bad Segeberg wird aus Stahl wieder aufgebaut

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18:26 14.07.2021
Von Nadine Materne
Die Gedenkstelle für die alte Synagoge in Bad Segeberg in der Lübecker Straße ist weitgehend unbeachtet, kaum jemand weiß, dass hier bis 1962 eine Synagoge stand. Die Fassade soll nun wieder aufgebaut werden.
Die Gedenkstelle für die alte Synagoge in Bad Segeberg in der Lübecker Straße ist weitgehend unbeachtet, kaum jemand weiß, dass hier bis 1962 eine Synagoge stand. Die Fassade soll nun wieder aufgebaut werden. Quelle: Nadine Materne
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Bad Segeberg

Sie wird oft übersehen, die Baulücke in der Lübecker Straße, schräg gegenüber vom Bad Segeberger Rathaus. Menschen auf dem Weg in die Fußgängerzone oder aus der Innenstadt heraus, laufen vorbei an dem Platz, meist ohne diesem Beachtung zu schenken. Dass hier bis 1962 ein jüdisches Gotteshaus stand, wissen fast nur Ortskundige.

Stahlfassade der Synagoge soll im November eingeweiht werden

Einmal im Jahr, in Erinnerung an die Pogromnacht am 9. November 1938, wurde dort bisher der jüdischen Opfern gedacht. Darüber hinaus blieb der Ort meist unsichtbar. Das soll sich ändern: Die Fassade der alten Synagoge, die 1962 abgerissen wurde, soll als offene Stahlkonstruktion in Originalgröße wieder aufgebaut werden. Für jeden sofort sichtbar. Die Einweihung ist für den kommenden 9. November geplant.

Die Skizze zeigt, wie die Stahlsilhouette der alten Synagoge etwa aussehen wird in der bestehenden Baulücke an der Lübecker Straße in Bad Segeberg. Quelle: BAS Architekten

Acht Meter breit und 12,5 Meter hoch in der Spitze ist die neue Gedenkstätte geplant. Skizzen des Architekturbüros BAS in Bad Segeberg visualisieren das Projekt. Ein dicker Querbalken grenzt das erste Geschoss ab. Fenster und Ornamente werden darüber in den Rahmen eingehängt. Durch einen Türrahmen können Besucher hindurchschreiten.

Die neue Gedenkstätte soll Geschichte begreifbar, jüdisches Leben sichtbar machen. In Bad Segeberg hatte es vor der Judenvernichtung der Nationalsozialisten 200 Jahre lang eine lebendige jüdische Gemeinde gegeben, erinnerte der ehemalige Ministerpräsident von Schleswig-Holstein Peter Harry Carstensen, heute Beauftragter für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, am Mittwoch in Bad Segeberg bei der Projektvorstellung.

90 Juden lebten vor über 100 Jahren in Bad Segeberg

Die alte Synagoge in der Lübecker Straße Bad Segeberg wurden 1962 abgerissen. Quelle: Kalkberg Archiv

Bad Segeberg habe zu den privilegierten Städten gehört, in denen sich Juden niederlassen durften. Ende des 19. Jahrhunderts lebten in der Kreisstadt noch 90 Menschen jüdischen Glaubens.

1939 waren es nur noch zwei, der Rest war vertrieben worden oder schon vor der Machtübernahme der Nazis aus anderen Gründen fortgezogen, meist nach Hamburg, erzählt Stadthistoriker Axel Winkler.

Dabei sei es vor 100 Jahren noch normal gewesen, dass Juden in Bad Segeberg lebten, betonte Walter Blender, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde. „Sie gehörten einfach dazu, der Vorsitzende des Kindervogelschießenvereins war Jude gewesen.“ Die jüdische Religion, die sich nur in wenigen Punkten von der christlichen unterschied, sei damals nichts Besonderes gewesen, erinnerte Blender.

Das Denkmal an die alte Synagoge soll dies dokumentieren, dass es jüdische Häuser gab, ein jüdisches Gotteshaus und jüdische Menschen, so Blender. Die Jüdische Gemeinde, die im nächsten Jahr ihr 20-jähriges Bestehen feiert, hat inzwischen ein neues Gotteshaus im Jean-Labowsky-Weg.

Ein Denkmal gegen Antisemitismus

Beim Anblick der Synagoge ist jedoch sofort zu sehen, dass es heute, mehr als 75 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus in Deutschland nicht wieder normal geworden ist, als Jude in Deutschland zu leben. Das Haus ist abgesichert mit hohen Mauern und Zaun mit Stacheldraht. Nach einem Anschlag auf Juden in Halle 2019 wurde das Haus sicherheitstechnisch aufgerüstet. Zu Veranstaltungen wie am Mittwoch ist Polizei vor Ort.

Normal ist das Leben als jüdischer Mensch heute nicht. Die Synagoge in Bad Segeberg ist stark gesichert mit hohen Mauern und Zäunen. Quelle: Nadine Materne

Auch im Kreis Segeberg gab es in jüngerer Zeit Aktivitäten von Rechtsradikalen. Macht sich die jüdische Gemeinde Sorgen, dass das neue Denkmal geschändet werden könnte? „Das war tatsächlich ein Diskussionsthema in der Gemeinde“, sagte Blender. Am Ende aber stand die Entscheidung: „Wir werden uns nicht verstecken.“ Das Material Stahl sei aber auch bewusst gewählt worden: „Stahl ist unkaputtbar.“

Einen Verzicht auf das Denkmal hält auch Peter Harry Carstensen für verkehrt. „Das würde den Rechten recht geben.“ Für Landrat Jan Peter Schröder ist die Fassadenkonstruktion auch ein „starkes Zeichen gegen Antisemitismus“ und für Vielfalt. „Mit dem Fassadennachbau der Synagoge entsteht ein neuer Erinnerungsort, der weit über Bad Segeberg hinaus Beachtung finden wird“, ist Schröder überzeugt.

Breite Unterstützung für den Aufbau der Synagogen-Fassade

Möglich wurde das Projekt auch, weil die Stadtvertretung im Mai beschlossen hatte, das Grundstück der jüdischen Gemeinde zu überlassen. „Es war eine Entscheidung aller Stadtvertreter“, betonte Bad Segebergs Bürgervorsteherin Monika Saggau. Eine demokratische Entscheidung.

In diesem Jahr werden 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland gefeiert. In Bad Segeberg soll im Festjahr die Fassade der alten Synagoge wiederaufgebaut werden als Stahlkonstruktion. Zur Projektvorstellung im jüdischen Gemeindehaus versammelten sich Geldgeber und Fürsprecher aus Politik und Kultur. Quelle: Nadine Materne

Das Projekt steht schon jetzt auf einer breiten Unterstützerbasis, wie an der Finanzierung zu sehen ist. 55.000 Euro sind für den Bau der Fassade veranschlagt. Jeweils 10.000 Euro geben die Stadt Bad Segeberg und die Sparkasse Südholstein dazu, 15.000 Euro haben schon jetzt Bürger gespendet, wie Asmus Hintz, Vorstandsmitglied im Freundeskreis der Jüdischen Gemeinde, betonte.

Hintz wurde als Crowdfunder dazu geholt, als Spendenbeschaffer: „Wir brauchen bürgerschaftliches Engagement, um diesem Gedenkort eine breite Akzeptanz zu verleihen.“ 20.000 Euro in der Finanzierung müssen noch über Spenden eingeworben werden.

So können Sie spenden

20000 Euro Spenden sind noch nötig, um die geplante Fassade der alten Synagoge aus Stahl zu finanzieren. Wer das Projekt unterstützen möchte, kann spenden an das Konto der Jüdischen Gemeinde bei der Sparkasse Südholstein:

IBAN: DE 76 2305 1030 0000 0722 49

Betreff: Spende für Gedenkort Synagoge Segeberg

Spendenbescheinigungen stellt die Jüdische Gemeinde Bad Segeberg aus.

Die Verantwortlichen sind zuversichtlich, dass das klappen wird. Spätestens im September soll das Fundament für die Konstruktion gegossen werden, kündigt Walter Blender an. Damit die Stahlfassade steht, wenn am 9. November wieder an die Nacht von 1938 erinnert wird, in der auch die alte Synagoge geplündert und verwüstet wurde. Abgebrannt wurde sie damals wahrscheinlich nur aus Sorge um die benachbarten Gebäude nicht.

Gerrit Sponholz 14.07.2021
Markus Weber 14.07.2021
Uwe Straehler-Pohl 14.07.2021