Geschichte des "Mädchen im Koffer" berührte Zuhörer in Bad Segeberg
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Segeberg „Mädchen im Koffer“ berührte und erschütterte Besucher in Bad Segeberg
Region Segeberg

Geschichte des "Mädchen im Koffer" berührte Zuhörer in Bad Segeberg

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13:17 08.08.2021
Von Friederike Kramer
Der Heimatforscher Axel Winkler stellte in der Kalkbergoase sein neuestes Werk „Das Mädchen im Koffer" über das Leben und Leiden Segeberger Juden vor.
Der Heimatforscher Axel Winkler stellte in der Kalkbergoase sein neuestes Werk „Das Mädchen im Koffer" über das Leben und Leiden Segeberger Juden vor. Quelle: Friederike Kramer
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Bad Segeberg

Bei der ersten Veranstaltung in der inzwischen überdachten Kalkbergoase an der Hamburger Straße stellte der pensionierte Grundschullehrer und Heimatforscher Axel Winkler sein zweites Buch mit vielen Fotos und Dokumentationen über das Schicksal jüdischer Familien aus Segeberg vor. „Das Mädchen im Koffer“ erschütterte und berührte die etwa sechzig Besucher, die auf Einladung der Buchhandlung „Buch am Markt“ gekommen waren. 23 Stolpersteine erinnern im Stadtgebiet bereits an das Schicksal jüdischer Menschen. Jetzt sollen noch elf weitere für die ermordeten Mitglieder der Familie Levy dazu kommen.

Bilder veranschaulichten die Worte

„Heute erzähle ich von den Leidensgeschichten der Levys und Kosiners“, beginnt Axel Winkler und beamt zur Veranschaulichung historische Fotos an eine Leinwand. Er zeigt einige Koffer mit Beschriftungen wie „Bad Segeberg“, „Hamburg“, „Shanghai“ und erklärt: „Koffer retteten Leben, Koffer erzählten Lebensgeschichten“ und startet mit der Familie Adolf und Johanna Levy, die in der Kurhausstraße 7 und später auch in der Hausnummer 9 – da wo jetzt die Löwenapotheke und die Galerie Peters sind – ein Warenhaus besaßen.

Zehn ihrer elf Kinder besuchten die Segeberger Schulen. Adolf Levy war Gründungsmitglied des Vereins für das traditionelle Segeberger Kindervogelschießen. Gegenüber seinem Geschäft verübten die Nazi-Schergen in ihrer Geschäftsstelle Psychoterror, bis die Familie Levy Bad Segeberg schließlich verlassen musste. Auch der damalige Bürgermeister Johannes Elsner nahm Partei für die Nationalsozialisten und half den Levys nicht. Die damalige Kreiszeitung schrieb kurz und knapp: „Keiner will sie haben!“

Kinder im KZ ermordet

Die meisten Kinder der Familie Levy wurden in den Konzentrationslagern Mauthausen, Theresienstadt und Auschwitz ermordet, nur Johanna Levy, die in den Untergrund in Südholland ging, wurde von den Alliierten befreit und wanderte später nach Kanada aus, wo sie bis 1949 lebte. Am Giebel eines Hauses gegenüber der Skulptur „Gänseliesel“ kann man noch heute einen Reklame-Schriftzug mit „Adolf Levy“ entdecken.

Axel Winkler knüpfte über die Stadthistorikerin aus Quakenbrück, Renate Rengermann, im April 2020 Kontakte mit Ruth Rosenthal, geborene Kosiner, in den USA. Sie ist die Tochter der Bad Segebergerin Lea Kosiner, geborene Beer. Bestürzt und entsetzt lauschten die Zuhörer in der Kalkbergoase den Worten Winklers über die bestialischen Folter- und Mordmethoden der Nazis in den verschiedenen Lagern Buchenwald, Sobibor und Auschwitz. Er berichtete aber auch von dem reichsdeutschen Industriellen Alfred Roßner, den „Oskar Schindler des Vogtlandes“ aus dem Örtchen Bedzin, der einen großen Textilbetrieb führte, in dem viele Juden als wertvolle Zwangsarbeiter beschäftigt waren – wie auch Lea und Alfred Kosiner.

Auf dem Postamt deponiert

Sie wurden in die Lager Mauthausen und Buchenwald deportiert. Alfred hatte zuvor seine Tochter Ruth in einem Koffer versteckt, den er im Postamt deponierte, wo er von einer „arischen“ Mitarbeiterin von Roßner abgeholt werden sollte. Diese verhalf Ruth zu einer neuen Identität als Nichte aus Berlin. Letztendlich gab es für diese Familie ein Happy End. Sie fanden sich nach ihrer Befreiung durch die Alliierten über das Rote Kreuz und zogen 1946 in die USA. Ruth besuchte die Highschool, heiratete und lebt dort als agile 86-Jährige.

Am Ende des zweistündigen Abends bat die Organisatorin der Buchvorstellung, Andrea Fischer vom „Buch am Markt“, die Besucher, für ein Foto zu winken: „Das würden wir gerne an Ruth nach Amerika schicken.“

„Das Buch über das Leben der jüdischen Bürger in Bad Segeberg interessiert mich sehr“, betonte Marita Hamann aus Klein Gladebrügge, die mit ihrer Freundin Anngreet Wandhoff zur Buchvorstellung gekommen war. Das 192-seitige Werk „Das Mädchen im Koffer“ ist in beiden Segeberger Buchhandlungen – Das Druckwerk, Kurhausstraße 4, sowie Buch am Markt, Am Markt 1 – erhältlich und kostet 20 Euro.

Nicole Scholmann 08.08.2021
Einar Behn 17.09.2021
Gerrit Sponholz 07.08.2021