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Segeberg Henstedt-Ulzburger Ärztin organisiert Hilfstransporte in die Ukraine
Region Segeberg

Henstedt-Ulzburger Ärztin Oksana Ulan organisiert Hilfstransporte in die Ukraine

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16:15 01.03.2022
Von Nicole Scholmann
Dr. Oksana Ulan, Andreas Moll, Andreas Findeisen und Florian Gottschalk freuen sich über jede Spende von Medizinbedarf, die abgegeben wird. In Kaltenkirchen werden die Dinge entgegen genommen.
Dr. Oksana Ulan, Andreas Moll, Andreas Findeisen und Florian Gottschalk freuen sich über jede Spende von Medizinbedarf, die abgegeben wird. In Kaltenkirchen werden die Dinge entgegen genommen. Quelle: Nicole Scholmann
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Kaltenkirchen/Henstedt-Ulzburg

Sie lächelt, aber sie hat Angst, große Angst. Um Eltern, Geschwister, andere Verwandte, Freunde und um ihre Heimat. Dr. Oksana Ulan ist Hausärztin in Henstedt-Ulzburg und mit 18 Jahren fürs Studium aus der Ukraine nach Deutschland gekommen. Sie ist geblieben. Jetzt treibt sie die Sorge um. „Wie kann sich die Ukraine nur gegen so ein Monstrum wie Putin wehren?“, fragt die Medizinerin. Um den Ukrainern vor Ort zu helfen, stellt Ulan zusammen mit einem breiten Netzwerk Spenden- und Unterstützungsaktionen auf die Beine.

Die Aufgabe von Oksana Ulan ist es, medizinische Sachmittel einzusammeln. Diese sind dann an die Grenze von Polen zur Ukraine zu bringen. Ulan ist im Vorstand des Vereins Ukrainische Ärztevereinigung in Deutschland tätig. Unterstützt wird die 46-Jährige von der Firma MedX Project aus Lentföhrden. Andreas Findeisen, Chef des Famila-Marktes in Kaltenkirchen, stellt leerstehende Räume im Ohlandpark zur Verfügung. Dort, im Impfzentrum, können die Spenden abgegeben werden.

„Als es am Donnerstag los ging mit dem kriegerischen Angriff auf die Ukraine, war ich wie erstarrt“, erzählt die Medizinerin. Sie konnte nichts essen, nichts trinken, keinen Schlaf finden. Immer hatte sie ihr Smartphone in der Hand, verfolgte Mitteilungen ihrer Familie und Freunde in der Ukraine, schaute Nachrichten und war sprachlos. „Putin hat die Ukraine schon immer gehasst“, sagt Oksana Ulan. Es sei zwar für sie immer eine Frage der Zeit gewesen, wann der russische Präsident Ernst mache, aber „dass er so weit geht, haben wir nicht geglaubt“.

Von einigen Freunden in der Ukraine nichts mehr gehört

Sofort telefonierte Familie Ulan mit ihren Verwandten und Freunden. „Meine Cousine sitzt nur noch im Keller“, beschreibt die Henstedt-Ulzburger Ärztin und ringt mit den Tränen. Sie habe zwar den deutschen Pass, aber Seele und Herz hängen an ihrer Heimat, der Ukraine. Im ganzen Land verstreut leben ihre Freunde und Angehörigen, auch in Kiew und der umkämpfen Stadt Charkiw. Von einigen Menschen hat sie seit einigen Tagen nichts mehr gehört.

Am Montag ist eine Freundin samt Tochter, aus der Ukraine geflohen, bei Familie Ulan in Henstedt-Ulzburg untergekommen. Tagelang seien beide unterwegs gewesen, um in Sicherheit zu kommen. Der Ehemann und der ältere Sohn mussten bleiben, der eine an der Front, der Junge beim Zivilschutz.

Spenden in Kaltenkirchen und Kisdorf abgeben

Montags bis freitags ab 9 Uhr können im leerstehenden Aldi-Markt im Ohlandpark Kaltenkirchen medizinische Sachspenden abgegeben werden. Ob Einmalhandschuhe, Schmerzmittel oder Erste-Hilfe-Kästen – alles wird entgegen genommen. Auch der Verein SSC Phoenix Kisdorf unterstützt die Aktion und nimmt am Sonntag, 6. März, von 12 bis 17 Uhr im Clubheim am Strietkamp 25 in Kisdorf Spenden an. „Krieg kann und darf keine Lösung sein. Wir sind tief erschüttert über den kriegerischen Angriff auf die Ukraine und wollen versuchen zu helfen“, heißt es in einer Mitteilung des Sportvereins.

Familie Ulan hat auch russische Freunde – und einige mit dem Kriegsbeginn verloren. Eine ehemalige Freundin ignoriere das Kriegsgeschehen, „sie will das nicht hören“. Andere wiederum würden sich schämen, dass ihr Präsident die Ukraine überfallen habe. Aber die Angst vor Repressalien oder gar Gefängnis, wenn man in Russland auf die Straße gehe und sich gegen die Regierung wende, sei groß. „Wenn man dort zu einer Demonstration geht, dann landet man im Knast oder auf einer Liste“, sagt Oksana Ulan.

Nach eineinhalb Tagen Schockstarre erwachten die Lebensgeister von Oksana Ulan und ihrer Familie. Sie schloss ihre Praxis in Henstedt-Ulzburg und legte los. Mit einem Brief an wenige Freunde begann die Hilfsaktion, mittlerweile kann sie sich kaum retten vor Angeboten. Wie der kleine Wassertropfen, der in den See gefallen ist und nach und nach einen großen Ring bildet, verbreitete sich die Hilfsaktion.

Paracelsus-Klinik spendet Material für die Ukraine

Mehrere Krankenhäuser und Firmen haben gespendet, gebraucht werden unter anderem Blutstiller, Verbandmaterial, Schmerzmittel, Antibiotika, Erste-Hilfe-Kästen und Beatmungsutensilien. So gab es von der Henstedt-Ulzburger Paracelsus-Klinik OP-Kleidung, Verbände, Desinfektionsmittel und – so bitter es ist – Leichensäcke, erzählen die dankbaren Helfer. Willkommen sind natürlich auch Spenden von Privatpersonen. Die Annahme beschränkt sich auf medizinische Artikel.

Über private Kontakte kam die Firma MedX Project aus Lentföhrden ins Spiel. Geschäftsführer Andreas Moll und Florian Gottschalk, Leiter des Projektmanagements, waren sofort Feuer und Flamme. Beide haben Erfahrung mit und in Krisengebieten. Moll war zwei Jahre mit der Bundeswehr in Afghanistan, Gottschalk hat als Helfer beim Technischen Hilfswerk (THW) in 16 Ländern der Erde schon geholfen. Andreas Findeisen als Chef des Famila-Marktes im Ohlandpark war sofort mit im Boot und stellte die Räume schnell und unbürokratisch zur Annahme der Spenden zur Verfügung.

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MedX Project hat eine spezielle Task Force zusammengestellt, die die Spenden sichtet, zum Transport vorbereitet und an die Grenze von Polen zur Ukraine bringt. Sobald ein Fahrzeug, egal ob Sprinter oder Lkw, voll ist, geht die 2000 Kilometer weite Fahrt los, beteuert Andreas Moll. Es seien bereits Lieferungen unterwegs. An der Grenze werden die Sachspenden an andere Organisationen wie das Rote Kreuz, Unicef und die UN-Flüchtlingshilfe übergeben. Man spreche sich dort vor Ort genau ab, betont Gottschalk.

Allen Beteiligten tue es in der Seele weh, was in der Ukraine gerade geschehe. „Da muss man doch helfen“, fasst Florian Gottschalk zusammen. Wie Dr. Oksana Ulan die Sorge um ihre Lieben und die Organisation der Hilfsaktion unter einen Hut bekommt? „Ich kann mir keinen Zusammenbruch leisten. Wir müssen so viel Hilfe geben wie möglich“, sagt die Henstedt-Ulzburgerin. Sie weiß nicht, wie der Krieg ausgehen wird, „das lässt sich schwer sagen“. Die Ärztin ist überwältigt von der große Welle an Hilfsbereitschaft in Deutschland. Und das ist wieder ein Moment, in dem sie ihre Tränen zurückhalten muss.

Sylvana Lublow 01.03.2022
Thorsten Beck 01.03.2022
Nadine Materne 01.03.2022