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Segeberg Infektionsschutz im Kreis Segeberg überfordert: Was Corona-Infizierte jetzt wissen müssen
Region Segeberg

Infektionsschutz im Kreis Segeberg überfordert: Was Corona-Infizierte jetzt wissen müssen

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17:04 03.01.2022
Von Nadine Materne
Der Infektionsschutz des Kreises Segeberg ist wieder am Limit, macht nur noch das Notwendigste bei der Kontaktverfolgung. „Wir kommen nicht mehr hinterher“, sagt Landrat Jan Peter Schröder. Deshalb kommen noch diese Woche erneut Bundeswehrsoldaten zu Hilfe.
Der Infektionsschutz des Kreises Segeberg ist wieder am Limit, macht nur noch das Notwendigste bei der Kontaktverfolgung. „Wir kommen nicht mehr hinterher“, sagt Landrat Jan Peter Schröder. Deshalb kommen noch diese Woche erneut Bundeswehrsoldaten zu Hilfe. Quelle: Nadine Materne/Christian Detlof
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Kreis Segeberg

Der Kreis Segeberg kapituliert vor Omikron. Wegen des massiven Anstiegs an Erkrankten und Hunderten Kontaktpersonen, die sich nach Omikron-Fällen auf Weihnachtspartys in Diskotheken absondern müssen, ist der Infektionsschutz des Kreises vollkommen überlastet, Hunderte bestätigte Infektionsfälle der Feiertage sind noch nicht abgearbeitet, dazu etwa 1500 Kontaktpersonen.

Über genaue Zahlen hat der Kreis Segeberg längst keinen Überblick mehr. Die Kontaktverfolgung wird nun auf ein „Mindestmaß“ reduziert. Auch die Bundeswehr wurde wieder zu Hilfe gerufen.

Hunderte unbearbeitete Fälle beim Infektionsschutz

„Wir kommen nicht mehr hinterher“, beschreibt Landrat Jan Peter Schröder die Lage im Infektionsschutz des Kreises. Allein 500 bis 600 Rückmeldungen aus den Laboren über positive Testergebnisse seien derzeit noch nicht abgearbeitet. Dazu kämen gut 1500 Kontaktpersonen.

Allein am Montagmorgen seien im Postfach des Gesundheitsamts 900 E-Mails aufgelaufen, berichtet Schröder. Darunter auch eine Vielzahl von Besuchern, die an Weihnachtsfeiern in Diskotheken teilgenommen hatten, auf denen einige Gäste mit Omikron infiziert gewesen waren. „Die Infektionszahlen also werden noch steigen“, sagt Schröder.

Wie hoch die Ansteckungszahlen im Kreis Segeberg derzeit jedoch sind, weiß niemand. Sicher aber ist laut Kreissprecherin Sabrina Müller: Die angegebene Inzidenz von rund 250 für den Kreis Segeberg „spiegelt in keiner Weise den aktuellen Wert wider. Dieser ist deutlich höher.“

Weihnachtsfeiern in Diskotheken: „Ein erheblicher Schlag“

Die Ursache sieht der Kreis zum Einen durch die rasante Ausbreitung von der Omikron-Variante. Diese sei auch in Segeberg bereits „absolut führend“. Landrat Schröder kritisiert in dem Zusammenhang auch das Land, das im Unterschied zu zahlreichen anderen Bundesländern große Partys an den Weihnachtstagen zugelassen hatte: „Das war ein erheblicher Einschlag, dass sich das Land hier anders entschieden hat“, so Schröder. Wenn auch unter Auflagen. Aber: „Trotz Einhaltung der Auflagen ist zu sehen, dass die Infektionen in den Tanzclubs zu verzeichnen sind.“ 2G Plus, das reiche bei Omikron offenbar nicht aus, so Schröder. „Ein Stück weit ist die Situation selbst gemacht.“

Zwei Drittel bis Drei Viertel der auflaufenden Fälle im Infektionsschutz gehe auf diese Partys zurück, schätzt auch Dr. Christian Herzmann vom Segeberger Infektionsschutz. Es gehe nicht nur um die Besucher selbst, sondern auch das Umfeld, das in Quarantäne muss. „Und wir sehen auch schon die ersten Fälle in den Familien“, so Herzmann.

Kontaktverfolgung in Segeberg auf das Notwendigste beschränkt

Angesichts des schieren Arbeitsaufwands will sich der Kreis nun auf das absolut Notwendigste konzentrieren. So sollen die täglichen Pressemeldungen über tagesaktuelle Infektionszahlen bis auf Weiteres entfallen, denn sie seien wenig aussagekräftig. Aber auch in der Kontaktverfolgung macht der Kreis Abstriche. „Wir konzentrieren uns auf die vulnerabelsten Gruppen“, so Schröder. Dazu gehören etwa Alten- und Pflegeheime. Neu gemeldete Covid-Fälle würden gesichtet und nach Dringlichkeit beantwortet, bei Fällen vor dem 31. Dezember 2021 werde es Wochen dauern, bis diese abgearbeitet seien, heißt es in einer Mitteilung des Kreises.

Auch in Kitas, Schulen und ähnlichen Betreuungseinrichtungen wird die Ermittlungsarbeit und Nachverfolgung bei Coronafällen künftig massiv eingeschränkt, kündigt der Kreis an. „Weil das keine vulnerablen Gruppen sind“, begründet Herzmann. Auch ältere gemeldete Fälle, bei denen die Infektionsketten nicht mehr unterbrochen werden können, bleiben künftig unbearbeitet.

Dr. Christian Herzmann vom Gesundheitsschutz des Kreises Segeberg: „Wir konzentrieren uns auf die vulnerabelsten Gruppen.“ Quelle: Christian Detlof

Stattdessen müssen Infizierte künftig vermehrt mit schriftlichen Handlungsanweisungen auskommen. Auch sollten Infizierte von Anfragen etwa zu Quarantänebescheinigungen beim Infektionsschutz absehen, teilt der Kreis Segeberg mit. Bei medizinischen Fragen sollen sich Betroffene direkt beim Hausarzt melden.

Zur Abarbeitung der aufgelaufenen Fälle hat der Kreis das Personal im Infektionsschutz deutlich aufgestockt. 80 Menschen arbeiten bereits wieder in dem Bereich, berichtet Landrat Schröder am Montag. Auch an den Feiertagen, Weihnachten, Silvester, Neujahr, hätten mindestens 20 Personen täglich gearbeitet im Fachbereich. Mehr sei nicht möglich gewesen.

Bundeswehr hilft wieder aus im Kreis Segeberg

Auch die Bundeswehr wurde am Wochenende wieder angefordert, so Schröder. Zehn Soldaten werden bis Ende der Woche in Bad Segeberg erwartet. Darüber würden weitere Helfer aus dem eigenen Haus rekrutiert, insgesamt werden dann 100 Menschen im Infektionsschutz tätig sein, um die Lage wieder in den Griff zu bekommen.

Zudem setzt der Kreis verstärkt auf Eigenverantwortung der Menschen. Die Vorgaben zur Isolation nach einem positiven Coronatest bleiben bestehen, betont Kreissprecherin Sabrina Müller: Infizierte müssen sich 14 Tage isolieren, Haushaltsangehörige dieser Personen ebenfalls 14 Tage, weil die Omikron-Variante derzeit vorherrscht. Wenn ein Labor bestätigt, dass es sich nicht um Omikron handelt, sind es nur zehn Tage. „Geimpfte und genesene Kontaktpersonen sind von dieser Haushaltsquarantäne nur ausgenommen, wenn kein Verdacht auf die Omikron-Variante besteht“, so Müller.

Kreis Segeberg auf Eigenverantwortlichkeit Infizierter angewiesen

Zudem können Menschen, die einen positiven PCR-Test haben, helfen, die Infektionskette zu unterbrechen, indem sie Personen informieren, mit denen sie zwei Tage vor und nach dem Test beziehungsweise dem Auftreten von Symptomen Kontakt hatten. Je nach enge des Kontakts müssen auch diese Menschen zusammen mit den Haushaltsangehörigen in Quarantäne.

Nach den Coronaausbrüchen mit der Omikron-Variante in verschiedenen Diskotheken müssen sich wahrscheinlich mehr als 1000 Menschen in Quarantäne begeben. Einen Überblick darüber hat der Kreis derzeit nicht. Auch ist es schwer, die angeordnete Quarantäne zu kontrollieren, räumt Landrat Schröder ein. Schon gar nicht flächendeckend. „Wir können nicht vor jedes Haus einen Polizisten oder Sicherheitsdienst hinstellen.“ Wo es für nötig erachtet wird, werde jedoch kontrolliert, so Schröder.

Omikron: Hoffnung auf leichtere Krankheitsverläufe

Zumindest eine leise Hoffnung verbindet der Landrat mit der Ausbreitung der Omikron-Variante: Vielleicht sei dies ein Schritt in die endemische Verbreitung des Coronavirus, so Schröder im Pressegespräch am Montag. Mit zwar vielen Infektionen, aber weniger schweren Verläufen. „Zumindest bei den Geimpften.“

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Bisher zumindest machten sich die vielen neuen Infektionen nicht bei den Krankenhausaufnahmen bemerkbar, sagt Herzmann vom Infektionsschutz. Die Besucher in Diskotheken gehörten aber auch nicht unbedingt zur Risikogruppe.

Keinen Überblick hat der Kreis derzeit über das Verhältnis von Geimpften und Ungeimpften bei den Neuinfektionen. „Wir wissen, dass sich Geimpfte anstecken können“, sagt Herzmann. Meist hätten diese aber leichtere Verläufe. Es sei noch nicht absehbar, wie sich dieses Verhältnis mit der Omikron-Variante entwickelt. „Bisher sehen wir schwere Verläufe vornehmlich bei Ungeimpften.“

Nadine Materne 03.01.2022
Gerrit Sponholz 03.01.2022
KN-online (Kieler Nachrichten) 02.01.2022