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Segeberg Kaltenkirchener hilft in seiner Freizeit von Zuhause aus Menschen im Ahrtal
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Kaltenkirchener hilft in seiner Freizeit von Zuhause aus Menschen im Ahrtal 

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14:47 10.02.2022
Von Klaus-Ulrich Tödter
Verkauft werden dürfen die ungereinigten Flutweinflaschen nicht. Aber engagierte Helfer wie Sven Peters erhalten als Dank manchmal ein Original-Überbleibsel der Flutkatastrophe geschenkt.
Verkauft werden dürfen die ungereinigten Flutweinflaschen nicht. Aber engagierte Helfer wie Sven Peters erhalten als Dank manchmal ein Original-Überbleibsel der Flutkatastrophe geschenkt. Quelle: Klaus-Ulrich Tödter
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Kaltenkirchen

Die Jahrhundertflut im Ahrtal im Juli des vergangenen Jahres hat nicht nur das Leben der betroffenen Bewohner dort völlig auf den Kopf gestellt, sondern bedeutete auch für den Kaltenkirchener Bankvorstand Sven Peters eine völlige Veränderung seines Freizeitverhaltens. Statt abends eine spannende Spielfilmfolge auf Netflix zu sehen, sitzt er lieber am PC oder am Handy, um Menschen im Ahrtal zu unterstützen, die durch die Wassermassen besonders zu leiden hatten. Und statt mit seiner Lebensgefährtin Sandra Simon entspannte Urlaubstage in schöner Umgebung zu genießen, schlüpften sie in Arbeitskleidung, um vor Ort anzupacken oder Arbeiten zu koordinieren. Denn in den betroffenen Gebieten sieht es zum Teil immer noch wüst aus.

Am Anfang Häuser entkernt und Sperrmüll beseitigt

Die Hochwasserflut in der Touristenregion des Ahrtals hat im vergangenen Jahr 134 Menschen in den Tod gerissen, Leid und Zerstörung von unfassbarem Ausmaß angerichtet. Weil dort danach im wahrsten Sinne des Wortes jede Hand gebraucht wurde, stornierten Peters und seine Partnerin kurzerhand ihren gebuchten Südtirolurlaub, düsten ins Ahrtal, um zu unterstützen. Sie entkernten Häuser, räumten Straßen und beseitigten Sperrmüll statt durch die Natur zu wandern und die Sonne zu genießen. Das war der Einstieg in die Dauerhilfe sowie in tiefe Bindungen zu Menschen im dortigen Katastrophengebiet.

Patenschaften für fünf Baustellen übernommen

Das Organisationstalent von Peters sprach sich schnell rum, sodass es bald seine Aufgabe war, als sogenannter Helfer-Scout die Unterstützer einzuteilen und ihren Transport zu den jeweiligen Baustellen zu organisieren. „Inzwischen kenne ich die Orte rund um Bad Neuenahr wie meine Westentasche, brauche keinen Stadtplan mehr“, sagt der 51-Jährige, der schnell erkannt hat, dass hier nachhaltige Unterstützung notwendig ist. Um sich aber auch nicht zu verzetteln, haben er und einige Mitstreiter sich zu einem eigenen Hilfsprojekt entschlossen. Sie haben für fünf Baustellen die Patenschaft übernommen, wollen zwei Jahre helfen, die jeweiligen Gebäude wieder bewohnbar zu machen und die betroffenen Familien dabei zu unterstützen, in ihrem Leben wieder Fuß zu fassen. Und dabei gibt es viel zu tun.

Die Brücke bei Altenahr über den Fluss Ahr ist immer noch zerstört. Quelle: privat

Die Entkernung der Gebäude im Gebiet ist zu 90 Prozent abgeschlossen. Dann galt es zu Winterbeginn eine Zwischenlösung zu finden, um Wärme in die Häuser zu bringen. „Das war ein Riesenproblem.“ Da kamen dann auch Spenden von ausgemusterten Öfen gerade recht. Aber auch um Notunterkünfte der Hausbesitzer musste sich gekümmert werden. Ein Schwerpunkt von Peters Unterstützung besteht derzeit in der Schadensbearbeitung. „Viele haben Versicherungen, andere nicht. Anträge auf Hilfsgelder müssen gestellt und es muss nachgehakt werden, wenn sie nicht fließen“, so Peters. „Da sind die Betroffenen bei der Erstellung vielfach schnell mit ihren Nerven am Ende.“ Ohnehin hat er erlebt, dass den Menschen im Ahrtal die Geschehnisse noch immer unterschwellig sehr präsent sind. „Manche fangen plötzlich spontan an zu weinen.“ Da sei es gut, wenn ein Ansprechpartner zur Verfügung stünde.

„Das größte Problem derzeit sei aber, Handwerker zu finden. Welche, die zu fairen Preisen arbeiten und keine überteuerten Rechnungen schreiben würden. Für Peters ist auch wichtig, dass die freiwilligen Helfer den Firmen nicht etwa die Arbeit wegnehmen. „Das ist nicht der Fall“, sagt er. „Uns geht es mehr um das, was die Unternehmen nicht bewerkstelligen können.“

Viele Kaltenkirchener unterstützen Peters mit Spenden

Die Freizeit-Aktivitäten des Bankfachmannes haben sich schnell in Kaltenkirchen rumgesprochen. „Wir fahren von hier inzwischen nie ohne Spenden los“, sagt er, wenn er mal für ein verlängertes Wochenende dorthin düst. So habe ihm zum Beispiel Geschäftsmann Jörg Rehder über seinen Einkaufsverband Vorführwaschmaschinen besorgt. Andere hätten ihm einige Tausend Euro Bargeld in die Hand gedrückt, ohne eine Spendenquittung dafür zu verlangen. „Sie sagten mir, dass ich am besten wisse, wer unbürokratische Unterstützung braucht.“ Und das wusste Peters in der Tat. So erhielt zum Beispiel eine Alleinerziehende, deren Haus durch die Flut großen Schaden nahm, Geld, um ihrer Tochter die notwendige Zahnspange zu kaufen.

Schöne Erinnerung: Zu Weihnachten hatten Sven Peters und seine Lebensgefährtin Sandra Simon kleine Geschenke zu Rolf Gies (2.v.li.) und dessen Frau Katrin (re.) nach Bad Neuenahr gebracht. Musiker Willi Budde (li.) aus Detmold brachte dem Ehepaar dazu ein Ständchen. Quelle: privat

Zu Weihnachten brachte Peters mit seiner Familie 40 Weihnachtsbäume ins Tal, hatte auch noch viele Geschenke im Gepäck. „Ich glaube, ich habe aber mehr bekommen, als ich verschenkt habe. Das hat mich sehr berührt“, erklärt der Kaltenkirchener, der Heiligabend mit seiner Lebensgefährtin zu Hause verbrachte, aber viel mit Helfern und Betroffenen telefonierte.

Dorfgemeinschaften und Sozialstrukturen haben sich verändert

Peters beobachtet zurzeit veränderte Dorfgemeinschaften und Sozialstrukturen in allen Kommunen im Ahrtal. „Viele Mieter von kaputten Häusern sind weggezogen, werden nicht zurückkommen. Restaurants sind zu, da findet keine Kommunikation mehr statt.“ Auch Schulen und Kindergärten in der Umgebung seien noch dicht, sodass die Jungen und Mädchen ausweichen müssten. Die neue Landrätin im Ahrtalgebiet habe den Wiederaufbau dort mit einem Marathonlauf verglichen. Da sei man jetzt erst bei Kilometer sieben. „Man geht davon aus, dass hier vielleicht in eineinhalb Jahren einigermaßen Normalität herrscht“, so Peters und gibt zu: „Ob wir bis zum Ende mitlaufen, wissen wir noch nicht.“ Das komme auch auf die gesamte Entwicklung im Tal und auch auf die Unterstützung der Politik an.

Manchmal braucht man aber auch etwas Abstand

„Manchmal braucht man auch etwas Abstand, denn wir haben ja auch noch unser normales Leben.“ Und da sei das Paar auch beruflich stark gefordert. Natürlich werde er sich auch weiterhin für seine Projekte und den Helfer-Shuttle im Ahrtal einsetzen, verspricht Peters. Aber in diesem Jahr werde er nur seinen halben Urlaub dort als Helfer verbringen, drei Wochen mit seiner Partnerin woanders entspannen, um den Kopf freizubekommen.

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Aber kaum hat er das ausgesprochen, fällt sein Blick auf eine verschmutzte Flasche „Flutwein“. Die stammt aus einer Winzergenossenschaft, die überschwemmt wurde, wo die Flasche aus dem verschlammten Keller geborgen wurde. Das sei ein Geschenk gewesen. Inzwischen wurden dort aber fast über 1,5 Millionen Weinflaschen gesäubert und konnten zum Teil verkauft werden. Und dann schießt Peters plötzlich auch noch spontan ein Wunsch durch den Kopf. Er hofft, dass sich noch pensionierte Handwerksmeister melden, die für eine gewisse Zeit im Ahrtal Helfer bei Arbeiten anleiten. „Das wäre toll.“ So wie er das sagt, ist schwer vorstellbar, dass er wirklich irgendwann vorzeitig aus dem Wiederaufbau-Marathon aussteigt.

Markus Weber 10.02.2022
Sylvana Lublow 10.02.2022