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Holstein Kiel Marcel Rapp: „Haben das wahre Gesicht der Mannschaft gesehen“
Sport Holstein Kiel

Holstein-Trainer Marcel Rapp im Interview: "Haben das wahre Gesicht der Mannschaft gesehen"

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15:05 19.12.2021
Holstein-Cheftrainer Marcel Rapp im Spiel gegen den FC St. Pauli. Der 42-Jährige sieht die Kieler Leistung gegen den Tabellenführer auch als Gradmesser für das Jahr 2022.
Holstein-Cheftrainer Marcel Rapp im Spiel gegen den FC St. Pauli. Der 42-Jährige sieht die Kieler Leistung gegen den Tabellenführer auch als Gradmesser für das Jahr 2022. Quelle: Uwe Paesler
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Kiel

Beinahe direkt nach dem 3:0-Erfolg gegen den FC St. Pauli verabschiedeten sich die Störche von Fußball-Zweitligist Holstein Kiel in den Weihnachtsurlaub. Cheftrainer Marcel Rapp, der Anfang Oktober auf den zurückgetretenen Ole Werner gefolgt war, machte sich am frühen Sonnabendmorgen gut gelaunt auf den Weg in seine badische Heimat Kronau. Im Interview erklärt der 42-Jährige, was das Besondere an Kiel ist, warum ein neuer Stürmer wichtig sein könnte und wie die Vorsätze für das neue Jahr lauten.

Herr Rapp, nur wenige Stunden nach dem letzten Spiel des Jahres haben Sie sich quasi fluchtartig auf den Weg gen Heimat gemacht – müssen wir Angst haben, dass Sie nicht wiederkommen?

Marcel Rapp (lacht): Das war keine Flucht, die Abreise war so länger geplant. Und nach diesem Abend fährt es sich die weite Strecke deutlich leichter. Wenn man im Auto sitzt, denkt man auch darüber nach, wie die letzten Wochen waren. Ich bin super aufgenommen worden. Das ist nicht selbstverständlich und ein sehr angenehmes Arbeiten. Daher komme ich gern zurück.

Hand aufs Herz: Haben Sie Ihrer Mannschaft eine solche Leistung wie gegen St. Pauli zugetraut?

Das war ein sehr gutes Spiel. Aber dazu gehört auch ein Gegner. Schauen wir auf Heidenheim und Nürnberg, die gut stehen und sich vornehmlich auf das Verteidigen fokussieren, gegen uns aber dennoch in Führung gegangen sind. Da ist es schwieriger, aus dem Spiel so eins werden zu lassen wie gegen St. Pauli. Es steht außer Frage, dass der Charakter der Mannschaft einwandfrei ist. Und gegen Bremen und St. Pauli entwickelt sich dann eine ganz andere Energie, weil der Gegner mitspielen will.

Wie bewerten Sie Ihre ersten rund 80 Tage in Kiel?

Sehr intensiv. Weil es doch nicht so leicht ist, wenn man alleine irgendwo hinkommt. Aber es hat bisher total viel Spaß gemacht. Wir haben ein gutes Trainingsniveau, ein ordentliches Spielniveau. Wir wissen aber auch: Es sind weiterhin nur vier Punkte bis zum Relegationsplatz. Es muss jetzt so weitergehen, wir müssen weiter viel investieren.

Wie haben Sie sich als Badener im hohen Norden eingelebt?

Sehr gut. Ich habe viele nette Menschen kennen gelernt und das nicht nur, weil ich Trainer von Holstein Kiel bin.

Inwiefern mussten Sie auch dazulernen? Haben Sie Erfahrungen gemacht, die Sie aus dem Jugendbereich nicht kannten?

Bei allem, was Fußball angeht, sehe ich keinen großen Unterschied. Die Kommunikation ist anders: Wenn man etwa einem Spieler erklärt, warum er nicht im Kader steht, ist es etwas anderes, ob da ein 17-Jähriger steht oder ein Familienvater. Teils sind die Gespräche leichter, weil es Profis sind, die vielleicht besser damit umgehen können als ein Jugendlicher, der das zum ersten Mal mitgeteilt bekommt. Teils aber auch schwieriger, weil es gestandene Persönlichkeiten sind. Da muss man auch Erfahrungen sammeln.

Marcel Rapp sucht immer wieder das Gespräch mit seinen Spielern. In der Kommunikation bestehen laut dem Chefcoach durchaus Unterschiede zwischen seiner Arbeit im Hoffenheimer Jugendbereich und bei den Zweitliga-Störchen. Quelle: Uwe Paesler

Hinzu kommt der tabellarische Druck. Sind Sie mit solch einer Situation aus Ihrer früheren Arbeit vertraut?

Das ist aus meiner aktiven Zeit noch präsent, da habe ich öfter gegen den Abstieg gespielt. Als Jugendtrainer in Hoffenheim ging es eher um Meisterschaften. Aber ich versuche, mich davon freizumachen. Natürlich will ich jedes Spiel gewinnen, aber deshalb verspüre ich keinen besonderen Druck. Zumindest keinen öffentlichen. Das liegt auch an Kiel, denn auch der Verein macht keinen Druck. Das Umfeld ist sehr ruhig, man lässt den Trainer arbeiten. Das ist wohl ein Stück weit etwas Besonderes. Da ist es eher so, dass ich mir selbst Druck mache, die Mannschaft bestmöglich vorzubereiten.

Apropos Vorbereitung: Was werden ab dem 2. Januar die Trainingsschwerpunkte sein?

Das hört sich zwar blöd an, aber wir trainieren immer alles (lacht).

Welche Rolle spielt dabei das 3-5-2, das laut Ihrer Aussage nach dem Spiel keineswegs aus der Not geboren war?

Für mich ist es kein großes Problem, die Grundordnung mal umzustellen. Auch in Hoffenheim haben wir mal 4-3-3 gespielt, und auch bei Holstein war es in der Vergangenheit nicht immer dasselbe System. Bei Ole (Rapps Vorgänger Ole Werner, d. Red.) stand vielleicht ein klassisches 4-3-3 auf dem Plakat, aber die Umsetzung war immer mal anders. Es geht darum, wie wir Fußball spielen wollen und wie wir diese Idee umsetzen.

Soll die Verpflichtung eines weiteren Stürmers auch dahingehend erfolgen, mit zwei Spitzen agieren zu können?

Ja, zum einen schon. Zum anderen muss man auch sagen: Benedikt Pichler ist in einer guten Form, aber wenn er mal ausfällt, wird es etwas eng. Man sollte Fiete Arp und Hólmbert Fridjónsson diese Last nicht auferlegen. Wir wären mit einem weiteren Stürmer unter Umständen variabler und schwerer auszurechnen, man muss aber auch schauen, ob es wirtschaftlich darstellbar ist.

Kann man den Plan, im Winter einen Stürmer und einen defensiven Mittelfeldspieler zu verpflichten, nach der Leistung gegen St. Pauli etwas ruhiger angehen?

Wir halten auf diesen zwei Positionen Ausschau. Aber wir wissen auch, was die Jungs können, die da sind. Ich weiß es sehr zu schätzen, dass wir einen ausgeglichenen Kader haben. Alle, die am Freitag auf der Bank gesessen haben, haben die Qualität und den Anspruch, Zweite Liga zu spielen. Nun kommen Ahmet Arslan und Marco Komenda noch zurück. Wenn wir noch etwas machen, muss es darum gehen, unter wirtschaftlich tragbaren Bedingungen die Qualität im Kader zu erhöhen. Es gibt kein Harakiri.

Was bringt der Sieg gegen St. Pauli – abgesehen von drei Punkten und einem kleinen Sprung in der Tabelle?

Vor allem ein gutes Gefühl. Die Jungs hatten ein anstrengendes Kalenderjahr mit einer kurzen Pause – eigentlich ein tolles Jahr, allerdings mit einer großen Enttäuschung. Wir haben am Freitag das wahre Gesicht der Mannschaft gesehen: Spieler, die kämpfen und alles geben, die Fußball spielen können. Wenn du dich für gute Spiele nicht belohnst, kommt irgendwann der Selbstzweifel. Nun können wir selbstbewusst ins neue Jahr gehen. Und dann ist es auch Vorfreude, auf Schalke zu spielen. Wir sind bereit und haben Bock auf große Spiele.

Zunächst steht die Weihnachtspause an. Wie verbringen Sie die Feiertage? Können Sie komplett abschalten oder werden Sie täglich mit Sportchef Uwe Stöver telefonieren?

Ich habe meine Familie in letzter Zeit wenig bis gar nicht gesehen, deshalb bin ich sehr froh, meine Frau und die zwei Mädels zu sehen. Es gibt kein großes Programm, wir feiern gemütlich, auch mit Eltern und Schwiegereltern. Wenn man in die Kirche darf, gehen wir in die Kirche. Es ist auch mal gut, wenn man sich nicht so viele Gedanken über Fußball macht – aber es wird keinen Tag geben, an dem ich nicht an Holstein denke. Das macht mir ja auch großen Spaß. Ich werde mit Uwe Stöver natürlich Kontakt halten, aber nicht jeden Tag. Silvester werde ich mit meiner Familie in Kiel verbringen.

Wie sehen die fußballerischen Vorsätze für das neue Jahr aus?

Wir müssen alles daran setzen, dass wir gut aus den Startlöchern kommen. Auch wenn jedes Spiel anders ist, ist die Leistung gegen St. Pauli auch ein Gradmesser. Es ist in Sachen Kompaktheit, Geschlossenheit, Mix aus Ballbesitz und Umschaltspiel eine hohe Messlatte, an der wir uns orientieren.

Von Von Niklas Schomburg

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