Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Holstein Kiel So denkt Tim Walter über Holstein Kiel
Sport Holstein Kiel So denkt Tim Walter über Holstein Kiel
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:04 17.10.2019
Von Marco Nehmer
Immer unter Strom, immer fokussiert: VfB-Trainer Tim Walter, der am Sonntag erstmals auf seinen Ex-Klub von der Förde trifft. Quelle: dpa
Stuttgart

Ein Jahr wie im Flug. Die Saison 2018/19 unter Tim Walter war für Holstein Kiel eine rasante, eine erfolgreiche. Eine in jeder Hinsicht verrückte. Große Siege, bittere Rückschläge. Und immer: Vollgas, totale Dominanz. Fußballerisch hat Walter die Zweitliga-Störche auf ein neues Level gehoben. Mit seiner speziellen Art hat er die Marke Holstein geschärft. Und dann ist er gegangen. Nach Stuttgart, zum ruhmreichen VfB. Nun trifft die Vergangenheit auf die Gegenwart. Die KSV gastiert im Schwabenland (So., 13.30 Uhr, im KN-Liveticker).

Die Erwartungshaltung in Stuttgart scheint an Tim Walter abzuperlen

Ein Anruf bei Walter, dem Getriebenen. Immer auf der Jagd nach dem perfekten Spiel. Druck? Nein, den verspüre er auch beim VfB nicht. Die Erwartungshaltung im „Ländle“ perlt an Tim Walter kraft seines Wesens ab. „Für mich ist Fußball Fußball – egal ob in Kiel, Stuttgart oder sonst wo. Es ist für mich keine Drucksituation, sondern Spaß“, sagt er. Und ohne sein Gesicht zu sehen, nimmt man sein Mienenspiel wahr. Das Lächeln der Überzeugung. „Es ist mein Beruf und meine Passion, Fußball zu vermitteln, jeden Tag mit Spielern arbeiten zu dürfen“, sagt er. „Das ist pure Freude.“

Auch beim VfB Stuttgart, dem abgestiegenen Traditionsverein, hat er sportlich von Tag eins an alles auf den Kopf gestellt. Ohne Kompromisse. Wie damals, im aus Kieler Sicht so weit entfernten Sommer 2018. Erst allein, dann mit Fabian Wohlgemuth, baute Walter, von der U23 des FC Bayern gekommen, den Kader um. Stülpte ihm seine Spielidee über. Ging konsequent seinen Weg. Die Voraussetzungen in Stuttgart seien andere, so Walter, vor allem sei vieles größer. „Aber das Projekt ist ähnlich.“

Tim Walter, der Menschenfänger

Es ist sein Projekt, das er zu ihrem macht. Bei der KSV dauerte es, alle vom diesem Weg zu überzeugen. Aber es gelang. Zeitweise machten die Spieler den Eindruck, sie würden für ihren eigenwilligen Trainer und seine radikalen Ideen durchs Feuer gehen. In Stuttgart indes ist allein die personelle Situation schon eine andere: Den neuen „jungen Wilden“ um Ex-Storch Atakan Karazor steht eine Armada hochdekorierter Altstars gegenüber. Holger Badstuber etwa, Gonzalo Castro – und natürlich Mario Gomez.

Ein Störfaktor? Im Gegenteil. Walter, der Menschenfänger, hat sie auf seine Seite gezogen. „Sie sind bereit, es anzunehmen, es umzusetzen, sagt Walter. „Es macht jeden Tag aufs Neue Spaß, weil die Spieler viel Erfahrung mitbringen, sich aber nicht zu wichtig nehmen. Wir haben eine gute, harmonische Gemeinschaft.“

Nur: Perfekt funktioniert diese Gemeinschaft auf dem Platz noch nicht. Knappe Siege, zwei Remis, zuletzt das 1:2 gegen den SV Wehen Wiesbaden in einem Spiel von absurder Stuttgarter Überlegenheit – die Dominanzmaschine ist noch keine Effizienzmaschine. Trotzdem: Walter ist – vorerst – zufrieden. „Wir sind dabei, die Prozesse immer mehr zu verinnerlichen und zu automatisieren“, sagt er. „Wo wir genau stehen, lässt sich schwer sagen. Aber wir sind auf einem guten Weg.“

"Es macht einen nachdenklich"

Nächster Halt auf diesem Weg: Heimspiel gegen Holstein. Gegen seine alte sportliche Heimat, die in diesen Tagen kaum noch etwas mit jener zu tun hat, die Tim Walter im Mai verlassen hatte. Ein Umstand, der ihn ernst werden lässt. Die Miene verfinstert sich durch die Telefonleitung.

„Es hat mich überrascht, dass nach so kurzer Zeit handelnde Personen ausgetauscht wurden“, sagt Walter. Sein Nachfolger André Schubert überstand nur sechs Spiele. Seine rechte Hand, Sportdirektor Fabian Wohlgemuth, wurde kurze Zeit später freigestellt. „Das ist ein Stück weit so im Fußball“, sagt Walter, „aber es macht einen nachdenklich.“

Walter hält große Stücke auf Ole Werner

Ein Lichtblick in den Kieler Krisentagen ist indes Ole Werner, der der Mannschaft neues Leben eingehaucht hat. Walter, der Werner als U23-Coach erlebt hat, hält große Stücke auf ihn: „Er ist ein engagierter und wissbegieriger Trainer. Er ist sehr strukturiert. So wie ich ihn kennengelernt habe, glaube ich, dass er gute Arbeit leistet.“ Und die Doppelbelastung? „Da sich die Fußballlehrer-Ausbildung etwas verändert hat, halte ich es für machbar.“

All das aber wird am Sonntag keine Rolle spielen. Es geht 90 Minuten um Fußball. Um Walters Spiel. Ob er es als Vorteil für die KSV ansieht, seine Spielweise zu kennen? „Sie wissen, was wir vorhaben. Aber sie wissen auch, dass es trotzdem schwer ist, das zu verteidigen.“ Maximale Überzeugung. Oder einfach: Tim Walter.

Mehr zu Holstein Kiel lesen Sie hier.

Die Auswärtsaufgabe von Holstein Kiel in der Zweiten Fußball-Bundesliga beim VfB Stuttgart wird zum Spiel ohne Geheimnisse - zumindest aus KSV-Sicht. Denn ein Großteil der Mannschaft kennt das System von Ex-Coach Tim Walter auswendig. Und damit, so Kapitän Hauke Wahl, auch dessen Schwachstellen.

Marco Nehmer 17.10.2019

Atakan Karazor sollte beim VfB Stuttgart die tragende Rolle übernehmen, die er unter Tim Walter schon bei Holstein Kiel ausgefüllt hatte. Nur: Beim Fußball-Bundesliga-Absteiger ist alles um einige Nummern größer als an der Förde. Wo Karazor vor dem Wiedersehen mit seinem Ex-Klub steht.

Marco Nehmer 16.10.2019

In einer anderen Tabellenkonstellation wäre es ein Highlight zum Genießen - so aber ist es für Holstein Kiel ein unangenehmer Gang. Das Spiel in der Zweiten Fußball-Bundesliga beim VfB Stuttgart am Sonntag wird schwer. Tim Walter hat am "Ländle" eine neue Dominanzmaschine gebaut - mit Schwächen.

Marco Nehmer 16.10.2019