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Nachrichten: Reitsport Gute Reiter beginnen auf der Schulbank
Sport Reitsport Nachrichten: Reitsport Gute Reiter beginnen auf der Schulbank
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07:00 29.01.2015
Von Jessica Bunjes
Janna Behrens mit Cantinero hilft Teilnehmern, "ihren Blick zu schulen". Quelle: Jessica Bunjes
Kiel

Sprich: Hier wird Reiten nicht im Sattel, sondern erst am Pult gelernt.

„Manche Reiter nehmen ihr Leben lang Unterricht, aber sie wissen nicht, was sie tun“, stellt Cammas in den Raum, in dem goldgerahmte alte Meister der Reitkunst aus der Renaissance, dem Barock und dem Rokoko-Zeitalter an den Wänden prangen. Deren Lehren über den „Tänzer unter dem Sattel“, wie die von Antoine de Pluvinel (1555-1620) und François Robichon de la Guérinière (1688-1751), sind das Credo der 33-Jährigen. „Bei uns geht es um angewandte Reitlehre, nicht um Leistung und Wettbewerb – richtig reiten reicht“, stellt ihre 24-jährige Partnerin Janna Behrens, „Bachelor of Equine Business and Economics“, mit einem Lächeln klar.

 Standard-Reitlehrer-Sprüche wie „mit dem inneren Schenkel gegen den äußeren Zügel treiben“ führen die Hitliste der „Worthülsen“ an, die im Equinstitut mit Sinn gefüllt werden sollen. „Manchmal muss man von seinem hohen Ross herunterkommen und sein eigenes Handeln überdenken“, ist Behrens überzeugt. Spätestens bei schwierigeren Lektionen wie „Schulterherein“ (Seitengang) und „Travers“ (Vorwärts-Seitwärts-Bewegung mit gekreuzten Beinen) sei es wichtig, „dass die Menschen die Theorie verstehen und ihren Blick für die Praxis schulen, um zu wissen, wie sie mit dem eigenen Pferd arbeiten können“.

 Kurz gesagt: Geritten wird zunächst mit dem Kopf, was es gewissermaßen „akademisch“ macht. Janna Behrens, mobile Reitlehrerin und Schülerin des klassischen Reitausbilders Marius Schneider, der in seiner Schule für Reitkunst in Lüdingshausen/Westfalen „authentische Inhalte akademischen Reitens“ vermittelt, erläutert: „Was einen guten Reiter ausmacht, ist, dass er verschiedene Reitmeister verstehen und interpretieren kann. Die Lehren der alten Meister, die wir erhalten wollen, haben nach Jahrhunderten noch Gültigkeit.“

Dieses traditionelle Werteverständnis, das auf Harmonie und Respekt basiert, gekoppelt mit modernen Erkenntnissen aus Pferdewissenschaft, Verhalten, Anatomie und Biomechanik, wollen die Frauen in ihren „Equilloquien“ vermitteln. Dafür bieten sie, über einen Zeitraum von zwei Jahren insgesamt 24 interaktive Seminare in der mit Bildern und Kerzenhaltern liebevoll dekorierten Reithalle von Marie Cammas in Kiel-Rönne an. „Wir wollen ein gutes Lernumfeld schaffen, denn Pferdeausbildung ist ein persönliches Thema, man muss Vertrauen haben, wenn man seine eigene Situation schildert.“ An Tischen mit begleitenden Skripten soll in Gruppen von maximal 50 Teilnehmern, vorerst einmal im Monat, ein Thema erarbeitet werden. „Die Module bauen aufeinander auf. Wir erklären die verschiedenen Unterrichtssegmente schrittweise in Theorie und am praktischen Beispiel unserer drei barocken Lehrpferde“, so Cammas.

Die unterschiedlich weit ausgebildeten Hengste Jubiloso und Cantinero sowie Knabstrupper Wallach Talibur werden an der Hand und unter dem Sattel gearbeitet. Behrens: „Man kann mit jedem Pferd jeden Alters jederzeit neu anfangen, denn die Grundsätze der klassischen Reiterei kommen jedem Pferd zugute, weil in ihrem Mittelpunkt die Gesunderhaltung und das Wohlergehen der Kreatur steht.“