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Equinen Herpesvirus (EHV-1): Die große Angst vor Pferde-Herpes

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20:11 19.03.2021
Von Kristiane Backheuer
Foto: Regelmäßig werden die Pferde auf dem Reiterhof Kruse in Osdorf gegen das gefährliche Pferde-Herpesvirus geimpft – mit Blick auf den Ausbruch in Valencia sagt Kathrin Kohrt (hier mit "Chuck Berry"): "Das war eine gute Entscheidung".
Regelmäßig werden die Pferde auf dem Reiterhof Kruse in Osdorf gegen das gefährliche Pferde-Herpesvirus geimpft – mit Blick auf den Ausbruch in Valencia sagt Kathrin Kohrt (hier mit "Chuck Berry"): "Das war eine gute Entscheidung". Quelle: Ulf Dahl/Privat
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Kiel

Corona, Geflügelpest und dann auch noch das: Im Pferdesport geht die Angst vor dem Herpesvirus EHV-1 um. Auf einem Reitturnier in Valencia brach Ende Februar eine besonders aggressive Art dieser Herpes-Infektion aus. Mehrere Pferde sind daran gestorben – auch Tiere aus deutschen Ställen. In Schleswig-Holstein beobachten die Pferdehalter die Lage mit Sorge.

Auf dem Pensionshof von Hendrik (42) und Kathrin Kohrt (41) in Osdorf (Kreis Rendsburg-Eckernförde) scheint die Welt noch in Ordnung. In kleinen Herden stehen einige der 37 Pferde auf großen Paddocks und blinzeln in die Sonne. In der Halle und auf den Außenplätzen wird trainiert. „Valencia hat mir noch einmal klargemacht, wie wichtig das Impfen ist“, sagt Betreiberin Kathrin Kohrt. Vor zehn Jahren seien sie auf ihrem Hof von Herpes betroffen gewesen. Ein Pferd musste eingeschläfert werden. „So etwas möchte ich nicht noch einmal erleben.“ Deshalb gelte bei ihr eine Bestandsimpfung. Doch leider sei auch das keine Garantie. „Bei dem Herpesvirus jetzt handelt es sich wohl um eine sehr gefährliche Variante“, sagt sie. „Im Grunde gut zu vergleichen mit dem mutierten Coronavirus.“

Auf vielen Höfen im Land ist die Lage nicht so entspannt. Etliche Pferdebesitzer haben Angst, dass das Virus auch ihren geliebten Vierbeiner befallen könnte. Manche sind dennoch strikt gegen eine Impfung. Ein Teil der Betriebe im Land nimmt inzwischen aber nur noch Pferde in den Stall, die auch geimpft sind. So taucht gleich das nächste Problem auf: Der Impfstoff wird wegen großer Nachfrage knapp.

Pferdeveterinär Dr. Jürgen Martens aus Bockhorn (Kreis Segeberg).

Veterinär Dr. Jürgen Martens (68) aus der Pferdeklinik Bockhorn (Kreis Segeberg) sieht die Lage im Norden bislang eher weniger problematisch. Zwei Bestände, die von Herpesvirus-Infektionen betroffen sind, seien ihm derzeit bekannt. Einer im Kreis Stormarn, einer im Kreis Pinneberg. Vor sechs Wochen gab es einen Fall im Kreis Rendsburg-Eckernförde. „Dort sind erforderliche Hygienemaßnahmen eingeleitet worden“, sagt er. „Eine Virus-Verbreitung aus diesen Beständen ist damit unwahrscheinlich.“ Er empfiehlt Pferdebesitzern dringend eine Schutzimpfung gegen das EHV-1-Virus. „Wichtig ist, die Infektion rechtzeitig zu erkennen und fachgerecht zu versorgen.“

Als „derzeit nicht dramatisch“ bezeichnet auch Elisabeth Jensen (58) die Lage im Land. Die Geschäftsführerin vom Pferdestammbuch Schleswig-Holstein/Hamburg betreibt mit ihrem Mann einen Aktivstall in Felde (Kreis Rendsburg-Eckernförde) mit 35 Pferden. Sie rät allen Pferdehaltern und Betrieben, auf Hygiene zu achten. „Grundsätzlich hilft dasselbe wie bei Corona: Abstand von fremden Pferden, Aufeinandertreffen von Pferden aus verschiedenen Beständen reduzieren, Hygienemaßnahmen für Mensch und Tier sowie impfen.“

Auch die Profis zeigen sich bisher gelassen. Vielseitigkeitsreiter Kai Rüder (49) vom gleichnamigen Gestüt auf Fehmarn: „Ich sehe keine große Gefahr, dass unsere Pferde sich mit dem Herpesvirus anstecken, wenn die gängigen Hygienemaßnahmen eingehalten werden.“ Der erfolgreiche Springreiter Jörg Naeve (53) aus Bovenau (Kreis Rendsburg-Eckernförde) schätzt die momentane Situation nur bedrohlich ein, „wenn infizierte Pferde reisen und somit andere anstecken könnten“. Das Herpesvirus sei nichts Neues in der Pferdebranche, sagt der erfahrene Reiter. „Es ist einfach wichtig, dass infizierte Pferde sofort isoliert werden und in Quarantäne gehen.“ Auf dem Hof Waterkant in Pinneberg von Springreiterin Janne Friederike Meyer-Zimmermann (40) sind alle Pferde geimpft: „Ich denke, man sollte in jedem Fall eine Impfpflicht für Turnierpferde einführen.“

Wachsam beobachtet Matthias Karstens (38) vom Pferdesportverband Schleswig-Holstein die Lage. „Wir haben jedes Jahr Herpes-Fälle im Land“, sagt er. „Aber das, was ich von Valencia höre, ist besorgniserregend.“ Viele Reitstallbetreiber und Vereine würden sich derzeit bei ihm melden. „Die Unruhe ist da.“

Bis zum 28. März hat die Deutsche Reiterliche Vereinigung alle Veranstaltungen, bei denen Tiere aus unterschiedlichen Beständen zusammenkommen, abgesagt. Der Weltverband der Pferdesportler (FEI) hat dieses gerade für internationale Veranstaltungen für einzelne Länder wie Deutschland bis zum 11. April verlängert.

Pferde-Herpes kann Thrombosen auslösen
Bei Pferden sind verschiedene Herpesviren bekannt. In Valencia ist die Infektion mit dem Equinen Herpesvirus 1 (EHV-1) aufgetreten. Normalerweise löst diese Infektion eine eher mild verlaufende, fieberhafte Atemwegserkrankung aus. Trächtige Stuten können hierbei ihre Fohlen verlieren. Das Virus wird als Tröpfcheninfektion oder seltener durch Vektoren übertragen. Die Inkubationszeit ist mit meist ein bis drei Tagen kurz.

In seltenen Fällen löst die EHV-1-Infektion in kleinen Blutgefäßen des zentralen Nervensystems Thrombosen aus, was zu mehr oder weniger starken neurologischen Ausfallserscheinungen führt. Dieser Krankheitsverlauf wurde jetzt in Valencia beobachtet, wird aber seit vielen Jahren auch vereinzelt in Schleswig-Holstein gesehen. Eine Impfung kann schützen oder für einen milderen Krankheitsverlauf sorgen. Für Menschen sind die Herpesviren der Pferde nicht ansteckend. Die Erkrankung ist weder melde- noch anzeigepflichtig.

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