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Ponyhof Tonnenberg im Lockdown: Mädchen vermissen die Pferde

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20:00 09.02.2021
Von Jan Torben Budde
Fotos: Gehört zu den sechs Helferinnen im Lockdown: Schülerin Katja Fischer (18) holt am späten Nachmittag Pony Otti zurück in den Stall.
Gehört zu den sechs Helferinnen im Lockdown: Schülerin Katja Fischer (18) holt am späten Nachmittag Pony Otti zurück in den Stall. Quelle: Jan Torben Budde
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Felm

Wo sonst Mädels begeistert im Pferdesattel sitzen, ist Reitsport momentan tabu: Im Lockdown fällt der Unterricht aus – auch auf dem Hof von Gabriele Lorentz in Felm. Von jungen Pferdefans bekommt die Reitstall-Chefin aufmunternde WhatsApp, Bilder und Videos.

Ganz überrascht war Gabriele Lorentz, als ein Paket von den Reitschülerinnen Emma und Catharina eintrudelte: Darin befanden sich selbst gemalte Pferdebilder, Leckerlis für die Ponys und ein zauberhafter Brief. „Liebe Gaby, wir wollten dich ein bisschen aufmuntern“, hatten die Mädchen geschrieben. „Ich war ganz gerührt“, erzählt die 55-Jährige. Per WhatsApp schickten ihr die beiden Pferdefreundinnen sogar noch eine kurze Videobotschaft.

„Ich habe schon viele Angebote von Mädchen bekommen, die mir im Stall helfen oder mal wieder ein Pony streicheln wollen“, erzählt Gabriele Lorentz. Die Sehnsucht ist groß. Doch laut Corona-Bestimmungen dürfen Pferdesportanlagen nur so weit öffnen, wie der Betrieb zur Erhaltung des Tierwohls notwendig ist. Das Sporttreiben und Trainieren ist somit auf den Anlagen nicht zulässig.

An die Verordnung hält sich die Ponyhofbesitzerin, die den Reitstall Tonnenberg in Felm vor knapp drei Jahren gemeinsam mit Ehemann Thomas erworben hat. „Seit dem Lockdown im Dezember gibt es hier keinen Unterricht mehr“, berichtet die Hausärztin. Der Reitstall ist für die Pferdeliebhaberin ein Hobby: „Gerade in Corona-Zeiten bin ich froh, dass ich einen anderen Hauptberuf habe und nicht auf die Einnahmen angewiesen bin.“ Laufende Kosten für Tierfutter, Versicherungen & Co. fallen dennoch weiter an. Drei ihrer fünf Reitlehrer, die allesamt auf 450-Euro-Basis beschäftigt seien, verzichteten momentan auf ihr Geld.

Wellness vor der Nachtruhe: Helferin Silja Blechschmidt striegelt Pony Gina in der Pferdebox.

Besonders schwer falle ihr im Lockdown der Verzicht auf den gewohnten Ponyhof-Trubel, sagt Gabriele Lorentz. Immerhin nutzen sonst 108 Reitschüler von montags bis sonnabends die Anlage am Tonnenberg. Zwölf eigene Pferde hat die Familie. Zudem gibt es im Reitstall drei Einsteller, deren Besitzer Boxen für ihre Lieblinge angemietet haben. „Sie kümmern sich gut um ihre Pferde“, sagt die Felmerin.

Pandemie hin oder her: Bewegung brauchen die Tiere trotzdem. Daher sehen die Corona-Regeln vor, dass Pferde „im Rahmen der Notbewegung geführt, longiert, geritten oder gefahren werden, wie es für ihre Gesunderhaltung notwendig ist“. Morgens nach dem Füttern bringt Gabriele Lorentz die Tiere raus auf den Paddock, ein Auslauf für Pferde. Da sie nach einem Reitunfall gerade leicht gehandicapt ist, freut sich die dreifache Mutter, dass ihr die Töchter Korinna (25) und Annika (22) zur Hand gehen.

Aufmunternde Post im Lockdown: Reitstall-Inhaberin Gabriele Lorentz und Tochter Korinna freuen sich über die selbst gemalten Bilder von zwei Mädchen, die den Pferdehof in Felm vermissen.

Ansonsten erhält die Reitstallbesitzerin auch Unterstützung von sechs Helferinnen, die unter Einhaltung der Corona-Regeln mitunter anpacken. Eine von ihnen ist Schülerin Katja Fischer, die gelegentlich im Stall vorbeischaut – ebenso wie Biologin Silja Blechschmidt oder Opernsängerin Charlotta Henricson. Mit Blick auf die vielen Mädels, die im Lockdown auf Reitunterricht und Pferdekontakt verzichten müssen, sagt Gabriele Lorentz: „Sie haben Verständnis für die Regeln, sind aber trotzdem traurig.“

Unterdessen hat sich die Deutsche Reiterliche Vereinigung – und die ihr angeschlossenen Landespferdesportverbände – nach eigenen Angaben an die Ministerpräsidenten sowie Entscheidungsträger in den Staatskanzleien der Bundesländer gewandt und diese aufgefordert, Training und Unterricht auch im Freizeit- und Amateursport so bald wie möglich wieder zuzulassen.

So argumentiert der Bundesverband, dass gerade Kinder und Jugendliche unter den Kontaktbeschränkungen, der Schließung von Kitas und dem Ausfall von Unterricht leiden. Ihnen fehle ein geregelter Tagesablauf, der Austausch mit Altersgenossen und die Bewegung an der frischen Luft. Pferde könnten in dieser schwierigen Situation Halt geben und Seelentröster sein.

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