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Segelsport Max Kohlhoff und die allerletzte Chance
Sport Segelsport Max Kohlhoff und die allerletzte Chance
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12:16 28.06.2019
Von Niklas Schomburg
Max Kohlhoff kämpft um das Olympia-Ticket, bei der Kieler Woche ist er momentan Vierter. Quelle: Uwe Paesler
Kiel

„Wir ziehen bis zum Ende durch“, sagt Max Kohlhoff. Es klingt fast ein bisschen trotzig, auf jeden Fall aber entschlossen. Kohlhoff meint die aktuelle Olympia-Kampagne im Finn, die der Kieler gemeinsam mit Phillip Kasüske (Berlin) seit mehr als zwei Jahren mit Herzblut und Leidenschaft betreibt. Die jungen Segler (26 und 24) haben sich in der olympischen Traditionsklasse stetig weiterentwickelt, doch sie stehen aktuell vor zwei großen Problemen: Das Ticket für die Spiele in Tokio 2020 ist für die Athleten des Deutschen Segler-Verbands (DSV) so gut wie verpasst – und anschließend fliegen die Finns aus dem olympischen Programm.

Mini-Chance beim Weltcup in Genua

Insgesamt werden nur 19 Finn-Segler im Olympiarevier von Enoshima dabei sein – im Laser Standard der Männer sind es 32, bei den Radial-Frauen sogar 40. Acht Nationentickets für 2020 wurden bei der WM aller olympischen Segelklassen in Århus vergeben, vier weitere bei der Finn-EM im Mai in Griechenland. Bei beiden Veranstaltungen gingen die deutschen Segler leer aus, jetzt bleibt nur noch eine Mini-Chance: Ein kontinentaler Startplatz für Europa ist beim Weltcup in Genua 2020 noch zu haben. „Wir haben beide in Griechenland leider nicht das abrufen können, was in uns steckt“, sagt Kohlhoff. „Wir haben zwei Jahre voll auf Olympia hingearbeitet, und im entscheidenden Moment nicht unsere beste Leistung gezeigt. Und in Genua haben wir noch einige sehr gute Mitbewerber.“ Unter anderem kämpft auch der Franzose Jonathan Lobert, Bronzemedaillengewinner von London 2012, noch um Tokio.

"Kann die Entscheidung nicht nachvollziehen"

Aber egal, ob das kleine Wunder gelingt oder nicht: „Wir ziehen durch“, sagt Kohlhoff nochmal. „Das sind wir uns auch selbst schuldig.“ Olympia 2020 ist die letzte Chance, ab 2024 wird der Finn keine olympische Klasse mehr sein. Stattdessen wird es mit Kitesurfen, Double Hand Offshore und dem 470er drei neue Mixed-Disziplinen geben. „Natürlich bin ich voreingenommen – aber ich kann diese Entscheidung nicht nachvollziehen“, meint Kohlhoff. „Gleichberechtigung ist ja wichtig – aber man muss das Frauensegeln anders fördern als dadurch, dass Männer rausgeschmissen werden.“ Und noch etwas ärgert den Kieler gewaltig: „Es ist mehr als schade, dass solche Entscheidungen über Wohl und Wehe einer Bootsklasse beim Weltverband hinter verschlossenen Türen getroffen werden, von Abgeordneten, die ich nicht mal kenne“, sagt der 26-Jährige.

Der Stachel sitzt tief – verständlicherweise. Nach der Bekanntgabe der Entscheidung kontra Finn brauchte Kohlhoff einige Zeit, um sich Gedanken zu machen. „Ich habe viel darüber nachgedacht, ob ich aufhören soll“, sagt er. Aber er entschied sich zum Weitermachen. Auch weil es von den entscheidenden Stellen Rückenwind gab. „Ohne die Unterstützung in meinem Umfeld, von Sponsoren und auch dem DSV wäre das nicht möglich gewesen.“ Max Kohlhoff wirft so schnell nichts aus der Bahn – nicht nur wegen seiner Finn-typischen Athletik.

Kuhweide, Schümann, Ainslie - alle saßen im Finn

Finn-Segler sind kräftig, athletisch, stabil, physisch wie mental. Ein eigener Schlag. „Der Finn hat seine Nische seit mehr als 65 Jahren“, sagt Kohlhoff. Seine Faszination hat er nicht verloren. „Die Attraktivität kann man vielleicht nur richtig beurteilen, wenn man ihn selbst gesegelt ist.“ Viele berühmte Segler haben das getan. Willi Kuhweide gewann 1964 Gold in Enoshima, eben dort, wo auch 2020 die Segelwettbewerbe stattfinden, Jochen Schümann begann seinen Aufstieg zum erfolgreichsten deutschen Segler mit Finn-Gold 1976. Ben Ainslie gewann 2004 Gold. „Der Finn ist körperlich sehr anspruchsvoll – aber vor allem benötigt er sehr viel Erfahrung“, erklärt Kohlhoff. „Man kann nicht aus dem Stegreif aufs Podium fahren. Phillip und ich sind mit unseren sechs Jahren im Finn verhältnismäßig noch nicht lange dabei.“

Und dennoch wird der Weg bald beendet sein. „Klar blicken wir auch schon über Tokio hinaus“, sagt Kohlhoff. Eine ungefähre Vorstellung von seiner Zukunft außerhalb der Einhandjolle hat der Kieler. „Ich würde gern im professionellen Segeln bleiben“, sagt er. Genau wie Kasüske, der Teil des „Offshore Team Germany“ ist, hat Kohlhoff bereits Erfahrungen auf Big Boats gesammelt. Mindestens bis Genua aber kämpfen die deutschen Segler um ihre Olympia-Chance. Um die allerletzte.

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