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Sportmix "Für mich ist die WM eine zweite Chance"
Sport Sportmix "Für mich ist die WM eine zweite Chance"
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19:46 21.12.2018
Von Tamo Schwarz
Handball-Bundestrainer Christian Prokop. Quelle: Sascha Klahn
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Leipzig

Christian Prokop sitzt auf einem wuchtigen Ledersofa im Leipziger „Café Pilot“. Und plötzlich ist sie da, die neue Leichtigkeit des Handball-Bundestrainers. Der 39-Jährige blickt zurück: ruhig, reflektiert, selbstkritisch. Viel lieber aber schaut er auf das, was da kommt im Januar: die Heim-Weltmeisterschaft, seine „zweite Chance“. Ärmel hochkrempeln, und los geht’s! Dafür ordnet der neue Christian Prokop alles unter, sogar die große Sause anlässlich seines 40. Geburtstages am Heiligen Abend.

Herr Prokop, wenn Sie 2018 Revue passieren lassen – welches Gefühl kommt am stärksten in Ihnen hoch?

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Sportlich war es ein sehr lehrreiches und schwieriges Jahr. Am Anfang des Jahres stand unsere leider schlecht verlaufene EM in Kroatien. Wir haben aber daraus unsere Lehren gezogen und seitdem die Zeit genutzt, um Veränderungen anzustoßen, damit wir für die bevorstehende WM im eigenen Land gut gerüstet sind.

Haben Sie so kurz vor der WM Angst vor Verletzungen?

Wir mussten in der Vergangenheit schon oft auf Verletzungen reagieren, haben einen fast 30 Mann starken Kader. Aber mittlerweile haben wir eine deutliche Hierarchie in der Mannschaft. Gewisse Spieler sind nicht eins-zu-eins ersetzbar.

Ist diese deutlichere Hierarchie auch eine Lehre aus der verkorksten EM?

Mit Sicherheit. Ich habe in meinem ersten Turnier alle, hinsichtlich ihrer Stellung in der Mannschaft, gleichbehandelt. Ich habe Dinge vorgegeben, von denen ich taktisch überzeugt war, und erwartet, dass das alles so eins zu eins umgesetzt wird. Ich vergaß, dass auch die Spieler über einen eigenen großen Erfahrungsschatz verfügen, und werde diesen im Austausch mehr nutzen.

Wie haben Sie das mediale Gewitter nach dem Ausscheiden bei der EM ausgehalten?

Das war eine sehr bittere Erfahrung. Die Berichterstattung war aus meiner Sicht überzogen, aber in beide Richtungen. Es wird generell zu schnell hochgejubelt und dann genauso schnell wieder fallen gelassen. Eben noch galt ich als der Julian Nagelsmann des Handballs. Und auf einmal bei und nach der EM wurde interpretiert und spekuliert, zum Teil ohne Fundament. Ich habe viel Unterstützung in meinem engen Familien- und Freundeskreis bekommen. Aber auch die Mannschaft war bereit, alles offen aufzuarbeiten, und hat nicht blockiert. Alle waren an einem offenen Dialog interessiert.

Hatten Sie die Mannschaft nach der EM verloren?

Ich möchte nicht sagen, dass ich die gesamte Mannschaft verloren hatte, aber einige Spieler vertrauten mir nicht mehr, da wir uns zu wenig ausgetauscht hatten. Während des Turniers war mir die Zeit für jeden Einzelnen abhandengekommen. Das hat für negative Stimmung gesorgt.

War das das größte Versäumnis?

Das ist einer von mehreren Punkten. Ein anderes Beispiel ist unsere Leistung in der Spielsteuerung. Das hat in Kroatien nicht funktioniert. Oder die Anpassung des taktischen Konzeptes an die Stärken der Spieler, die sie in ihren Vereinen in der höchsten Wiederholung spielen. Da habe ich einen Weg verlangt, in dem sich die Spieler unwohl fühlten. Das habe ich unterschätzt. Ja, ich hatte sicherlich Teile der Mannschaft verloren. Aber nachdem sich das Präsidium des DHB für mich ausgesprochen hatte, ging es darum, die Ärmel hochzukrempeln, nach vorne zu schauen und das Vertrauen der entscheidenden Spieler wiederzugewinnen.

Aber einer wie Sie, der aus Verletzungsgründen einst als Spieler von Rechtshänder auf Linkshänder umgeschult hat und danach noch zum Erstliga-Profi wurde, schmeißt die Brocken nicht so leicht hin, oder?

Es gab keine Sekunde, in der ich überlegt habe, hinzuschmeißen, weil ich mit dieser Nationalmannschaft noch viel vorhabe und bewusst einen Fünfjahres-Vertrag unterschrieben habe. Für mich ist die WM eine zweite Chance. Ich will es besser machen.

Welche Ziele haben Sie sich für die WM gesteckt?

Persönlich: einen besseren Mix zu finden aus Fokussierung und Lockerheit. Der größte Wunsch ist, eine Mannschaft ab dem 10. Januar ins Turnier zu schicken, die begeistert, mit der man sich voll identifizieren möchte. Ich vergleiche das gern mit der Eishockey-Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen. Ich mag da nicht nur Schönspielerei, sondern auch harte Arbeit. Da wächst bei uns richtig was zusammen. Das Ziel ist das Halbfinale in Hamburg.

Sie werden Heiligabend 40 Jahre alt. Gibt es eine Geburtstagssause?

Wenn ich ehrlich bin, ist der Geburtstag gedanklich ganz weit hintenangestellt. Da ich Heiligabend Geburtstag habe, war dieser Tag schon als Kind immer ein sehr besonderer Tag mit vielen Geschenken. Aufgrund des anstehenden WM-Highlights wird es ein ruhiger Geburtstag. Die Sause wird nachgeholt.

Lesen Sie das Interview mit Handball-Bundestrainer Christian Prokop in der Sonnabendausgabe der Kieler Nachrichten.

Treffen in Leipzig: Der deutsche Handball-Bundestrainer Christian Prokop im Interview mit Redakteur Tamo Schwarz von den Kieler Nachrichten.