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Sportmix Der große Positionscheck
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12:42 09.01.2019
Von Tamo Schwarz
DHB-Trainer Christian Prokop hat seinen Kader für die Handball-WM 2019 zusammen. Quelle: Sascha Klahn
Kiel

Die Euphorie des EM-Triumphes von Krakau 2016 ist nach den verkorksten Turnieren 2017 (WM) und 2018 (EM) einer neuen Aufbruchstimmung gewichen. Der lange Zeit in der Kritik stehende Bundestrainer Christian Prokop und seine Mannschaft haben sich in großen Schritten aufeinander zubewegt. Am Sonntag hat der 40-Jährige seinen endgültigen Kader nominiert, hat sich gegen einen zweiten Rechtsaußen, dafür aber für eine Dreifachbesetzung am Kreis und einen zusätzlichen Rückraum-Linkshänder entschieden. Für Prokop ist die WM seine "zweite Chance". Vielleicht sogar seine letzte.

Die Torhüter

Früh hat sich der Bundestrainer auf den Kieler Andreas Wolff als Nummer eins festgelegt. Der 27-Jährige, der beim Rekordmeister in Kiel so oft im Schatten des Dänen Niklas Landin steht, braucht dieses Vertrauen. Wolff war das Gesicht des Wintermärchens 2016 in Polen, war danach gefeierter (TV-)Star, ging aber 2017 und 2018 mit den Bad Boys unter. Bei der Heim-WM muss er liefern. "Ich bin heiß, die Mannschaft ist heiß, der Trainer ist heiß", sagt Wolff, mahnt nach den Misserfolgen aber auch zur Demut. Ganz ohne frustriertes Zähneknirschen hat es der Berliner Silvio Heinevetter – mit 34 Jahren ältester Spieler im Kader – nicht hingenommen, nur die Nummer zwei zu sein. "Heine" sorgt für den Anarchiefaktor, hat im Testspiel gegen Tschechien sofort gezeigt, was er kann. Zwischen den deutschen Pfosten: Weltklasse! Und wenn sich einer verletzt, stehen mit dem Kieler in spe Dario Quenstedt und dem Super-Oldie Jogi Bitter zwei Top-Leute Gewehr bei Fuß.

Die Linksaußen

Wolff muss performen? Kapitän Uwe Gensheimer auch! Der wahrscheinlich beste Linksaußen der Welt ist natürlich gesetzt, hatte seine Führungsrolle bei den Turnieren in Frankreich und Kroatien allerdings aus dem Auge verloren. Aber: Gensheimer ist gereift, kann aus seinem Tun wieder mehr Aura generieren, ging bei beiden Testspielen voran. Von dem 32-jährigen, der bald wieder ein Löwe sein wird, hängt eine ganze Menge ab. Auch der Käpt’n fordert indes zur Bescheidenheit auf. Und wen gibt es auf dem linken Flügel noch? Keinen Geringeren als den derzeit besten Torschützen der Bundesliga mit 162 Toren in 19 Spielen: Matthias Musche vom SC Magdeburg. "Ich habe 2007 mit meinem Papa auf dem Sofa alle WM-Spiele geguckt, mir später auch die DVD ,Projekt Gold’ gekauft. Ob das wiederholbar ist? Alles ist möglich!", sagt der 26-Jährige. Beide stehen für Tempospiel, Wurfvariabilität, Sicherheit beim Siebenmeter. Besser geht’s nicht.

Rückraum links

Der Shooter (Julius Kühn/Kreuzbandriss) fehlt ebenso wie das letzte Quäntchen zur internationalen Spitze. Der linke Rückraum ist die größte Baustelle im deutschen Kader, darum setzt Prokop auf das Kollektiv. Man habe eben keinen Karabatic, also müssen die unterschiedlichen Qualitäten dafür sorgen, dass das DHB-Ensemble für den Gegner möglichst schwer auszurechnen ist. Soll heißen: Am liebsten wäre es dem Bundes-Christian wahrscheinlich, wenn sich Steffen Fäth den ganzen Frust einer durchwachsenen Saison bei den Rhein-Neckar Löwen von der Seele ballert. Den Hannoveraner Fabian Böhm nennt Prokop einen "absoluten Krieger". Böhm, der trotz seiner 29 Jahre erst 16 Länderspiele absolviert hat, kommt mehr über das Eins-gegen-Eins. Abwehr-Riese Finn Lemke kann zudem für sporadische Nadelstiche sorgen.

Rückraum Mitte

Deutschland hat ein Spielmacherproblem, das sich bis zum WM-Start nicht mehr lösen lässt. Schon kurios, dass der DHB bei der WM auf einen Spieler vom Zweitliga-Tabellenführer HBW Balingen-Weilstetten setzt. Aber Martin Strobel ist eben nicht irgendwer. Der 32-Jährige führte bei EM-Gold und Olympia-Bronze 2016 Regie bei den Bad Boys, ist ein konservativer Spielmacher mit einer hohen Passgeschwindigkeit und zuweilen ungeahnter Torgefahr. Strobel ist Prokops "spießige" Nummer sicher, seine "Spielmaus2. Ein weitere Teil seiner Planungen ist genau das, wogegen er sich vor einem Jahr mit Händen und Füßen gewehrt hat: ein Linkshänder auf der Rückraum Mitte. Fuchs Fabian Wiede spielt diesen Part überragend, ist bester Vorbereiter der Liga – ein Hoffnungsträger. Steffen Weinhold vom THW Kiel kann das auch, weitere Optionen sind die Rechtshänder Paul Drux oder auch Steffen Fäth. Die Königsposition im DHB-Team wird schlechter gemacht, als sie ist.

Rückraum rechts

Weil Wiede oder Weinhold als Regisseure eine große Rolle spielen sollen, fährt auch der Leipziger Franz Semper – mit 21 der Benjamin im Team – mit zur WM. Und der hat immerhin Europameister Kai Häfner verdrängt. Der Rohdiamant, der lange auch mit den Zebras in Verbindung gebracht wurde, nun aber offenbar nach Flensburg wechselt, punktet mit wuchtiger Unbekümmertheit. Nur im Abschluss ist der drittbeste Feldtorschütze der Liga (90 Tore) oftmals zu crazy. Als Nummer eins gesetzt dürfte aber der unaufgeregte Kieler Steffen Weinhold (32) sein: wegen seiner Erfahrung, wegen seiner Dynamik, wegen seiner Abwehrqualitäten, wegen seiner stillen Art, eine Mannschaft zu führen.

Der Rechtsaußen

Tobi Reichmann hat der "Dahmke-Fluch" getroffen: raus kurz vor der WM! Die Entscheidung, auf einen Rechtsaußen zu verzichten, wurde auch an dieser Stelle vor einigen Wochen als wahrscheinliche Option geäußert. Allerdings: Im Gegensatz zu Reichmann – bester deutscher Schütze beim EM-Triumph 2016 – spielt Rhein-Neckar Löwe Patrick Groetzki eine Saison voller Licht und Schatten. "Nuancen haben zwischen den beiden den Ausschlag gegeben", sagt Christian Prokop. Aber seien wir mal ehrlich: Groetzki ist spielerisch stark, defensiv auch. Was soll denn erst der Lemgoer Tim Hornke sagen, der mit 137 Toren auf Platz zwei des Bundesliga-Torjägerrankings liegt und nicht einmal für die Reserve nominiert wurde? Das zeigt, wie früh der Gedanke, einen Rechtsaußen auf Standby zu lassen, im Kopf des Bundestrainers gereift ist.

Die Kreisläufer

Auf dieser Position ist Deutschland absolute Weltklasse. Über Patrick Wiencek und Hendrik Pekeler ist eigentlich alles gesagt. Das kongeniale Duo vom THW Kiel ist defensiv wie offensiv unverzichtbar. Allerdings: Auch der erst 23-jährige Jannik Kohlbacher, diese Kampfmaschine auf zwei Baumstämmen, ist mittlerweile eine echte Waffe. Erreicht ihn der Ball am Kreis: Tor oder Siebenmeter – fast immer! Kohlbacher bringt eine enorme Physis mit, spielt eine herausragende Saison bei den Löwen. Und die gegnerischen Trainer so: "Jungs, die Bälle dürfen auf keinen Fall an den Kreis kommen!"

Die Abwehr

"Über unsere Abwehr mache ich mit überhaupt keine Sorgen", sagt Kiels Abwehrstratege Hendrik Pekeler. Diese Defensive versetzt die Konkurrenz in der Tat in Angst und Schrecken. Dass mit Weinhold, Wiencek und Pekeler gleich drei eingespielte Zebras auf den Positionen zwei, drei und vier nebeneinander decken können, ist – auch in Kombination mit THW-Keeper Andreas Wolff dahinter – ein Geschenk für Bundestrainer Prokop. Pekeler/Wiencek, Wiencek/Lemke, Lemke/Pekeler – das funktioniert in der 6:0-Deckung immer, auch offensiver angelegt, so wie es Alfred Gislason und Filip Jicha an der Förde spielen lassen. Diese Abwehr steht für Autorität und könnte der Schlüssel zum Glück werden. Denn angesichts eines zuweilen schwächelnden Positionsspiels kann eine 3:2:1-Formation mit Hendrik Pekeler an der Spitze die Mannschaft ins Tempospiel bringen, für leichte Tore sorgen. Die Ansätze in den WM-Testspielen waren schon formidabel.

Die Prognose

Aufbruch, Abwehr, Atmosphäre. Die Bad Boys sind Geschichte. Ein neuer Teamspirit ist bei der Mannschaft von Bundestrainer Christian Prokop spürbar. "Wir kennen uns jetzt ein Jahr länger – da hat sich eine gute Vertrauensbasis entwickelt", sagt Steffen Weinhold. Gemeinsames bricht sich Bahn. Sportlich hat Prokop – sieht man einmal von der 50:50-Entscheidung auf Rechtsaußen ab – bei der Kaderzusammenstellung ein gutes Händchen bewiesen. Die Abwehr muss und wird der Schlüssel zum Erfolg sein. Denn im Angriff fehlt es an Weltklasse. Martin Strobel und Fabian Wiede sind auf der Rückraum-Mitte die Hoffnungsträger dafür, dass sich das gestalterische Fiasko der EM 2018 nicht wiederholt. Der Heimvorteil ist zudem nicht zu unterschätzen. Klar, die Geschichte vom Wintermärchen 2007 kann keiner mehr hören. Aber wer hatte damals schon mit einem Weltmeister Deutschland gerechnet? In der Arithmetik des Turniers wird sich alles auf die Hauptrunde zuspitzen. Fünf Siege in der Vorrunde wären stark. Aber auch, wenn Gensheimer und Co. mit einer Niederlage gegen Frankreich und 2:2 Punkten von Berlin nach Köln reisen, bleibt alles möglich. Dann warten voraussichtlich Spanien und Kroatien – und fast 20000 Fans in der Lanxess Arena. Faktor Abwehr, Faktor Kapitän, Faktor Teamspirit – Prognose: Die Reise endet erst in Herning.

Klicken Sie hier, um alle Spieler des DHB-Kaders für die WM 2019 in Bildern zu sehen!
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