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Sportmix Fabian Böhm: Sanfter Krieger
Sport Sportmix Fabian Böhm: Sanfter Krieger
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16:00 19.01.2019
Von Tamo Schwarz
Foto: Fabian Böhm.
Fabian Böhm. Quelle: Sascha Klahn
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Köln

Stimmt alles. Aber was ist mit: Familienmensch? Wohltätig? Sanft? Böhm ist wohl die größte deutsche Überraschung bei dieser WM. Der fatale Fehlpass im Spiel gegen Frankreich? Geschenkt! Ansonsten kommt er bei seiner zweiten Weltmeisterschaft nach 2015 rein, ist frech, schnell, strahlt Torgefahr aus, hat bislang zehnmal getroffen. 2015, genau – auch bei den Titelkämpfen in Katar stand Böhm im Kader von Dagur Sigurdsson, wurde im Anschluss nicht mehr berufen, bis im Sommer der Anruf von Bundestrainer Christian Prokop kam.

Prokop und Böhm kennen sich aus Essen

Man kennt sich aus der gemeinsamen Zeit in der Saison 2012/2013 bei TuSEM Essen. „Er hat gesagt, er wollte mich mal wieder einladen. Ich war dann sehr schnell wieder ins Team integriert. Ich habe das Gefühl, er ist ruhiger, gelassener, abgezockter geworden als damals in Essen.“ Ruhig, gelassen. Im Spiel trägt Böhm Kontaktlinsen, ansonsten eine Brille. Sieht so nett aus, wie er im Interview dasteht, als käme er gerade aus dem Hörsaal – 1,98 Meter groß, 21 Länderspiele, 31 Tore. Der Bundestrainer nennt diesen netten Schwiegersohn seinen „Krieger“. Aber warum eigentlich? „Das ist meine Rolle. Ich bin ein emotionaler Spieler, soll die Mannschaft, wenn ich reinkomme, mitreißen, da sein, dafür sorgen, dass kein Bruch ins Spiel kommt.“

Und er kommt rein. Immer wieder, weil Steffen Fäth mal Weltklasse verkörpert, dann wieder abtaucht. Dann kommt Böhm mit Wucht aus dem Hintergrund, geht auf die Deckung, steigt hoch, prellt noch einmal, steigt wieder hoch. „Er pusht uns emotional, macht einen richtig guten Job“, lobt Prokop. „Er ist sehr verlässlich“, sagt Böhms Zimmerkollege Martin Strobel. Der Spielmacher verrät dann noch ein Geheimnis: „Er versucht immer, vor mir einzuschlafen, um meinem Schnarchen aus dem Weg zu gehen.“ Dieser „Krieger“ verfolge ihn mittlerweile, sagt Fabian Böhm und lacht: „Privat wäre es ja schon komisch, wenn ich ein Krieger wäre. Ich verbringe gerne Zeit mit meiner Frau und meinem Sohn, bin ein ausgesprochener Familienmensch.“

Ehefrau Katharina und der einjährige Otto sind Böhms Zentrum. Momentan in Hannover. Mit der TSV hatte der Rückraumspieler eine harte Zeit im November und Dezember. Der Klub strauchelte, von Verletzungen geplagt, mit sieben Niederlagen in Folge der Winterpause entgegen, rangiert momentan auf Platz 14 der Bundesliga. „Bei der WM ist es schon gut, einen anderen Fokus zu haben, aber Hannover ist natürlich auch immer mit dabei. Die Zeit war nicht einfach.“ Clever, Familienmensch, Krieger.

2013 gründete Böhm die Stiftung "Be Tuk"

Und dann ist da noch der Fabian Böhm mit dem Verantwortungsbewusstsein für Benachteiligte. 2013 gründete er zusammen mit seinem Essener Teamkollegen Hannes Lindt „Be Tuk“ – nachhaltiges Bio-Fashionlabel und Stiftung in einem. Das Label existiert zwar nicht mehr, die Stiftung schon. „Ich kann mit dem, was mir Spaß macht, mit meinem Hobby Geld verdienen. Darum möchte ich mich für die einsetzen, denen es nicht so gut geht. Das liegt mir sehr am Herzen“, sagt Böhm.

Immer wieder bringen Böhm und Lindt regionale Projekte auf den Weg, zuletzt gründeten sie mit Grundschülern in Cottbus einen Bienenstock, unterstützen eine Behinderteneinrichtung in Hannover. Böhm nutzt seinen Prominentenstatus, will die Welt ein kleines bisschen besser machen. Und er hat Pläne für die Zukunft. Im Handball? Die Antwort überrascht: „Ich bin schon froh, wenn der Abschnitt Handball in meinem Leben irgendwann vorbei ist und freue mich auf klarere Strukturen in meinem Privatleben. Es ist doch was Tolles, Sonnabend und Sonntag mal frei zu haben.“

Böhm spielte schon in Magdeburg, bei den Füchsen, beim Bergischen HC, in Essen und Balingen in der Bundesliga. In Hannover absolviert er sein drittes Jahr. Und dann? Der 29-Jährige studiert Baumanagement, Vater Udo leitet ein Bauunternehmen in Böhms Heimatstadt Potsdam. „Ich kann mir gut vorstellen, später dort einzusteigen. Ich habe in Hannover einen Vertrag bis 2020. Dann möchte ich mit meiner Familie auf jeden Fall nach Potsdam zurück. Das ist der Plan.“

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