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Sportmix Im Ring mit Fehmarns härtester Faust
Sport Sportmix Im Ring mit Fehmarns härtester Faust
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06:08 23.12.2016
Da muss man einstecken können: Reporter Peter Mantik (li.) im Ring mit Boxlegende Jürgen Blin (73) im Box Gym Hamburg. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
Hamburg/Fehmarn

Am 26. Dezember 1971 blickte die ganze Welt auf den Fehmaraner, als Blin mit „dem Größten“, mit Muhammad Ali, im Züricher Hallenstadion im Ring stand. Den Reporter lud der heute 73-Jährige ins Boxgym seines Freundes Erol Ceylan nach Hamburg ein – zum Interview mit Schnuppertraining.

 Während es für den Sparringspartner im Ring keine Rettung gibt, war das Boxen für Blin der einzige Weg raus aus seiner persönlichen Misere. „Meine Kindheit war keine Kindheit, schlimm.“ Blin musste erst lernen, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Geboren wurde er auf Fehmarn, doch da sein Vater ein Problem mit dem Alkohol hatte, zog seine Familie ständig um. Eutin, Scharbeutz, Reinfeld, Klein Zecher, Großensee. „Ich musste mir immer wieder neue Freunde suchen.“ Nicht umsonst habe er mit 14 gesagt: „Schluss, ich muss weg.“

 Er heuerte als Schiffsjunge an, nahm den Zug nach Rotterdam. Weit weg, auf die See. Messing putzen. Zurück in Hamburg habe ihn ein Fleischer gefragt, ob er nicht Metzger werden wolle. Blin wollte.

 Gegenüber gab es einen Boxclub. „Ich hatte kein Talent, aber ich war fleißig.“ Blin kämpfte sich hoch, Schlag auf Schlag, Runde für Runde. Hamburger Meister, Deutscher Meister, Europameister.

 Es gab nur einen einzigen Fight in seiner Karriere, vor dem er wusste: Heute kann ich nicht gewinnen. „Da werden einem die Knie weich, wenn einem dieser Mann gegenüber steht.“ Muhammad Ali. Blin schwärmt: „Er war groß, er war schnell, er hatte alles.“ Ali sei eine Ikone gewesen. „Nur seinetwegen bin ich heute noch interessant. Weil ich mit ihm im Ring gestanden habe.“

 Sieben Runden hat er sich gewehrt, bis er nach drei Präzisions-Treffern Alis auf die Knie ging. „Ich war noch klar im Kopf, hätte weitermachen können, doch es machte keinen Sinn mehr.“ Ali setzte seine Weltkarriere fort, und auch Blin feierte seinen größten Erfolg noch: Er gewann 1972 gegen Jose Manuel Urtain den Europameister-Titel.

 Die Erinnerungen machen Blin Lust auf eine Runde mit dem Reporter. Jetzt muss die Brille runter von der Nase. „Komm, links, links, rechts und dann mit der Linken wieder raus.“ Das Spiel ist einfach. Redakteur schlägt nach Anleitung – und Blin vermittelt das Gefühl eines echten Kampfes, indem er immer mal wieder selbst einen gebremsten Schlag an den Mann bringt. Mal auf den Solarplexus – ja, das Atmen fällt dann schwer –, auch mal eine Gerade als Wischer zum Kopf.

 Der Hunger nach Erfolg ist noch immer in seinen Augen zu erkennen. Das wirkt sich auf das Gegenüber aus, das nun keinen Schlag mehr zustande bringt. Blin ist austrainiert. Jogging an der Bille, Treppenläufe im Park und Schattenboxen im Gym füllen seinen Alltag. „Ich trainiere auch noch Jugendliche, mache den Burschen alle Übungen selbst vor“, erzählt Blin in einer kurzen Verschnaufpause.

 Das Boxen in Deutschland befinde sich seit Jahren in der Krise. „Ich warte ja immer darauf, dass da mal wieder einer kommt.“ Bisher vergebens. Sein früh verstorbener Sohn Knut, der hätte einer werden können, wenn er nicht so krank gewesen wäre. „Der hatte auch alles, Körper, Talent. Wirklich schade.“

 Für Schlagzeilen sorgte Blin 2007 unfreiwillig, als ARD-Moderator Waldemar Hartmann ihn bei der Anmoderation des Walujew-WM-Kampfes live vor 7,43 Millionen TV-Zuschauern fälschlicherweise für tot erklärte. Derweil genießt Blin das Leben weiter. Mit seiner Brigitte lebt er in einem schönen Häuschen am Hamburger Stadtrand. Seine Sporttasche ist stets gepackt. Das Boxen lässt ihn nicht los – auch 45 Jahre nach dem Fight seines Lebens nicht. Zum Abschied im Gym sagt er: „Meld Dich, wenn Du mal wieder boxen willst. Ich bin bereit.“

Von Peter Mantik

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