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Langstreckenschwimmerin aus Kiel: Lotta Steinmann schwimmt allen davon

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19:26 28.04.2021
Von Clemens Behr
Lotta Steinmann sitzt an Wasserkante an der Kiellinie. Die 21-Jährige ist Weltrekordhalterin im Marathonschwimmen Beltquerung.
Lotta Steinmann sitzt an Wasserkante an der Kiellinie. Die 21-Jährige ist Weltrekordhalterin im Marathonschwimmen Beltquerung. Quelle: Frank Peter
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Kiel

Lotta Steinmann steht an der Wasserkante der Kiellinie an der Reventloubrücke und blickt über die Kieler Förde. Von hier bis zum Fähranleger in Laboe, dem Eingang der Bucht, geht es neun Kilometer durch das Wasser. Wer die Fördefähre hier verpasst, muss mehr als eine Stunde, manchmal fast zwei, auf die nächste warten. Lotta Steinmann könnte diese Distanz stattdessen schwimmen – und wäre wohl schneller in Laboe.

Die Kieler Studentin ist Langstreckenschwimmerin. Vor knapp zwei Jahren, im August 2019, stellte sie einen neuen Weltrekord im Marathonschwimmen Beltquerung auf, laut Organisatoren eines der härtesten Langstreckenschwimmen weltweit. In vier Stunden und zwölf Minuten bewältigte sie die 21 Kilometer lange Strecke von Rødby nach Puttgarden und unterbot damit die Bestzeit des Schweizers Bruno Baumgartner aus dem Jahr 2012 um 41 Minuten.

Marathonschwimmen Beltquerung: Den Weltekord um 41 Minuten unterboten

So wie viele Läuferinnen und Läufer in der Vorbereitung auf einen Marathon nicht die gesamte Strecke zurücklegen, war auch Lotta Steinmann die 21 Kilometer zuvor noch nicht geschwommen. „Innerhalb eines Tages schon, aber nicht an einem Stück. Da war die längste Strecke 14 Kilometer. Aber ich habe beschlossen, wenn das an einem Tag klappt, geht das auch in einem Rutsch“, sagt die 21-Jährige mit einer Mischung aus Nüchternheit, die sie sich angeeignet und Ehrgeiz, den sie sich als Schwimmerin bewahrt hat.

Lotta Steinmann fühlt sich im Wasser wohl. In Seen noch mehr als auf der Schwimmbahn. Weil sie hier mit dem Schwimmen begann. „Meine Großeltern hatten ein Haus am Stadtsee in Mölln, meine Eltern einen großen Teich im Garten. Da musste ich früh schwimmen lernen – und dann habe ich damit nicht mehr aufgehört.“ Den ersten Freiwasserwettkampf bestritt sie mit sieben Jahren in der Nähe ihres Heimatortes Bälau, einer 230-Einwohner-Gemeinde im Kreis Herzogtum-Lauenburg.

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Sie fing an, im Verein zu schwimmen. „Irgendwann hatte ich ein gutes Langstreckenschwimmen in der Halle über 1500 Meter. Die Zeit war überraschend gut. Und dann wurden die Distanzen immer länger.“ Als Zehnjährige wechselte sie nach Lübeck und ging mit 14 Jahren auf ein Sportinternat nach Magdeburg, trainierte dort drei Jahre, nahm an Junior Europa- und Weltmeisterschaften teil, sammelte Medaillen – und machte dann einen harten Cut. „Das Training hat keinen Spaß mehr gemacht. Es lief sportlich nicht mehr. Und das Konkurrenzdenken war sehr stark“, sagt Lotta Steinmann rückblickend. Sie legte eine Schwimmpause ein, machte noch ihr Abitur in Magdeburg, kehrte dann zurück in den Norden und allmählich zurück ins Wasser.

Im See fühlt sie sich wohler als im Hallenbad

Seit zwei Jahren lebt Lotta Steinmann in Kiel, studiert im vierten Semester Maschinenbau an der Fachhochschule. Für den SV Wiking absolvierte sie einige Bahnwettbewerbe, wechselte vor kurzem zum SV Neptun. Doch ihre Leidenschaft bleibt das Freiwasserschwimmen, obwohl Seen und Meere deutlich weniger Komfort als ein beheiztes Hallenbad bieten – und weniger Algen. „Wenn ich trainiere, dann mag ich das überhaupt nicht, wenn ich eine Alge berühre“, sagt die Schwimmerin. „Bevor ich in einen neuen See gehe, überprüfe ich vorher auf Anglerkarten, wo es wie tief ist und wo es keine Algen gibt. Beim Wettkampf nehme ich das aber gar nicht wahr.“

Auch bei der Beltquerung ließ sie sich durch nichts aus der Ruhe bringen, schwamm an Quallen, Fähren und Tankern vorbei und durch Wellen, die in einem brenzligen Moment fast das Begleitboot zum Kentern brachten. „Ich konnte schon den Boden sehen.“ Doch das Boot kippte nicht und Lotta Steinmann zog durch. Schlag für Schlag bis zum anderen Ufer.

Lotta Steinmanns nächstes Ziel: der Bodensee

Seitdem hat sie ihr nächstes Ziel im Blick: die 64 Kilometer lange Bodensee-Querung. Doch der Plan wurde vorerst aufgeschoben. Corona ist schuld. „Momentan kann ich fünfmal in der Woche ins Wasser. Damit ist das einfach nicht machbar.“ Normalerweise kommt sie in zehn Einheiten wöchentlich auf 25 Stunden Wasserzeit, vor und nach der Uni. Erst wenn der Sommer kommt und das Wasser wärmer wird, kann Lotta Steinmann wieder in den Gewässern trainieren, in denen sie sich am wohlsten fühlt.

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