Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Sportmix Kämpfer: "Wir sind der Favorit"
Sport Sportmix Kämpfer: "Wir sind der Favorit"
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:00 08.04.2015
Streit um die Ringe: Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (li.) und sein Lübecker Amtskollege Bernd Saxe. Quelle: Olaf Malzahn
Bad Segeberg

Wegen Staus auf der Bundesstraße 404 kam Kämpfer eine halbe Stunde zu spät aus Kiel, der Stadt, die bereits 1936 und 1972 das Olympische Segeln austrug.

Welche Erinnerungen haben Sie an den 29. August 1972, dem Tag der ersten olympischen Segelregatta in Kiel?

Dr. Ulf Kämpfer: Da war ich drei Monate alt – also keine aktive.

Bernd Saxe: Also ich war 16, aber im Nachhinein ist das alles überlagert durch die Erinnerung an den Überfall auf München.

 

Und jetzt bewirbt sich Kiel für 2024. Herr Kämpfer, welche drei Punkte sprechen für Ihre Stadt?

Kämpfer: Kiel ist seit jeher und immer noch das deutsche Zentrum des Segelns, manifestiert seit vielen Jahren durch den Olympia-Stützpunkt und den DSV-Bundesstützpunkt. Wir haben mit 20000 aktiven und 5000 Vereinsseglern auch die segelbegeistertste Bevölkerung. Und das spiegelt sich in der Olympia-Bewerbung wider, in der Unterstützung wie sie keine andere Stadt vorweisen kann. Das, glaube ich, ist ein ganz großes Pfund.

Saxe: Aus meiner Sicht spricht alles für Travemünde. Zum einen sagen viele Aktive, dass unser Revier das schönste der Welt ist. Zweitens haben wir sehr viele Erfahrungen mit internationalen Segelwettbewerben, wie 125 Jahre Travemünder Woche. Außerdem haben wir ein Bewerbungskonzept, das voll und ganz auf der neuen Linie des IOC liegt. Das heißt Nachhaltigkeit, reduzierte Aufwände, reduzierte Kosten.

 

Und wie bewerten Sie die Chancen von Warnemünde?

Kämpfer: Wenn es mit Berlin gegangen wäre, wäre Warnemünde es sicher geworden. Jetzt gehe ich davon aus, dass es eine schleswig-holsteinische Stadt wird, weil die Nähe zu Hamburg ein wichtiger Faktor für die Olympiakonzeption ist. Wir lagen schon beim Evaluierungsverfahren von 2003 mit Abstand vorne, um Kiel ist mir nicht bang. Aber Rostock ist sicherlich konkurrenzfähig.

Saxe: Warnemünde kann es auch, hat aber mit Berlin auf das falsche Pferd gesetzt.

 

Zu den Revieren. Unser Segelpapst, Jochen Schümann, hat sagt, Warnemünde habe die besten Windbedingungen, Kiel dagegen große Probleme und Lübeck passe noch ein wenig schlechter, weil die Bucht alles eng mache. Was sagen Sie dazu?

Kämpfer: Ich setze Phillipp Buhl, den Segler des Jahres 2013/2014, dagegen, der vom Kieler Revier schwärmt, oder Rene Schwall, Bronzemedaillengewinner von Sydney, der sagt, Rostock sei auch schön, aber die vielfältigsten Bedingungen, unter denen derjenige gewinnt, der am besten segeln kann, die habe Kiel.

Saxe: Herr Schümann ist zweifellos ein kompetenter Segelfachmann, aber wir führen seit 125 Jahren die Travemünder Woche durch. Wir haben Welt-, Europa- und deutsche Meisterschaften. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die alle in ein Revier fahren, das nicht geeignet ist.

 

Herr Saxe, Jochen Schümann sagt, Kiel habe gegenüber Rostock und Lübeck wegen seiner Tradition einen Bonus.

Saxe: Ich weiß nicht, wie Herr Schümann seine Boni verteilt, natürlich ist Kiel der Segelstandort schlechthin. Aber wer sagt, dass Olympia immer nur an einem Standort stattfinden kann in Deutschland? Wir wollen gewinnen, aber wir wissen, man kann einen Wettbewerb auch verlieren.

 

Favorit oder Außenseiter: In welcher Rolle sehen Sie beide ihre Stadt?

Saxe: Ganz eindeutig, wir haben nur eine Außenseiterchance.

Kämpfer: Da wir der international bekannteste deutsche Segelstandort, außerdem Olympia-Stützpunkt sind, sind wir Favorit.

 

Herr Kämpfer, Hamburg hat kompakte Spiele ausgerufen. Travemünde ist zum Herzen der Hamburger Spiele, dem Kleinen Grasbrook, näher dran als Schilksee. Zudem gibt es zwischen beiden Städten die hanseatische Verbundenheit, auch die über die Metropolregion, in der Kiel außen vor ist. Ein Nachteil?

Kämpfer: Nein, wir sind alle mal nah genug dran, um das Konzept kompakter Spiele auch mit Kiel zu verwirklichen. Von Fuhlsbüttel ist man zwei Minuten schneller in Schilksee als in Travemünde, habe ich mal gegoogelt. Ansonsten sind es 28 Kilometer mehr, daran kann eine Entscheidung sicherlich nicht hängen. Das ist bei Rostock schon anders.

 

Herr Kämpfer, mit welchem Standort geht denn nun Kiel ins Rennen? Schilksee oder Holtenau?

Kämpfer: Das werden wir am kommenden Freitag mit der Kommission besprechen. Also wir haben bewusst, und dies macht unser Konzept so interessant, zwei ganz gegensätzliche Orte. Holtenau ist wirklich Projektionsfläche als freie Fläche, wo man das Ganze neu denken kann. Und Schilksee ist ein etablierter Standort. Beides hat Vor- und Nachteile, und aus diesem Spannungsbogen finde ich wird unsere Bewerbung noch interessanter. Am Ende geht es ums Segeln. Also, wenn die Segler sagen, es soll dieser oder jener Standort werden, dann ist das die Entscheidung. Dann sind alle anderen Aspekte, die für uns aus Stadtentwicklungsgründen auch Vor- oder Nachteile haben, zweit- und drittrangig.

 

Herr Kämpfer, können Sie etwas zu den Kosten und zur Hotelkapazität sagen und wer das alles bezahlen soll?

Kämpfer: Also was Hotels angeht, da haben wir noch gewissen Nachholbedarf, es gibt einen Bedarf von fünf bis sechs weiteren Hotels. Aber das würde durch einen Olympiastatus noch deutlich beschleunigt werden. Bei der Bewerbung 2003 war das einer der drei von zwölf Bewertungskriterien, die wir verloren haben. Den Punkt gebe ich gerne ab. Was die Kosten angeht: Wir könnten in Schilksee mit ganz wenig zusätzlichem Aufwand olympiareif sein, dann hat man wenige Kosten, allemal weniger als zum Beispiel in Rostock, die ja auch bei den Anlagen noch viel mehr bauen müssen als wir. Wenn wir neu bauen in Holtenau, dann hat man natürlich höhere Kosten. Aber das ist gar nicht so entscheidend und es muss auch nicht gefragt werden, wer bezahlt das.

 

Aber die Frage ist relevant.

Kämpfer: Also ein olympisches Dorf, das macht ein privater Investor, der stellt das für die Spiele zur Verfügung, und dann ist es sofort in der Nachnutzung. Aber: Weder Lübeck noch Rostock könnten das ohne öffentliche Unterstützung schultern, und das würden wir gerne in Ruhe mit der Betreibergesellschaft entscheiden. Wir haben aber vorgesorgt und vor drei Wochen eine Machbarkeitsstudie zur Konkretisierung der Planung für Schilksee ausgeschrieben. Wir waren schon mit Planungsbüros auf dem Gelände, das werden wir natürlich stoppen, wenn wir es doch nicht werden. Beim Bürgerentscheid, wollen wir relativ klar sagen, was es kostet.

 

Zu den Kosten können Sie also noch nichts Konkretes sagen.

Kämpfer: Nein, und das halte ich für legitim. Die Hamburger können es ja auch noch nicht. Wenn ich jetzt in die Öffentlichkeit gehe und sage, Olympia kostet euch so und so viel, ist das unseriös. Außerdem will ich das auch mit dem Land und dem Bund besprechen, was die uns an Unterstützung bieten. Unser Vorteil ist, wir könnten es eben auch mit ganz wenig Aufwand machen.

 

Wann soll die Machbarkeitsstudie fertig sein?

Kämpfer: Im Frühherbst, hoffentlich vor dem Bürgerentscheid.

 

Herr Saxe, wie sieht es denn bei Ihnen aus?

Saxe: Ich will nicht so verwegen sein und behaupten, es sei zum Nulltarif zu machen. Aber wir haben die glückliche Situation, dass wir für die meisten Dinge, die benötigt werden, schon heute die Pläne fertig haben, dass private Investoren im Prinzip jeden Tag darauf warten, dass sie mit dem Bau beginnen können, das Feriendorf auf dem Priwall ist bereits fertig. Priwall-Waterfront als eine große Übernachtungsanlage, da sind wir im B-Plan-Verfahren, das ist vor 2024 fertig und steht dann als olympisches Dorf zur Verfügung. Der Eigentümer hat uns schriftlich versichert, dass es für Olympia zur Verfügung steht. Das Medienzentrum wäre im Maritim Hotel. Was noch gebaut werden müsste, ist ein Regattazentrum am Mövenstein. Und wir haben den Priwall-Hafen, der muss instand gesetzt werden, das wird bis 2024 sowieso gemacht. Wir haben die glückliche Situation, dass wir 90 Prozent dessen, was an Investitionen erforderlich ist aus privater Hand bekommen, auch schon in Planung und  Realisierungsvorbereitung sind. Und der Rest ist so überschaubar, dass ich mir darum keine Sorgen mache. Wir sind da klar auf IOC-Linie. Olympische Spiele müssen nachhaltig, finanziell überschaubar sein, sie dürfen nicht eine gigantische Ausgabenorgie sein.

 

Herr Kämpfer, Travemünde ist über die Autobahn direkt angebunden. Der Zug fährt von Hamburg aus direkt an den Strand. Würde Schilksee neu angebunden?

Kämpfer: Wir haben ja bis zwei Kilometer vor Schilksee die vierspurige Stadtautobahn. Für eine Stadtbahn wird es wohl bis 2024 nicht reichen, aber die Anbindung mit Wassertaxi, Bus und Auto ist ausreichend. Die Kieler Woche mit rund 4000 Seglern und 3,5 Millionen Besuchern zeigt ja, dass es funktioniert. Es ist natürlich schön, einen Bahnhof in Travemünde zu haben, aber so schick ist der auch nicht mehr. Also, nein, über die Anbindung mache ich mir keine Sorgen.

 

Herr Saxe, wie sieht es in Lübeck überhaupt mit der Zustimmung aus? Gibt es in Ihrer Stadt Strömungen, die sagen, weg mit Olympia?

Saxe: Selbstverständlich gibt es die, wir sind eine Demokratie. Aber wir haben schon 2012 in der Bürgerschaft mit deutlicher Mehrheit einen Beschluss gefasst, uns zu bewerben. Die Unterstützung aus der Wirtschaft ist so groß, dass wir die gesamte Kampagne aus privaten Mitteln finanziert haben. Anders als in Kiel, wo aus städtischem Haushalt Geld zur Verfügung gestellt werden musste.

 

Planen Sie bei einem Zuschlag auch eine Bürgerbefragung?

Saxe: Ja, selbstverständlich. Das im Übrigen im förmlichen Bürgerentscheid nach Gesetz. Den wird übrigens der Steuerzahler bezahlen müssen. Auch sonst würde bei einem Zuschlag städtisches Geld erforderlich sein. Ich will ja nicht den Eindruck erwecken, als könnte man bis 2024 ohne jeden Cent auskommen.

 

Herr Kämpfer, wollen Sie auch den förmlichen Bürgerentscheid?

Kämpfer: So hat es der Rat beschlossen. Ich habe mit den Hamburgern nochmal gesprochen, die das ja in Richtung November planen. Es wäre schön, wenn man das am gleichen Wochenende machen könnte, weil dann die Aufmerksamkeit nochmal konzentriert ist.

 

Wie sieht es bei Ihnen mit olympischem Widerstand aus?

Kämpfer: Also, wir hatten in der Ratsversammlung zwei Gegenstimmen, das war einer von den Linken und noch ein Einzelkandidat. Natürlich gibt es auch in Kiel Leute, die auf den Haushalt zeigen, auf die Diskussion über die Schließung eines Freibads und solche Sachen, das ist auch völlig legitim. Aber die, die schon etwas länger dabei sind, erinnern sich an 1972 und wissen, dass damals 500 Millionen Mark in Kiel investiert worden sind. Da sind nicht nur die Autobahnen mit den Brücken gebaut wurden, da ist auch der Rathausplatz gepflastert und das Opernhaus zu Ende und der ZOB gebaut worden. Das war der absolute Turbo. Wichtig ist aber noch ein weiterer Fakt.

 

Welcher?

Kämpfer: Dass wir 2024 bestmögliche Segelwettbewerbe haben. Peking war ein Flop, Weymouth 2012 war gut, Rio wird ganz schwierig, Tokio auch. Dass das paralympische Segeln gestrichen worden ist, ist ein Warnsignal an die Sportart. Das heißt, wir brauchen ganz dringend wieder perfekte Segelwettbewerbe, damit wir auch langfristig Segeln bei Olympia haben. Und das ist auch ein Pfund für Kiel, wir sind der international bekannte Segelstandort. Das ist ein Punkt, der aus Sicht des DOSB eine Rolle spielen wird.

 

Herr Saxe, welches Pfund kann Travemünde bieten?

Saxe: Segeln verändert sich rapide und rasant, da hilft es nichts, dass man Meriten aus 1972 oder 1936 hat. Die Frage ist, ist man noch in der Lage, das Segeln von morgen und übermorgen abzubilden? Das heißt Hochgeschwindigkeitsrennen, hochgezüchtete Jollen, Segeln, das sehr unmittelbar von Zuschauern lebt. Die Segelverbände haben lange genug darunter gelitten, dass derjenige, der, abgesehen von den Fachleuten, gerne sehen will, was da passiert, kaum realisieren kann, was da passiert. Insofern werden Matchraces, Medaillen-Rennen und all diese Geschichten eine sehr viel größere Rolle spielen, und dafür ist ist unser Revier sehr viel besser geeignet als das Warnemünder oder das Kieler. Weil man bei uns diese spannenden Formate zum Greifen nahe am Strand verfolgen kann. In Travemünde können Tausende von Menschen am Strand stehen oder auf der Tribüne sitzen. Diese neuen, modernen Formate probiert die Travemünder Woche seit Jahren aus, entwickelt sie weiter, erfährt dafür von den Verbänden Anerkennung. Und auch damit glauben wir, 2024 Olympia beleben zu können.

 

Herr Schümann bemängelt, dass Travemünde landseitig zu wenig Fläche hat.

Saxe: Wir haben sowohl auf dem Priwall als auch auf der Festlandseite ausreichend Flächen. Die Travemünder Woche ist dreimal so groß wie olympisches Segeln, und da haben wir hinreichend Flächen, um alle Boote, Trailer, Trainer und Aktiven unterzubringen.

 

Wenn die Kommission am Freitag kommt, ist da was Greifbares, Schriftliches, was Sie ihr in die Hand geben?

Kämpfer: Also ich möchte jetzt nichts verraten über unsere Dramaturgie. Aber dem DOSB oder dem DSV müssen wir nichts erklären, die sind ja vor Ort, das ist deren Heimatrevier, die kennen das in- und auswendig. Und was die Zuschauernähe in Kiel angeht: Wir sind auch schon in der Innenförde Bundesligaregatten gesegelt, wir können die Finalserien direkt vor Schilksee ausrichten. Und das andere ist die mediale Aufbereitung, die wir in Kiel absolut professionell und extrem aufwändig betreiben.

 

2012 in Weymouth gab es Public Viewing direkt am Strand. Ist das in Schilksee und Travemünde machbar?

Kämpfer: Absolut. Ich würde das gerne in der Nähe des Olympiaquartiers haben, aber natürlich auch in der Innenstadt.

Saxe: Die technologische Entwicklung vollzieht sich so schnell, dass ich vermute, dass 2024 eine schlichte LED-Wand schon altbacken ist. Ich vermute, dass man dann soweit sein wird, dass man auf jedem Boot eine Webcam hat, dass man an Land, auf seinem Handy, zu Hause im Wohnzimmer jedes einzelne Boot verfolgen kann, was der Skipper, der Vorschoter macht, wo der Konkurrent ist. Das können wir heute nicht wirklich überschauen. Aber: Wir werden das machen, was zu dem Zeitpunkt das Publikum verlangt.

 

Herr Saxe, wie stark schätzen Sie die Bedeutung Olympischer Spiele für das Image Ihrer Stadt ein?

Saxe: Das ist eine ganz enorme Chance zum Imagegewinn für Travemünde, das ist ja ein Fremdenverkehrsort von internationaler europäischer Bedeutung, der durch eine solche Veranstaltung natürlich noch mal hinzugewinnt an Bekanntheit und an Tradition, an Renommee. Aber Lübeck bewirbt sich ganz bewusst mit, die Kulturstadt, die Buddenbrookstadt, die Grass-Stadt, die mittelalterliche Stadt, die Weltkulturerbestadt. Wir wollen den Besuchern der Segelwettbewerbe die Möglichkeit geben, auch Kultur zu erleben am Abend oder an einem Tag, wo sie vielleicht mal keine Regatten ansehen wollen. Lübeck und Travemünde werden bis 2024 mindestens 13000 Betten haben.

 

Buddenbrooks, da können Sie nicht ganz mithalten in Kiel. Oder?

Kämpfer: Nein, ich glaube, das ist in der Tat ein Unterschied. Kiel hat dafür über Kiel Sailing City eine ganz starke Bindung an das Segeln. Und na klar, eine bessere Standortkampagne als Olympische Spiele auszurichten, kann man sich als Stadt nicht wünschen. Aber für uns geht es bei dieser Bewerbung nicht nur um Olympia allein, sondern um die Zukunft des Segelstandorts Kiel. 

 

Machen Sie sich denn Sorgen, wenn Sie den Zuschlag nicht bekommen würden?

Kämpfer: Wir haben auch Bedarf ohne Olympia, so verstehen wir auch unsere Bewerbung. Wir sind 2003 angetreten für 2012, haben damals im nationalen Ausscheid nicht gewonnen. Aber daraus ist das Segelcamp 24/7 entstanden. 70000 junge Menschen sind seitdem dort mit gesegelt, und so verstehe ich auch diesmal unsere Bewerbung. Aber na klar mache ich mir Gedanken, was eigentlich der DSV, der DOSB machen würde, wenn es Warnemünde wird. Der DSV war ja mal aufgeteilt, auf zwei Standorte, Rostock und Kiel, hat sich dann aber entschieden, ganz nach Kiel zu gehen. Das ist ja auch richtig. Doch was passiert, wenn es Lübeck oder Rostock wird, dann sind natürlich auch die Segler in den Jahren vor Olympia auf dieses Revier fokussiert, eher als auf Kiel und die Kieler Woche. Nur: Ich bin der Meinung, es ist nur Platz für einen international konkurrenzfähigen Segelstandort in Deutschland. Von einer Dezentralisierung des deutschen Leistungssegelsports hat am Ende keiner etwas.

 

Am 10. April kommt die Auswahlkommission. Herr Saxe, wie bereiten Sie sich vor?

Saxe: Ich werde sicher anständig frühstücken, vorher gut geschlafen haben, dann das sagen, was vorzutragen ist. Wenn Sie nach einem großen Arbeitsstab im Rathaus fragen, kann ich Ihnen eindeutig sagen, nein, den haben wir nicht. Wir haben viele Gruppen und Persönlichkeiten aus der Gesellschaft, die die Bewerbung mittragen. Ich habe überhaupt nicht die Absicht, eine große Show abzuliefern, sondern wir wollen ruhig und sachlich, ohne Schönfärbereien darstellen, was unsere Stärken sind, was wir bis 2024 auf die Beine stellen können und letztlich mit den Fakten überzeugen. Ich bin ziemlich sicher, dass unsere Fakten auch überzeugend sind.

 

Und wie sieht das in Kiel aus?

Kämpfer: Wir haben seit einem halben Jahr das Olympiateam, das tagt immer montags. Das Adrenalin steigt schon. Wir haben Fachleute vom Sport, aus Schilksee, dem Kieler Yacht Club, also alle, die die Bewerbung mittragen.

 

Wissen Sie, was auf Sie am 10. April zukommt? Hat der DOSB einen Fragenkatalog verschickt?

Kämpfer: Nein. Aber es gab ja 2003 diese zwölf Wertungskriterien, wovon wir neun gewonnen haben. Uns ist jetzt nicht so viel aufgefallen, was da an völlig neuen Dingen noch dazu gekommen sein sollte. Wir glauben, dass unsere Bewertung seitdem noch stärker geworden ist. Ich erwarte, dass es um die klassischen Dinge gehen wird, ums Segelrevier, die Infrastruktur, die Unterstützung in der Bevölkerung, die Verkehrsinfrastruktur und all das. Ich mache mir keine großen Sorgen, dass da jetzt was völlig Unerwartetes kommt.

Saxe: Mir ist von Hamburg gesagt wurden, es sei mit einem kleinen Fragenkatalog zu rechnen. Wenn er kommen soll, muss er dann mal langsam reinflattern.

 

Die Kommission wurde ja noch einmal neu aufgestellt. Tangiert das die Chancen für Kiel, weil möglicherweise Befangenheiten dabei eine Rolle gespielt haben?

Kämpfer: Ich glaube nicht, dass die Kommission hier ursprünglich befangen gewesen wäre, aber ich bin ja Richter von Beruf, die Besorgnis der Befangenheit, die reicht ja aus, um sich aus dem Spiel zu nehmen. Deswegen bin einfach froh darüber, dass die Kommission über jeden Zweifel erhaben ist.

 

Hatten Sie sich bei der vorherigen Besetzung Sorgen gemacht, Herr Saxe?

Saxe: Also ich kenne die beiden Herren, die jetzt ausgeschieden sind, persönlich. Ich schätze beide sehr, und ich habe überhaupt keinen Zweifel, dass sie sich strikt neutral und unparteiisch verhalten hätten. Allerdings teile ich die Ansicht, dass es richtig ist, schon jedweden Anschein zu vermeiden. Das ist für die spätere Akzeptanz des Ergebnisses wichtig.

 

Herr Kämpfer, haben Sie schon das avisierte Olympia-Büro aktiviert?

Kämpfer: Das beruht ja auf einem Ratsbeschluss von Ende Januar. Seitdem steht fest, was wir tun müssen, wenn wir Kandidat werden. Dann würden zwei Planstellen geschaffen, die sich wirklich Fulltime für die erste Phase reinhängen, also bis zur Abgabe des Mini-Bid-Book, das in groben Zügen schon im Herbst fertig sein muss. Und natürlich würden viele andere Mitarbeiter weiter zuarbeiten, denn wir brauchen die Machbarkeitsstudie, den Bürgerentscheid, und, und, und. Da ist eine ganze Menge zu tun und die Zeit relativ knapp, deswegen haben wir uns diesen Beschluss schon im Januar geholt, der sowohl die Finanzen klärt und transparent macht und uns nicht erst handlungsfähig am Tag danach macht. Wenn wir nicht den Zuschlag bekommen, stoppen wir das alles, sind zwei Tage traurig, und dann geht es weiter.

 

Die Finanzen sind geklärt, meinen Sie damit die 800000 Euro?

Kämpfer: Ja, die 800000 Euro sind die, die erst entstehen, wenn wir Kandidat werden. Allein der Bürgerentscheid kostet 250000 Euro.

 

Herr Saxe, wie geht das denn in Lübeck weiter? Ist da auch eine Machbarkeitsstudie geplant?

Saxe: Wir sind in der glücklichen Lage, eine Machbarkeitsstudie nicht zu benötigen. Wir brauchen nicht untersuchen, ob das Segeln bei uns machbar ist, wir wissen, dass es machbar ist. Und wir müssen auch nicht die ganz großen Investitionen in Millionenhöhe planen, sondern  kleinere Dinge. Aber klar, es wird dann einen Stab geben müssen, erstens in der Verwaltung und zweitens in einem Unterstützerkreis aus Wirtschaft, Sport und Gesellschaft.

 

Die seglerische Nachnutzung ist bei beiden Bewerbern allein durch die Segelwochen gegeben. Aber wie sieht es mit der an Land aus? Stichwort Olympia-Dorf.

Saxe: Das Olympia-Dorf ist als touristische Einrichtung für Erholungsurlaub von Familien geplant. So lange es für Olympia benötigt wird, wird die Vermietung nur unterbrochen. Danach steht es wieder voll und ganz als Erholungsgebiet zur Verfügung. Das ist heute schon in trockenen Tüchern.

 

Herr Kämpfer, wie sieht das in Schilksee aus?

Kämpfer: Also Schilksee ist ein Stadtteil, der im Moment demographisch etwas älter wirkt. Aber es gibt schon jetzt eine große Nachfrage nach Wohnraum für ältere aber auch für junge Familien, die eben nicht ein Einfamilienhaus brauchen. Das olympische Dorf wird sich wie geschnitten Brot verkaufen oder vermitteln, das ist überhaupt keine Frage. Ansonsten haben wir ganz viel Segelinfrastruktur, die wir nutzen können. Wir werden temporäre Bauten haben, wie das Medienzentrum. Andere Struktur, wie das Dorf, werden wir zivil nachnutzen. Wenn das ein Ort bewiesen hat, dann ist das ja gerade Schilksee. Anders als Athen, wo vielleicht zwei Mega-Yachten im Olympiabecken dümpeln und sonst gar nichts passiert, das würde weder in Kiel noch in Lübeck so passieren. Dafür stehen beide Städte.

 

In Schilksee sind ja noch zwei Hotelneubauten geplant. Schilksee ist aber nicht unbedingt als touristischer Ort bekannt. Machen Sie sich da über eventuelle Leerstände Sorgen. Das 72er Olympia-Hotel ist ja zwischenzeitlich auch mal insolvent gegangen.

Kämpfer: Überhaupt nicht, das hat vielleicht auch mit der derzeitigen Anmutung dieses Hotels zu tun. Wir haben eine Studie in der Tasche, die den Hotelbedarf ohne Olympia beschreibt, und das würde durch Olympia ja eher noch mehr werden. Deswegen: null Gefahr. Sicher darf Schilksee auch noch etwas schöner werden bis 2024, dafür ist das vielleicht auch ein guter Anlass. Schauen Sie mal auf die andere Fördeseite, die Marina Wendtorf mit 500 Betten. Da entsteht so etwas wie auf dem Priwall. Die Kiel Region ist touristisch hochattraktiv. Gut, Lübeck hat da immer noch einen Tick mehr, Chapeau, klar, Weltkulturerbe sind wir nicht, werden wir nicht. Aber ich will mich ja auch nicht auf eine internationale Bauausstellung oder auf das Weltkulturerbe bewerben, sondern um die besten olympischen Segelwettbewerbe.

 

Wenn in Kiel nicht gesegelt wird, bleibt ja vielleicht Handball. Wie werden Sie trotzdem Olympia spüren?

Kämpfer: Spiele in Hamburg und Lübeck, das wäre eine Nähe, wie wir sie noch nicht hatten, die werden wir miterleben. Seit 1952 hat es in Nordeuropa keine Olympischen Spiele mehr gegeben. Kiel wird immer dicht dran sein.

 

Und wie würde die Sportstadt Lübeck olympisch weiter machen?

Saxe: Ganz ehrlich, darüber denke ich noch nicht nach, sondern wir sind jetzt voll konzentriert auf die Präsentation und all das, was damit zu tun hat. Und ich mache mir keine Sorgen um das Verhältnis zwischen Hamburg und Lübeck, auch nach einer anderslautenden Entscheidung als ich sie mir wünsche.

 

Können Sie sich beide vorstellen, dass die Hamburger beim Bürgerentscheid im November gegen Olympia votieren?

Saxe: Es ist eine demokratische Entscheidung, man muss immer in Rechnung stellen, dass der Wähler oder der Stimmberechtigte sich anders entscheiden kann als man sich selbst das wünscht. Aber ich glaube, dass es eine Mehrheit geben wird, in etwa bei zwei Dritteln, wenn nicht sogar darüber.

Kämpfer: Ich habe das in den letzten Wochen und Monaten in Hamburg als sehr fundiert angesehen. Die Grünen sind mit in der Regierung, da können die schon mal nicht mehr dagegen mobilisieren. Auch wenn jetzt vielen die Knie schlottern, ich habe immer gesagt, Kandidatenstadt in Deutschland zu werden ist noch das Leichtere, als die Spiele tatsächlich nach Deutschland zu holen. Aber gerade für den zweiten Schritt bin ich doch auch optimistischer geworden.

 

Die Schlussfrage: Herr Saxe, ein Argument bitte, was spricht für Kiel, und Herr Kämpfer was für Lübeck?

Saxe: Also für Kiel spricht, dass es die zweitbeste Bewerbung hat.

Kämpfer: Ich finde, dass es  schön ist in Travemünde. Und die Nähe zu Hamburg ist auch ein Pfund. Da ich aber glaube, dass es sportlich entschieden wird, mache ich mir keine Sorgen. Kiel ist sportlich erste Wahl.

Die Fragen stellten Jürgen Rönnau, Jens Kürbis und Gerhard Müller.