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THW Kiel Christian Prokop: „Spüre Gier und Lust auf eine Medaille“
Sport THW Kiel Christian Prokop: „Spüre Gier und Lust auf eine Medaille“
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19:58 13.12.2019
Von Tamo Schwarz
Treffen mit Handball-Bundestrainer Christian Prokop in Leipzig im Café Telegraph, nur zwei Häuser von der "Runden Ecke", der ehemaligen Bezirksverwaltung für Staatssicherheit entfernt. Quelle: Sascha Klahn
Leipzig

Herr Prokop, haben Sie schlaflose Nächte?

Ich habe wirklich kurze Nächte, was aber vor allem an meinen Kindern (Anna/6 und Luca/3, d. Red.) liegt. Es ist eine aufregende Zeit, jeden Morgen ist die Vorfreude auf das nächste Adventstürchen groß. Aufstehen nach sechs Uhr schaffen wir selten.

Ich hatte an die Absage von Spielmacher Martin Strobel gedacht. Die Baustelle Rückraum Mitte wird nicht kleiner.

Es ist natürlich sehr schade, dass Martin abgesagt hat – ich kann seine Gründe nachvollziehen. Ich habe aber schon immer von einer Mehrfachlösung auf der Mitte gesprochen. Die Spieler, die für die Position infrage kommen, bringen ihre Qualität mit, die Verantwortung muss im Rückraum auf alle Schultern verteilt werden. Wir haben in einem Jahr ohne Martin viele gute Spiele abgeliefert. Mir ist nicht bange.

Es hat bei Ihnen einen Paradigmenwechsel hin zu Linkshändern in der Spielsteuerung gegeben. Welche Rolle spielt der Kieler Steffen Weinhold in Ihren Überlegungen?

Steffen ist mit Fabian Wiede ein Hauptfaktor auf der Mitte, weil er über eine enorme Spielerfahrung und Spielintelligenz verfügt. Er wird einer von drei Leuten auf der Spielmacher-Position sein. Steffen möchte für ein solches Turnier mit im Optimalfall neun Spielen in kürzester Zeit 100-prozentig fit sein. Ich bin fest davon überzeugt, dass er dabei sein und der Mannschaft helfen wird. Damit er aber gut durch das Turnier kommt, sind Entlastung und eine gute Wechselstrategie enorm wichtig.

Apropos Entlastung: Filip Jicha setzt seine Rotation par excellence um. Sind Sie Fan des neuen Kieler Cheftrainers?

Die Belastung für die Mannschaften, die in der Champions League gefordert sind, ist sehr hoch. Der THW Kiel meistert das in dieser Saison mit Bravour. Klasse, wie Filip Jicha Spielzeit verteilt, Vertrauen in die Mannschaft bringt – auch in Stressmomenten.

Sie sind der Leidtragende in einer olympischen Saison, in der Sie zwei Lehrgänge weniger absolvieren, Ihre Mannschaft jetzt zum letzten Mal im Oktober gesehen haben.

Richtig, aber ich bin regelmäßig mit ihr in Kontakt, verfolge die Leistungen, zudem haben alle Spieler ihre individuellen Aufgaben und Unterstützung. Wenn wir uns am 2. Januar treffen, wird bei uns vom Stimmungsbild und Spielkonzept sehr schnell wieder Klarheit herrschen.

Können Sie die Weihnachtszeit trotz der unzähligen Stunden in den Hallen oder am Video genießen?

Ich kann die Zeit schon genießen. Trotzdem wünsche ich mir jedes Jahr mehr Gelegenheit, beispielsweise mal mit den Kindern in Richtung Erzgebirge aufzubrechen.  Und jedes Jahr erwischt man sich dabei, es wieder nicht geschafft zu haben. Wir nehmen uns trotzdem unsere Freiräume. Und das Weihnachtsfest werde ich intensiv mit der ganzen Familie genießen.

Ihre Tochter ist sechs Jahre alt, und Papa ist im Januar Jahr für Jahr weg. Wie genervt ist Anna?

Sie ist grundsätzlich sehr eifersüchtig, wenn ich weg bin. Ich war gerade mit Plan International für 12 Tage in Vietnam. Da habe ich das Vermissen sehr gespürt. Sie hat dann aber vor allem ihre Mama und tolle Omas und Opas, die sie „ablenken“.

In Deutschland gehen Schüler momentan im Rahmen von Fridays for Future auf die Straße. Die deutsche Nationalmannschaft wird bei der EM, die zum ersten Mal mit 24 Mannschaften in drei Ländern ausgetragen wird, 7500 Reisekilometer absolvieren. Steuert der Handball geradewegs in eine Fehlentwicklung?

Das würde ich gern nach dem Turnier beurteilen, wenn ich das am eigenen Leib mit der Mannschaft gespürt habe, auch bezogen auf Stimmung und Fankultur. 2024 haben wir eine Heim-EM mit 24 Mannschaften erstmals in einem Land. Wir als Familie haben privat einen guten Mix gefunden, leben mit einem guten Bewusstsein für die Umwelt.

Sie sind Lehrer (Sport und Wirtschaft an Grund-, Haupt- und Realschule, d. Red.) – wie spannend finden Sie die Generation Greta Thunberg, wie gern würden Sie in dieser Zeit als Lehrer arbeiten?

Lehrer war immer mein zweitliebster Beruf. Ich möchte aber noch lange Trainer bleiben. Mit Menschen zu arbeiten, die ihre Meinung vertreten, sich für Politik interessieren, sich engagieren und für ihre Ziele eintreten, das ist immer spannend. Ich sehe hier großes Engagement und eine tolle Entwicklung in unserer Gesellschaft.

Vor genau 30 Jahren gingen die Menschen in Leipzig aus anderen Gründen auf die Straße. Wir sitzen zwei Häuser entfernt von der „Runden Ecke“, der ehemaligen Bezirksverwaltung für Staatssicherheit. Wie haben Sie das Jahr 1989 in Ihrem Elternhaus erlebt?

Von der friedlichen Revolution, den Demonstrationen auf dem Ring habe ich nur im Fernsehen mitbekommen, da wir in Köthen gelebt haben. Leider haben wir es bisher noch nie geschafft, am jährlichen Lichterfest in Leipzig, bei dem der Weg der Demos noch einmal abgeschritten wird, teilzunehmen. Ich erinnere mich an sehr emotionale und ergreifende Bilder.

Herrschte damals bei Ihnen zu Hause Freude? Skepsis?

Meine Eltern waren schon immer sehr modern, nicht scheu vor Veränderungen. Eine Aufbruchstimmung hat überwogen. Sie haben uns aber trotzdem behütet, das alles nicht zu sehr thematisiert. Ich hatte bis dahin eine wunderschöne Kindheit mit sehr viel Gemeinschaft, was in der DDR sehr weit oben stand. Direkt nach der Wende begann dann auch handballerisch eine spannende Zeit, u.a. mit tollen Rasenturnieren in Hildesheim oder Borken.

Die Kreisläufer für die EM sind gesetzt – auch die Kieler Hendrik Pekeler und Patrick Wiencek haben ihr Ticket sicher. Und die Torhüter?

Ich bin froh, vier gute Torhüter zur Auswahl zu haben. In Richtung Turnierform gibt es aber noch Steigerungspotenzial. In den K.o.-Spielen haben uns in der Vergangenheit einige Paraden gefehlt. Da müssen wir draufsatteln. Die sportliche Leistung wird das größte Gewicht haben, aber auch Gedanken, welche Paarung am besten passt, hat Einfluss.

Wie wichtig ist Turniererfahrung? Über die verfügt Dario Quenstedt als Einziger des Quartetts gar nicht. Routinier Jogi Bitter, der das Ranking der Bundesliga momentan anführt, umso mehr.

Das steht nicht an erster Stelle. Wichtig ist, wie ein Gespann harmoniert, sich unterstützt, ob man zwei unterschiedliche oder ähnliche Typen sucht. Die Überlegungen sind nicht abgeschlossen, ich bin froh über die Auswahl. Dario hat beim Lehrgang im Oktober einen guten Eindruck hinterlassen.

Quenstedt und Heinevetter sind nicht Nummer eins in ihren Klubs, Bitter ist 37 Jahre alt, Andi Wolff spielt in der schwachen polnischen Liga. Was ist aus dem Torwartland Deutschland geworden?

Ich sehe das nicht mit Sorge, dazu ist das Potenzial dieser Jungs zu groß. Dazu spielen wir eine der international stärksten Abwehrreihen. Das hilft jedem Torhüter. Über neun Spiele hinweg eine herausragende Leistung zu bringen, wird nicht einer allein schaffen. Bei jedem von den vieren bedarf es jedoch einer Leistungssteigerung.

Auf welchen Positionen herrscht bereits Klarheit?

Der Kern der WM-Mannschaft wird die Europameisterschaft 2020 spielen, aber es wird auch die ein oder andere Veränderungen geben. Ich habe mich bereits zur Kreisläuferposition geäußert, und natürlich wird auch Uwe als starker Linksaußen und Kapitän unsere Mannschaft, das Team durch die EM 2020 führen. Bei allen weiteren Positionen werde ich jetzt kein Ranking abgehen, hier bitte ich einfach um die nötige Geduld. Neben Abwehr und Torhütern sehen wir den Schlüssel im gebundenen Positionsspiel der drei Rückraumspieler. Das ist sicherlich ein Hauptfokus der Nominierung.

Wird es prominente Opfer geben?

Auf der einen Seite sind viele Optionen, die wir im deutschen Handball haben, von Vorteil. Auf der anderen Seite wird es schwierige und enge Entscheidungen geben, die im ersten Moment weh tun. Ich freue mich, wenn die 18, die ich am 2. Januar in Frankfurt begrüßen kann, am 20. Dezember feststehen. Nach Trondheim reisen wir aller Voraussicht nach mit 16 Spielern.

… und mit welcher Zielsetzung?

Es ist unser Ziel, wie bei der Heim-WM das Halbfinale zu erreichen. Aber wir haben gemeinsam den nächsten Schritt noch nicht vollenden können, das wollen wir schaffen. Die Belohnung hatte bei der WM gefehlt. Ich spüre bei der Mannschaft zu 100 Prozent die Gier und Lust auf eine Medaille. Aber die können sieben, acht andere Mannschaften auch gewinnen. Es geht wieder bei null los.

Der einzige deutsche Champions-League-Sieger der Vorsaison steht nicht im Kader …

Christian Dissinger war für den 28er-Kader noch keine Option, aber er bleibt nicht unbeobachtet. Er ist auf einem guten Weg, jetzt muss man sehen, welche Entwicklung er in Richtung Olympische Spiele nimmt.

DHB-Vizepräsident Bob Hanning hatte vor der Heim-WM mehr Typen im deutschen Handball gefordert. Die sollten bei der WM geboren werden. Wo sind diese Typen?

In meiner Mannschaft muss ich nicht lange suchen. Ich glaube erstmal, dass wir in unserem mannschaftlichen Auftreten sehr positiv wahrgenommen werden. Wir haben einige Typen, Persönlichkeiten in unserem Team, denen die Kids und Jugendlichen nacheifern. Ob wir Uwe Gensheimer nehmen, der eine starke Entwicklung genommen hat. Was er auf einer Abnehmer-Position wie der des Linksaußen an Reife, Persönlichkeit, Verantwortung und Ehrgeiz reinbringt, sucht seinesgleichen. Hendrik Pekeler hat sich – auch mit dem Wechsel zum THW Kiel – nochmal herausragend weiterentwickelt. Er ist für uns nicht wegzudenken, hat ein hohes Standing. Wir haben Patrick Wiencek als emotionalen Kämpfer und absoluten Teamplayer. Wir werden bei der EM nicht diese Masse an Fans hinter uns wissen wie bei der Heim-WM. Da sind unsere Typen total gefragt. Im Rückraum ist Fabian Böhm zum Beispiel ein charismatischer Spieler, der mit einem Paul Drux oder Julius Kühn einen guten Mix darstellen könnte.

Apropos Typen: Rune Dahmke hat seinen Vertrag in Kiel verlängert. Erhöht das seine Chancen auf ein Comeback in der Nationalmannschaft?

Ich freue mich erstmal sehr, dass er in Kiel verlängert hat. Als Spieler bei so einer Marke wie dem Rekordmeister zu verlängern, das ist für einen deutschen Nationalspieler ein tolles und wichtiges Zeichen. Stand heute zählt er leider nicht zu den Top-Drei-Linksaußen. Aber die Tür ist für Rune nicht zu.

Wie nehmen Sie den THW Kiel in dieser Saison wahr? Führt an den Zebras überhaupt ein Weg vorbei?

Ich hatte des Öfteren Kontakt mit Filip Jicha, und ich bin begeistert, wenn ich Spiele wie die in Veszprém, Skopje, Montpellier sehe und der THW bei all der Belastungsdebatte dann eine Demonstration von Stärke, an Wechselstrategie, an Taktik zeigt. Ein Statement für den deutschen Handball. Die Mannschaft trägt Jichas moderne Handschrift, er hat eine vertrauensvolle Ansprache, jeder fühlt sich in diesem Team wertgeschätzt. In meinen Augen hat der THW die größten Chancen auf die Meisterschaft.

Was macht Christian Prokop wütend?

Aus den sozialen Medien habe ich mich abgemeldet. Vieles hat mich da in der Vergangenheit beschäftigt und geärgert. Ich lebe aber nicht hinter dem Mond, weil ich nicht immer online bin. Ich schätze zum Beispiel kompakte Nachrichten via Videotext, bin gut informiert. Privat macht mich wütend, wenn die Kinder nicht auf mich hören. Dann atme ich dreimal durch, es wird manchmal laut – und dann wieder liebevoll.

Ist es schwer, angesichts unruhiger politischer Zeiten – insbesondere in Ostdeutschland – ruhig zu bleiben? Die AfD hat in Sachsen 27,5 Prozent der Stimmen gewonnen.

Da spielen viele Gedanken eine Rolle. Es gibt Entwicklungen, die die Menschen unzufrieden und wütend machen. Dann kommt es zu solch erschreckenden Wahlergebnissen. Wenn man tief in das Thema eindringt, kann man diese gefährliche Entwicklung nicht im Ansatz gutheißen.

Wer ist bei Ihnen zu Hause für den Weihnachtsbraten verantwortlich?

Wir verbringen die Weihnachtszeit abwechselnd bei unseren Eltern und lassen uns so immer bekochen (lacht). Aber den Weihnachtsbaum schmücke ich mit den Kindern zusammen. 

Vor einem Jahr haben wir über eine neue Leichtigkeit nach der verkorksten EM 2018 gesprochen. Sie hatten die Heim-WM als Ihre zweite Chance gesehen. Wo stehen Sie heute?

Eine schöne Frage! Ich kann sagen, dass ich mich sehr gut fühle, mich freue, die Mannschaft im Januar endlich wiederzusehen. Ich bin sehr positiv gestimmt, dass dieses Team Appetit hat auf Erfolg. Ich fühle mich im Moment sehr wohl in meiner Haut als Bundestrainer – und schlafe ruhig, nur nicht so lange.

Der THW Kiel hat die Tabellenspitze in der Handball-Bundesliga eingebüßt. Der Rekordmeister verlor am Donnerstag sein Auswärtsspiel bei den Füchsen Berlin mit 28:29 (17:12) und fiel damit hinter Nordrivalen Flensburg-Handewitt zurück.

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