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THW Kiel „Mit uns wird zu rechnen sein“
Sport THW Kiel „Mit uns wird zu rechnen sein“
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21:16 13.01.2016
Von Tamo Schwarz
Oliver Roggisch ist seit 2014 Teammanager der deutschen Handball-Nationalmannschaft. Im Interview zeigt er sich begeistert von Christian Dissinger, Steffen Weinhold und Rune Dahmke, den drei Kielern im DHB-Trikot. Quelle: Sascha Klahn
Hannover

Herr Roggisch, Sie haben Ihren Bart abrasiert. Aberglaube?

 [lacht] Ich habe Carsten Lichtlein nach einem Langhaarschneider gefragt, aber der Aufsatz fehlte. Am Ende war der Bart krumm und musste ganz ab. Aber die alte Regel lautet: Wer rasiert, verliert. Und ich wollte lieber in der Vorbereitung als bei der EM verlieren. Ab jetzt lasse ich den Bart wieder wachsen. Bis zum letzten Spiel – wann immer das sein wird.

Die Nationalmannschaft litt schon einmal unter erheblichem Verletzungspech: von Behren und Velyky fielen aus, Kehrmann war angeschlagen, Baur, Klimovets und Fritz verletzten sich im Turnier. Das war 2007, und Deutschland wurde mit Oliver Roggisch Weltmeister ...

 ... Das stimmt, aber die Voraussetzungen waren andere. Die Mannschaft war viel erfahrener als unser Team heute. Wir haben einige junge Spieler mit weniger als zehn Länderspielen, wie zum Beispiel ein Christian Dissinger. Aber das hat seinen Charme, keiner hat uns auf dem Zettel. Aber mit uns wird zu rechnen sein, die Mannschaft ist unbekümmert, Spieler wie Dissinger oder Fäth haben einen Lauf. 

 Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Ausfälle massiv sind: mit Gensheimer und Groetzki die Flügelzange, mit Wiencek der Abwehrchef, um nur einige zu nennen. Kann die Mannschaft das kompensieren?

 Wenn eine Nation das kann, dann Deutschland. Die Spieler sind Partien im Drei-Tage-Rhythmus gewohnt, wir haben beispielsweise auf Außen eine unglaubliche Substanz. Natürlich kann man die Ausfälle nicht immer Eins-zu-eins ersetzen. Aber der Bundestrainer ist immer für eine Überraschung gut. Und wenn plötzlich ein Rückraumspieler auf Außen auftaucht, findet das auch nicht jeder Gegner gut. Das kann unbequem sein.

Die Überlastung der Spieler ist offensichtlich: Wie muss Ihrer Meinung nach gegengesteuert werden?

In der Tat, die Spieler sind überlastet. Das Sinnvollste wäre, die Champions League zu verkleinern, die stattdessen weiter aufgepumpt wurde. Die deutsche Handball-Bundesliga (HBL) und der europäische Verband EHF müssen sich endlich an einen Tisch setzen, Kompromisse finden, Lösungen entwickeln. Es steht mir nicht zu, zu fordern, dass die Bundesliga verkleinert wird oder die Vereine in der Liga 16 Spieler einsetzen dürfen. Die Spieler sind einfach überlastet, HBL und EHF müssen aufeinander zugehen und Lösungen finden.

Mit dem Kieler Rune Dahmke steht nur ein etatmäßiger Linksaußen im Kader. Zu viel Verantwortung?

 Nein. Ich habe zuletzt viel Zeit mit Rune verbracht, wir waren gemeinsam im „Aktuellen Sportstudio“. Er ist für sein Alter wirklich sehr entspannt. Und er weiß, dass man einem jungen Mann wie ihm Fehler nicht sofort vorwerfen wird. Er ist schon ganz schön abgezockt, spielt eine gute Saison und wurde auch im Verein ins kalte Wasser geworfen.

Welche Rolle spielt Steffen Weinhold als neuer Kapitän?

Eine ähnliche wie vorher: Der Sprung ist nicht groß, er war auch vorher schon ein absoluter Leader auf dem Feld. Das wird er jetzt noch mehr sein, spricht mehr mit dem Trainer. Steffen ist ein Riesentyp.

Hätten Sie die Entwicklung eines Christian Dissinger so erwartet?

Wie stark er ist, musste ich mit den Rhein-Neckar Löwen (Roggisch ist Co-Trainer bei den Löwen, d. Red.) schon am eigenen Leib erfahren. Gegen uns hat er unglaublich gut gespielt. Christian zeigt Konstanz, spielt aber auch mit viel Risiko. Das gehört zu seinem Spiel dazu. Er nimmt sich die Würfe, und dann muss er eben auch ab und zu „Fahrkarten“ werfen dürfen.

Hat die Mannschaft schon so etwas wie einen Geist von Berlin entwickelt? Die Spieler waren gemeinsam Boxen ...

 ... wenn, dann ist es eher der Geist vom „Café Kex“ auf Island. Dort, in dem Hostel von Dagur Sigurdsson in Reykjavík, sind wir vor einem Jahr zusammengewachsen. Wellness stand nicht gerade im Vordergrund, einen Fernseher gab es in den Mehrbett-Zimmern nicht. Aber für das Teambuilding war dieser spartanische Aufenthalt wichtig. Die Mannschaft hat sich dort gefunden.

Wie ist die Rollenaufteilung zwischen Dagur Sigurdsson und Ihnen?

Ach, nach Dagur kommen erst einmal die beiden Co-Trainer, und dann komme ich. Ich halte ihm den Rücken frei, bei der Organisation, Tagesplanung, Lehrgangsplanung, und auch in Mediendingen. So kann er sich voll auf den Sport konzentrieren. Wir vertrauen uns. Die Arbeit macht einen Riesen-Spaß.

Man hat das Gefühl, dass der kühle Isländer zusehends auftaut ...

Auftaut? Dagur ist ein lockerer Typ, ein guter Typ. Natürlich nicht immer in der Öffentlichkeit. Er kann da sehr gut umschalten. Er gibt eben nicht so viel von seinem Privatleben preis. Ich war da vielleicht anders. Aber kalt ist er ganz gewiss nicht. Im Gegenteil.

Wenn Sie so nah an der Mannschaft sind: Juckt es manchmal noch in den Fingern?

Es wird immer in den Fingern jucken. Aber die Zeit ist vorbei. Die Jungs heute machen ihre Sache doch mindestens genauso gut wie ich. Aber wahrscheinlich wird das Jucken in den Fingern ewig so bleiben.

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