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THW Kiel Gislason: „Handball droht das Aus“
Sport THW Kiel Gislason: „Handball droht das Aus“
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19:30 07.08.2015
Von Tamo Schwarz
Am Rande des Trainingslagers in Herzogenaurach nahm sich THW-Trainer Alfred Gislason (re.) Zeit für ein Interview mit unserem Redakteur Tamo Schwarz. Quelle: Uwe Paesler
Kiel

Herr Gislason, wie fällt Ihr Fazit am Ende des Trainingslagers aus?

Vieles im taktischen Bereich konnte ich wegen der vielen Verletzten nicht machen. Trotzdem lief es sehr gut. Ich bin zufrieden.

Durch den neuen Modus im DHB-Pokal (Erste Runde 15./16. August, d. Red.) war die Vorbereitungszeit wieder einmal verkürzt. Ist das Limit der Belastung erreicht?

Der neue Modus ist einen Versuch wert. Er verschafft den kleinen Mannschaften die Chance auf attraktive Gegner. Für uns größere Klubs sind es aber wieder Spiele mehr. Das Limit ist nicht erreicht, es ist längst um 30 Prozent überschritten.

Wofür plädieren Sie?

Eine Verkleinerung der Bundesliga um zwei Mannschaften wäre wünschenswert. Das Programm der Nationalmannschaft ist seit Jahren aufgebläht. Ich bin auch für Europa- und Weltmeisterschaften nur alle vier Jahre und nicht alle zwei Jahre. Das käme auch der deutschen Nationalmannschaft zugute – die Deutschen leiden am meisten.

Wie sehr stört der Wechsel-Poker um Filip Jicha Ihre Vorbereitung, und ist es besorgniserregend, dass so viele Stars aus der Bundesliga weglaufen?

 Die Vorbereitung ist gar nicht gestört. Die Bundesliga ist weiter sehr stark. Das, was in Barcelona passiert, hat finanziell nichts mit Handball zu tun. Das ist Mäzenatentum wie in Skopje oder Paris, wo Katar dahinter steht. Aber: Das ist die Realität. Jeder meiner Spieler könnte woanders mehr Geld verdienen, Geld spielt eben eine große Rolle. So lange Gelder – zum Beispiel vom öffentlich rechtlichen Fernsehen – nur in den Fußball fließen, droht dem Handball und anderen kleineren Sportarten das Aussterben. Wenn ich beispielsweise die Jugendförderung oder die Zahl der festangestellten Trainer in Frankreich betrachte, dann ist der Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland so wie im Fußball der zwischen Deutschland und Afrika.

Was sagen Sie zu der Meinung: Beim THW ist es wie beim FC Bayern – nur den Meistertitel zu holen, wird den Ansprüchen nicht gerecht. Ist Ihre Mannschaft in der vergangenen Saison den Ansprüchen nicht gerecht geworden?

Wer das sagt, hat keine Ahnung. Wer weiß, welche Probleme wir mit den vielen Verletzten hatten und trotzdem Meister geworden sind, kann diese Leistung einschätzen. Teilweise haben wir ohne Linksaußen gespielt, die Torhüter waren verletzt, über weite Strecken mussten wir ohne Jicha, Palmarsson, Lauge auskommen. Weltweit hätten das nicht viele Mannschaften geschafft. Trotzdem wurden wir auch Gruppensieger in der Champions League und sind nach Köln ins Final Four gekommen – wo wir ganz nebenbei nicht gerade bevorzugt wurden. Nach 2012 haben wir einen extremen Umbruch geschafft und sind dennoch 2013, 2014 und 2015 Meister geworden.

Wie sind Ihre Ansprüche für diese Saison?

Wir wollen Meister werden, das wird wieder schwierig. Ich sehe die Rhein-Neckar Löwen und Flensburg als stärkste Konkurrenten. Und wir wollen die Final-Four-Turniere im Pokal und in der Champions League erreichen.

Wie sehr wird Ihr taktisches Konzept leiden, wenn Jicha den Verein verlässt? Haben Sie schon einen potenziellen Nachfolger im Auge?

Nein. Und über Filip rede ich erst, wenn er wirklich weg ist. Noch ist er da und arbeitet an seinem Comeback. Das wird noch zwei bis drei Monate dauern.

 Im Trainingslager fiel der enge Zusammenhalt der Mannschaft auf. Nehmen Sie einen besonderen Teamspirit wahr?

Ja, und auch deswegen bin ich sehr zufrieden. Die Neuen haben sich gut eingefügt, alle sind eng zusammengerückt. Das war in der letzten Saison auch schon so, als wir so viele Probleme hatten. Da haben sich die Spieler aufgeopfert, das war eine Riesen-Leistung.

Wie haben Sie den Sommer verbracht?

In meinem Haus in Wendgräben bei Magdeburg. Ich habe dort mittlerweile einen Hektar Garten und musste einen neuen Zaun ziehen.

Sie haben noch einen Vertrag beim THW Kiel bis 2017. Wie fühlt es sich derzeit an in Kiel?

Ich fühle mich immer noch sehr wohl beim THW und bin stolz, für diesen Verein zu arbeiten. Jeden dritten Tag ein Spiel: Natürlich bin ich in einer Endlosschleife, die kein normales Leben zulässt. Ich kann mir vorstellen, irgendwann in einen anderen Rhythmus zu kommen.

Zum Beispiel als Nationaltrainer?

 Ich möchte bis 2019, wenn ich 60 bin, in der Bundesliga bleiben. Am liebsten beim THW. Ich kann mir nicht vorstellen, innerhalb der Liga zu wechseln. Danach? [lacht] Vielleicht Trainer auf den Fidschi Inseln. Aber wer weiß schon, ob ich dann von dem Job lassen kann – er macht ja auch viel Spaß.

Das Spiel um den Handball-Supercup ist noch nicht ausverkauft. Für die Partie am 19. August in der Stuttgarter Porsche-Arena zwischen dem deutschen Meister THW Kiel und Pokalsieger SG Flensburg-Handewitt sind noch 700 Karten zu haben, informierte die Handball-Bundesliga (HBL) am Donnerstag.

Deutsche Presse-Agentur dpa 06.08.2015

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Tamo Schwarz 04.08.2015

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Tamo Schwarz 04.08.2015