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THW Kiel Zum Zuschauen verdammt
Sport THW Kiel Zum Zuschauen verdammt
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00:19 28.05.2015
Von Wolf Paarmann
Foto: Johan Sjöstrand hofft, im letzten Saisonspiel wenigstens noch einen Siebenmeter halten zu dürfen.
Johan Sjöstrand hofft, im letzten Saisonspiel wenigstens noch einen Siebenmeter halten zu dürfen. Quelle: Sascha Klahn
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Kiel

Für Johan Sjöstrand ist die Lanxess-Arena mittlerweile zu einem tragischen Ort geworden. Als er sich mit dem FC Barcelona 2011 für die Endrunde der Champions League qualifizierte, war er verletzt. Diesmal schaut der 28-Jährige zu, weil er sich offenbar bei der Weltmeisterschaft in Katar Anfang des Jahres mit Bakterien infizierte, die das in Europa höchst seltene Maltafieber(Brucellose) auslösen.

Sjöstrand wird die Reise trotzdem mit einem lachenden Auge antreten, weiß er doch endlich, welche Ursache das hohe Fieber hatte. „Ich war immer müde und meine Beine am Ende so dünn“, sagt Sjöstrand, der mit Daumen und Zeigefinger einen Kreis bildet, durch den ein mittelgroßer Salzstreuer rutschen würde. „Ich habe mich fünf Wochen lang nur zwischen Bett, Sofa und Toilette bewegt“, erinnert er sich daran, dass Treppen zu Hindernissen wurden. „Ein paar Stufen rauf, ein paar runter, und ich war kaputt.“ Irgendwann sei die Muskulatur verschwunden gewesen. Eine Zeit, in der er von Suppen lebte, seine sieben Traber nur via Internet verfolgte und selten Besuch bekam. Seine Eltern reisten über Ostern an, einmal leistete ihm sein Freund Magnus Jernemyr (GWD Minden) für drei Tage Gesellschaft.

Mannschaftsarzt Dr. Detlev Brandecker hatte ihn zeitig in die Uni-Klinik einliefern lassen, weil die Grippe, die sich Sjöstrand Mitte März einhandelte, auch nach einer Woche nicht enden, das Fieberthermometer nicht unter 39 Grad fallen wollte. „Ich weiß nicht mehr, wie oft ich im Krankenhaus untersucht wurde“, sagt Sjöstrand. „Damals habe ich richtig Angst bekommen.“ Das Maltafieber stand auf der Checkliste der Klinik-Ärzte, die am fünften Tag schließlich die Ursache fanden, aus gutem Grund nicht oben: In den vergangenen Jahren sind in Mitteleuropa lediglich 50 Fälle aufgetreten, Schweden und Deutschland galten gar als brucellosefrei.

Geschwächt durch die Grippe war das Immunsystem offenbar nicht in der Lage, die extrem haltbaren Bakterien abzuwehren, mit denen er sich in Katar infiziert haben könnte. Sjöstrand vermutet, dass er sie über Ziegenkäse aufgenommen hat, der aus nicht pasteurisierter Milch hergestellt wurde. Er nahm neun Kilogramm ab und muss noch immer Antibiotika einnehmen. Inzwischen trainiert er leicht und isst viel. „Vier Kilo sind schon wieder drauf“, sagt er.

Comeback noch in Ferne

An ein Comeback sei aber noch nicht zu denken. „Ich würde keinen Ball halten. Um eine Hilfe zu sein, müsste ich zwei Wochen lang voll mittrainieren.“ Deshalb rechne er nicht damit, seinen Kollegen noch einmal helfen zu können. „Vielleicht werde ich gegen Lemgo für einen Siebenmeter eingewechselt.“ Nach zwei THW-Jahren wolle er sich an diesem 5. Juni gerne als Spieler verabschieden, bevor er sich dem Ligarivalen MT Melsungen (Vertrag bis 2018) anschließt. Den THW werde er trotzdem in guter Erinnerung behalten. „Ich war schon spanischer und dänischer Meister, hier bin ich deutscher Meister geworden – viel mehr geht nicht.“ Es sei für jeden Schweden ein Traum, einmal dieses Trikot tragen zu dürfen.

Für die Sorgen seines künftigen Arbeitgebers, der dem deutschen Nationaltorhüter Andreas Wolff einen Korb gab, um ihn zu verpflichten, hat Sjöstrand Verständnis, aber auch eine beruhigende Botschaft. „Spätestens nach der Sommerpause bin ich wieder fit. Der Urlaub fällt diesmal aus, ich werde kräftig trainieren.“ Ganz so optimistisch sieht Brandecker, der mit seinem Kollegen von der MT Melsungen, Bernd Sostmann, seit Wochen im regen Austausch steht, nicht. Er sehe Sjöstrand zwar auf einem guten Weg, aber es sei sehr schwierig, eine genaue Prognose abzugeben. „Weil diese Krankheit so selten ist, gibt es keine belastbaren Erkenntnisse darüber, wie sie sich auf Leistungssportler auswirkt.“ Der Drei-Länder-Meister wird also auch im Umgang mit dem Maltafieber Geschichte schreiben.