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THW Kiel Auf der Jagd mit Ole Rahmel
Sport THW Kiel Auf der Jagd mit Ole Rahmel
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15:17 09.01.2020
Von Tamo Schwarz
Ole Rahmel Jagd legt sich mit seinem Jagdkamerad Felix Brand auf die Lauer. Quelle: Uwe Paesler
Westensee

Stille. Absolute Stille. Nebel wabert über dem Feld. Es ist 5 Uhr in der Früh, irgendwo mitten im Jagdrevier in Deutsch-Nienhof im Rücken des Westensees. Es wird kein Schuss in diese Stille fallen. Diese Geschichte ist eine andere. Eine vom Suchen und Finden, von Abstand und Nähe, von der Schönheit des Schweigens. Und eine von Ole Rahmel, dem Menschen.

In der Morgendämmerung geht es vorbei an alten Brombeeren durch den Matsch. Irgendwann liegen der 30-jährige Profihandballer vom THW Kiel und sein Jagdkamerad Felix Brand auf der Lauer, lehnen auf einem Hünengrab an einer imposanten Buche, die alles für sich behält. Sanft bricht sich Sonnenlicht Bahn. Weiter weg könnte der Jubel der Fans, die Gesänge in der Sparkassen-Arena nicht sein.

Der Wald ist das Spielfeld

Ein Fuchs taucht frech aus dem Dickicht auf, begrüßt den Tag. Vögel zwitschern. Rahmel und Brand haben ihr Gewehr an den Stamm gelehnt, verfolgen das Geschehen durch ihr Fernglas. Und schweigen. Wir alle schweigen. Rahmel ist konzentriert in seiner Jagdkleidung, trägt eine Mütze, und jetzt ist der Wald sein Spielfeld. „Ich habe da was gefunden, ohne es richtig zu suchen“, sagt der Kieler Rechtsaußen. „Ich habe das so nie erwartet, würde auch nur mit Fernglas in den Wald gehen und wäre der glücklichste Mensch.“ Rahmel ist keiner, der Dinge so dahinsagt, der so dahinlebt, keiner, der das Leben so dahinfließen lässt.

Veganer Lebensstil mit Jagdschein?

Rahmel ist ein Exot seiner Zunft. Handballer, ja. Linkshänder, Rechtsaußen, ja. Tätowiert – auch das ist längst keine Seltenheit mehr. Aber Rahmel ist auch ausgebildeter Brauer und Mälzer, beherbergte einst in Erlangen ein Hausschwein, orientiert sich bei seiner Ernährung an einem veganen Ernährungsstil – und hat irgendwann seinen Jagdschein gemacht. Warum? „Ich wollte eine neue Ebene mit meinem Vater finden. Er war mein Jugendtrainer, immer mein Mentor, aber das Verhältnis hat sich weg von einer Meister/Schüler-Beziehung verschoben. Ich gehe jetzt meinen eigenen Weg“, sagt er. Rahmel ist mit seinem drei Jahre jüngeren Bruder Leif auf Norderney aufgewachsen, Vater Jürgen ist Meeresbiologe, Mutter Heike Lehrerin für Biologie und Sport. Ole Rahmel hat sie wiedergefunden, die Nähe, eine andere Nähe zu seinem Vater. Wenn er erzählt, ist zu spüren: Das macht ihn glücklich.

Raus aus dem Trott

Über 550 Hektar erstreckt sich das Gebiet in Deutsch-Nienhof, das bejagt werden darf. Rehwild, Damwild, Wildschweine. Wir bewegen uns nicht weg von unserem Hünengrab. Wir schweigen, kommunizieren mit Gesten, Blicken. Entschleunigung. Fragen kommen auf. Später besprechen wir alles. „Auf der Jagd gewinne ich Abstand – zu allem“, sagt Rahmel dann. Er breche aus „aus dem Trott, alle drei, vier Tage ein Spiel zu haben“, tauche „in ganz andere Dinge, andere Themen ein“.

Rahmel hat Reset gedrückt. In seiner Zeit beim HC Erlangen (2013-2017) war da noch mehr Nachtleben, mehr Kultur. Viel Musik ist immer noch, Rahmel freut sich auf das Deichkind-Konzert in Kiel im Februar. Aber jetzt, mit Jagdschein und Angelschein, ist doch alles anders. Jetzt verbringt der Mann mit den fünf Länderspielen freie Nachmittage am Wasser, im Wald, in Behrensdorf am Deich, auf der Jagd. Dann schwärmt er von „wunderschönen Wochenenden mit meinem Vater mit viel Zeit und Warten und Flüstern und Stille“. Dann ist niemand da, der aus den Lautsprechern röhrt „Und das Tor erzielte mit der Nummer 22 Oooooole ….“, keine Masse Mensch, die erwidert „Raaaahmel, hej, Ole, hej!“.

Ein kurzer intensiver Moment

Plötzlich steht da ein Reh. Elegant, irgendwie erhaben, aufrecht. Der Puls schnellt in die Höhe, Rahmel nimmt sein Gewehr, legt an, ist ganz ruhig, fixiert das Tier unter dem Schirm seiner Mütze, prüft die Situation. Kann er schießen? So wie damals im Oktober 2018, als er in Rumohr sein erstes Reh erlegte, zum ersten Mal schoss, im Kopf alles durchspielte, einen Ast abbrach und dem Tier seinen „Letzten Bissen“ in den Mund legte. Ein Ritus, eine letzte Aussöhnung aus Respekt vor dem Tier. Erst danach beginnt die Arbeit, wird das Wild aus der Decke geschlagen, zum Schlachter gebracht. „Das Schießen war ein kurzer, intensiver Moment. Man will das Richtige tun, das Tier soll nicht leiden. Da geht es um Respekt und Ehre.“

In Deutsch-Nienhof fällt kein Schuss in die Stille. Das Tier ist nicht geeignet, ein ausreichend sicherer Kugelfang nicht gegeben. Ein Schuss könnte Schlimmes anrichten. Rahmel lehnt sein Gewehr wieder an den Baum. Setzt sich hin. Schweigt.

Schön, mal nicht über Handball zu reden

Ein Schweigen, dessen Schönheit sich in die Stille hinein ausbreitet, den Genuss der völligen Absenz von Klingeltönen und Verkehrslärm mit sich bringt. Im Laub raschelt es. Ein Schwein? Der Fuchs. Blicke. Schau mal da! Rahmel schätzt die Natur, die Bodenhaftung, das Ursprüngliche. „Man ordnet Dinge schnell anders ein.“ Anders als in den Hallen Deutschlands, in denen die Handballer vom THW Kiel oft „gehyped“ werden. „Es ist doch schön, mal nicht über Handball reden und denken zu müssen“, sagt Rahmel. Kontraste: In der Arena ist er im Tunnel, voller Adrenalin, im (positiven) Stress. „Vieles passiert instinktiv, man hat keine richtigen Gedanken.“ Beim Jagen das Gegenteil: „Man ist eher tiefenentspannt, muss sorgsam prüfen, die Situation, das Alter des Tieres. Erst dann beginnt der Puls.“

Ran an den Ursprung

Rahmel lässt sich treiben, in der Stille, im Schweigen. Flüstern ist das Höchste der Gefühle auf diesem Hünengrab in Deutsch-Nienhof. Wir sprechen später. Beim veganen Essen. Rotkohl, Rösti, Tomatensuppe. Kein Fleisch. Drei Jahre lang hat Rahmel vegan gelebt, orientiert sich noch immer an einem veganen Ernährungsstil und den damit verbundenen moralischen Vorstellungen. „Ja, das mag ein Widerspruch zur Jagd sein auf den ersten Blick. Ich würde aber auch heute nie sagen: Ich bin Veganer.“ Schubladen, ein Etikett – das ist nicht sein Ding. Ungefähr einmal im Monat kocht Rahmel für sich (und Freundin Julia) Rehfilet oder gegrillten Rehrücken oder ein leckeres Wildcurry. „Ich verzichte aus Umweltgründen auf Fleisch. Der Fleischkonsum ist ungesund für den Planeten“, sagt Rahmel. „Aber wenn ich der Natur selbst etwas entnehme, das ein erfülltes Leben hatte, nie Schmerz kennengelernt hat, ist das für mich die natürlichste Form der Nahrungsbeschaffung. Viel näher kommt man an unseren Ursprung nicht heran.“

Anschließend geht es zum Training

Der Fuchs hat sich verzogen, der Nebel auch. 10 Uhr, durch den Matsch geht’s zurück zum Auto, vorbei an Brombeersträuchern. Der Jäger Ole Rahmel packt ein, der Profihandballer Ole Rahmel beginnt den Tag mit dem Vormittagstraining. Neuer Fokus, neue Herausforderung. Aber sie wird sich noch oft wiederholen, diese Geschichte vom Suchen und Finden, von Abstand und Nähe und von der Schönheit des Schweigens.

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