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THW Kiel Roggisch: „Wir dürfen nicht zu viele Fehler gegen den THW machen“
Sport THW Kiel Roggisch: „Wir dürfen nicht zu viele Fehler gegen den THW machen“
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08:13 22.02.2012
Von Wolf Paarmann
Oliver Roggisch kommt am Mittwoch mit den Rhein-Neckar Löwen nach Kiel.  Quelle: imago sportfotodienst
Mannheim

Eines ist unstrittig – in der Brust des 2,02-Meter-Riesen schlägt ein großes Kämpferherz.

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 Sie haben sich bei der EM in Serbien zum vierten Mal die Nase gebrochen. Haben Sie sie inzwischen richten lassen?

 Nein, das wäre sinnlos. Sie wurde schon zweimal operiert und bricht immer wieder. Ich werde sie erst nach meiner Karriere richten lassen. Nicht, um besser auszusehen, sondern um besser atmen zu können. Meine Kollegen machen schon Witze, weil meine Nasenscheidewand so kaputt ist, dass ich durch den Mund atmen muss. Ich höre mich auf dem Feld und beim Essen wie ein Asthmatiker an, sagen sie. Was ich übertrieben finde. Sie ist krumm, das stört mich nicht. Auch wenn es der Grund sein könnte, dass ich im Moment keine Freundin habe (lacht).

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 Sie haben trotz der gebrochenen Nase bei der EM gespielt. Tut das nicht weh?

 Klar. Aber das Schlimme ist nicht der Schmerz, sondern dass mir in dem Moment, in dem sie bricht, Tränen in die Augen schießen, und ich nichts mehr sehe. Grundsätzlich bin ich eher schmerzunempfindlich und während eines Spiels so voller Adrenalin, dass ich nicht viel spüre.

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 Sie sind in Ihrer Karriere mehr als zehnmal operiert worden, der rechte kleine Finger lässt sich in alle Richtungen bewegen. Haben Sie das Gefühl, den Körper für den Sport zu missbrauchen?

 Nein. Ich fühle mich gerade so fit wie nie. Als ich noch Kreisläufer gewesen bin, waren beide Knie und die Sprunggelenke im Eimer. Aber jetzt, da ich nur Abwehr spiele, sind diese Körperteile wieder voll in Ordnung. Alles gut also.

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 Die Nationalmannschaft hat Olympia verpasst, bei der EM aber einen guten siebten Platz belegt – wie sieht Ihr Fazit drei Wochen danach aus?

 Wir haben uns für unsere Leistung nicht belohnen können. Am Ende zählt eben nur der Platz. Wären wir ins Halbfinale gekommen, wäre es ein Riesenturnier gewesen. Die Theorie, dass wir uns in Serbien als Mannschaft gefunden haben, teile ich nicht. Seit ich dabei bin, habe ich immer nur Mannschaften erlebt, in der das Zwischenmenschliche gestimmt hat. Es stimmt aber, dass wir uns in Serbien im spielerischen Bereich verbessert haben.

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 Pascal Hens, der Kapitän, ist zurückgetreten. Beim All-Star-Game in Leipzig haben Sie ihn vertreten. Wie sieht Ihre Zukunft in der Nationalmannschaft aus?

 So lange ich das Gefühl habe, gebraucht zu werden, werde ich bleiben. Ich bin stolz darauf, Nationalspieler zu sein. Wenn sich im Innenblock einer anbietet, der es besser kann, bin ich aber der Erste, der seinen Platz räumt. Über einen Rücktritt habe ich noch nie nachgedacht. Wenn, dann sollte der mit einem Turnier in Verbindung stehen, an das ich positive Erinnerungen habe. Kapitän? In einer Vereinsmannschaft bin ich das noch nie gewesen, es wäre eine Ehre, es in der Nationalmannschaft zu sein. Aber Haasi (Michael Haaß, d. Red.) und Holger (Glandorf, d. Red.) können das auch. Ich bin nicht böse, wenn ich es nicht werde. Dieses Amt darf auch nicht überbewertet werden. In erster Linie soll es nicht belasten, so wie es bei „Mimi“ Kraus der Fall gewesen ist. Der hat sich anschließend zu viele Gedanken gemacht. Ich denke, dass das Kapitänsamt in einem Verein wichtiger ist, weil hier viele Nationalitäten unter einen Hut gebracht werden müssen.

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 Die Krise im deutschen Männer-Handball wird immer wieder daran festgemacht, dass die deutschen Talente in der Bundesliga keine Chance bekommen. Wie sehen Sie das? Wäre eine Quotenregelung eine Lösung?

 Pauschal sicherlich nicht. Wir deutschen Spieler profitieren auch davon, dass die starken Ausländer hier spielen und die Bundesliga somit die beste Liga der Welt ist. Mehr Sponsoren bedeutet auch mehr Geld für uns. Die Stars sind oft Ausländer und die Zuschauer kommen in die Hallen, um einen Filip Jicha zu sehen. Oder früher einen Nikola Karabatic. Was wollen wir? Eine mittelmäßige Liga, in der nur Deutsche spielen? Das ist keine Lösung. Mir imponiert, was Christian Dissinger macht (inzwischen Kadetten Schaffhausen, d. Red.). Vielleicht kommt er eines Tages ja zu uns, er würde unseren Rückraum schmücken.

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 Sie wirkten bei der EM fit wie lange nicht? Stimmt es, dass THW-Trainer Alfred Gislason die Schlankheitskur zu verantworten hat?

 Ja. Er ist ja bekannt dafür, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Nach einem Spiel in Kiel hat er mich mit freiem Oberkörper gesehen und mir gesagt, dass ich fett geworden bin. Ich habe mich zu Hause gleich auf die Waage gestellt. Das habe ich lange nicht gemacht, weil die Batterie kaputt gewesen ist. Die Anzeige blieb erst bei 107 Kilogramm stehen, das war ein Schock. Da es damals auch sportlich nicht so gut bei mir lief, war klar, dass ich etwas ändern musste. Ich habe anschließend im Tauchurlaub in Indonesien sechs Wochen lang Fisch gegessen und meine Ernährung umgestellt. Jetzt bin ich zehn Kilo leichter, die Rückenprobleme sind weg und ich viel schneller auf den Beinen. Alfred, vielen Dank!

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 Ihre Fans sagen, Sie seien die deutsche Ausgabe des französischen Abwehrspezialisten Didier Dinart, Ihre Kritiker, dass Sie ein Schläger sind. Wo würden Sie sich einordnen?

 Spieler sind nur schwer miteinander zu vergleichen. Dinart beispielsweise spielt in einem ganz anderen Abwehrsystem. Ein Schläger ist jemand, der bewusst ins Gesicht schlägt. Das mache ich nicht. Es ist natürlich schon passiert, dass ich jemanden treffe, aber nie absichtlich. Das Spiel ist sehr schnell, da ist es nicht leicht, immer fair zu verteidigen. Bei einem Spieler wie Daniel Narcisse ist es fast normal, zu spät dran zu sein. Meine Art, Handball zu spielen, ist nicht die sauberste Art. Das ist klar. Aber ich finde, dass es besser geworden ist. Ich bin cleverer geworden, schneller und mein Stellungsspiel besser.

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 Sie waren einst ein guter Kreisläufer, jetzt sind sie ein reiner Abwehrspieler. Fühlen Sie sich reduziert?

 Nein. Ich bin Weltmeister geworden, das wäre mir als Kreisläufer nicht gelungen. Ich bin keines der Top-Talente auf dieser Position gewesen. Aber – ich kann heute in den Spiegel schauen und mir sagen, dass ich aus meinen Möglichkeiten das Optimum gemacht habe. Die Rolle des Abwehrchefs ist wichtig, auch viele Nationalmannschaften wechseln heute noch Spezialisten für die Abwehr ein.

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 Auf Ihrer neuen Homepage haben Sie sich in sehr kriegerischer Pose als Gladiator ablichten lassen. Wären Sie gerne einer gewesen?

 Nein. Die Bilder stammen noch aus meiner Magdeburger Zeit. Damals hatte der Verein eine große Werbekampagne gestartet und uns als „Gladiators“ vermarktet. Die echten Gladiatoren waren zwar sehr angesagte Leute, aber meine Welt wäre es nicht gewesen. Mir ist es doch lieber, wenn Schiedsrichter dabei sind. Auch wenn es manchmal nicht so aussieht (lacht).

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 Sie sind gelernter Groß- und Außenhandelskaufmann und Ihr Vertrag bei den Löwen läuft aus? Wie sieht Ihre kurz- und mittelfristige Zukunft aus?

 Die sehe ich bei den Löwen. Es hat zwar auch ein gutes Angebot aus Wetzlar gegeben, aber ich hoffe, dass wir uns auf eine Vertragsverlängerung einigen können. Auch nach meiner Karriere kann ich mir gut vorstellen, bei diesem Verein und in dieser Region zu bleiben. Trainer? Eigentlich habe ich mir geschworen, nie einer zu werden, weil ich auch einmal ein geregeltes Leben führen möchte. Aber ganz ausschließen will ich es doch nicht.

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 Zuletzt wurde bei den Löwen ein Fünf-Jahres-Plan aufgestellt, an dessen Ende endlich Titel stehen sollten. Nun regiert der Rotstift. Wie haben Sie die Vergangenheit erlebt, und was halten Sie von der Gegenwart?

 Seit ich in dem Verein bin, wurde versucht, mit Stars kurzfristigen Erfolg zu haben. Wir waren auf jeder Position mit Top-Leuten doppelt besetzt. Aber es fehlte immer die Zeit, um sich einzuspielen. Ich glaube, es ist auch besser, eine klare Hierarchie auf den Positionen zu haben. So wie es jetzt geplant ist: Ein Top-Spieler und ein Talent für jede Position. Wir werden kleinere Brötchen backen müssen und wohl nicht Deutscher Meister werden. Aber um einen Champions-League-Platz spielen wir mit. Und das mit einer Mannschaft, hinter der die Region steht und mit der es riesigen Spaß machen wird.

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 In der vergangenen Saison haben die Löwen in Kiel gewonnen. Was muss passieren, damit sich das wiederholt?

 Die Kieler dürfen keinen Sahne-Tag erwischen, vor allem Thierry Omeyer nicht. Ihren Positionsangriff können wir in den Griff bekommen, aber wir dürfen nicht zu viele Fehler machen. Der THW lebt von der ersten und zweiten Welle, die müssen wir unterbinden. Es ist ein schönes Gefühl, einmal als Außenseiter nach Kiel zu fahren, schließlich haben wir derzeit nur acht Angriffsspieler. Und ich weiß, wie groß der Druck ist, zu Hause ein Spiel gewinnen zu müssen. Aber – der THW ist erstaunlich souverän und wird ganz klar auch Meister.

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