Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
THW Kiel "Gislason war die schwerste Entscheidung"
Sport THW Kiel "Gislason war die schwerste Entscheidung"
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:08 26.02.2019
Der ehemalige Aufsichtsratsvorsitzende des THW Kiel, Reinhard Ziegenbein, blickt auf fast zehn Jahre in dem Kontroll-Gremium zurück. Quelle: Ulf Dahl
Kiel

Warum haben Sie sich aus dem THW-Aufsichtsrat zurückgezogen?

Reinhard Ziegenbein: Ich habe vor drei Jahren zum ersten Mal eine größere Operation hinter mich gebracht und war der Hoffnung, das wäre mit der anschließenden Chemo-Behandlung abgeschlossen. Aber voriges Jahr bekam ich eine weitere Negativprognose mit einer weiteren OP und noch einer Chemo-Behandlung. Mir wurde gesagt, dass die nicht einfach sein wird. In Kenntnis dessen konnte ich es nicht mehr verantworten, neben dem Büro mit über 100 Mitarbeitern und der Familie auch noch das, was übrigens meine größte Leidenschaft ist, zu machen. Den THW zu führen ist keine Nebenbei-Tätigkeit. Nach dringenden Empfehlungen der Ärzte habe ich dann zum Jahresende entschieden, aufzuhören.

Können Sie überschlagen, wie viel Zeit Sie als Aufsichtsrat investiert haben?

Das ist schwierig. Aber es verging nicht ein Tag, an dem nichts war. Mindestens ein bis zwei Stunden täglich – wenn man Sachen wie Auswärtsfahrten weglässt. Das ist ja keine Arbeit im herkömmlichen Sinne. Es ist eine Aufgabe, die einen voll fordert.

In welchem Zustand übergeben Sie den Verein?

In sportlicher Hinsicht mit den besten Voraussetzungen dafür, dass wir wieder an die europäische Spitze herankommen können. Die entscheidenden Weichenstellungen waren für mich, Filip Jicha als Nachfolger für Alfred Gislason als Trainer zu verpflichten – übrigens mit starker Einbindung von Marcus Ahlm (Ex-Kreisläufer und seit seinem Karriereende 2013 zunächst Mitglied und inzwischen Berater des Aufsichtsrates, d. Red.). Da gibt es ja einige Kritiker, die sagen, das sei zu früh, zu schnell oder zu mutig gewesen. Aber den Mut haben wir gehabt, und es war eine gewachsene Entscheidung. Das Zweite ist die Position des Sportlichen Leisters, die wir geschaffen haben. Das war zuvor ein Verantwortungsteil der Geschäftsführung. Das Einschneidendste und das, worauf ich echt stolz bin, ist unsere Entscheidung, in Altenholz mit dem Leistungszentrum alles zu zentralisieren. Wir hatten ja schon zehn Jahre Planungen und Verhandlungen ohne Ende gehabt und alles wurde nichts. Das zu übergeben, war im Januar die wichtigste Umsetzung von lange zuvor getroffenen Entscheidungen. Es ist ein Riesenprojekt geworden. Und wir haben in Zukunft alle Möglichkeiten, das noch auszubauen, zu perfektionieren. Wir könnten auch ein Internat anbieten und die Hallenbereiche weiter technisch aufrüsten – alles ist denkbar und möglich.

Was war die schwierigste Entscheidung Ihrer Amtszeit?

Das Festhalten an Alfred Gislason. Der Druck auf uns war erheblich, auch aus dem nächsten Umfeld. Unter den Fans kam Unruhe auf, das hat man auch an der Stimmung in der Halle gemerkt. Auch aus dem Sponsorenkreis gab es Druck. In vielen Sponsorenverträgen sind ja auch bestimmte Gewinnerwartungen und Leistungsvoraussetzungen an Geldzahlungen gebunden. Da haben wir schwer gerungen. Ich habe unter anderem ehemalige Spieler des THW um Rat gefragt und auch in die aktuelle Mannschaft reingehorcht. Wir haben immer gesagt, wir stehen für den THW in der Stetigkeit, in der Tradition. Und man muss auch im Misserfolg zusammenhalten. Deswegen haben auch wir schließlich gesagt: Mit dem Trainer wollen wir weitermachen.

Welcher ehemalige Spieler hat Ihnen bei der Entscheidung geholfen?

Zum Beispiel Dominik Klein. Er kennt Kiel und er kennt Alfred aus seiner Zeit als Spieler unter ihm. Und er hatte es ja nicht immer leicht mit ihm. Deshalb habe ich bewusst auf ihn gehört, weil ich mir sicher war, dass er nicht emotional sondern durchaus kritisch mit einem Trainer ist.

Aktuell steht ja die Suche nach einem neuen Geschäftsführer an...

... zwei.

Sie suchen also genau genommen nicht einen, sondern zwei Geschäftsführer?

Wenn wir so entschieden hätten, wie wir es im Dezember noch geplant haben, wäre eine Lösung bereits gefunden. Dann hätten wir uns für Viktor Szilagyi als Geschäftsführer Sport und einen Geschäftsführer für alle anderen Bereiche entschieden. Darunter hätten wir als hauptverantwortliche Mitarbeiter den bisherigen Finanz-Geschäftsführer Bastian Krussek im Bereich Finanzen, Sabine Holdorf-Schust im Bereich Verwaltung und einen Mitarbeiter im Bereich Marketing/Vertrieb. Der neue Aufsichtsrat hat vielleicht ganz andere Ideen. Wir haben unsere Gedanken und personellen Vorschläge vorgetragen. Ob der neue Aufsichtsrat zu einer ähnlichen Entscheidung kommt und unsere Entscheidung auch befürwortet, kann ich nicht sagen, würde es aber schön finden. Bis zum 1. Juli soll eine Entscheidung gefallen sein.

Thorsten Storm bleibt dem THW Kiel allerdings bei der Sponsorenakquise über seine Agentur erhalten und damit im Feld des neuen Geschäftsführers tätig.

Unsere Botschaft Ende 2017, dass wir mit Thorsten Storm weitermachen, war damals nicht präzise genug in der Frage der Form. Wir haben Thorsten Storm als exzellent vernetzten Marketing-Mann geholt. Das hat uns damals gefehlt. Diese Stärken würden wir gern weiter nutzen und setzen die Zusammenarbeit darum über einen Vertrag mit seiner Agentur fort. Bei der Kundenakquise wird er seine Dienste besonders im überregionalen Bereich anbieten. Die Suche und Betreuung regionaler Sponsoren soll der neue Geschäftsführer verstärkt abdecken. Da sind wir durch den Erfolg Holstein Kiels wachgerüttelt worden. An dieser Stelle braucht man eine Person, die die Region kennt. Wolfgang Schwenke ist so ein Beispiel. Wir haben vor langer Zeit mit ihm gesprochen, aber er war dem Fußball verhaftet.

Wie blicken Sie auf den neuen, großen Konkurrenten Holstein Kiel?

Wir waren es ja nicht gewohnt, in Kiel Konkurrenz zu haben. Vielleicht haben wir nicht aufgepasst, nicht schnell genug reagiert. Wir wussten zuerst nicht, wohin die Reise geht, und haben dann gemerkt, dass auch an unserer Struktur gerüttelt wurde und wir regionale Sponsoren verloren haben. Da geht es nicht nur um Geld, sondern um Emotionen. Der THW ist ein Verein, der in der Region verbindet. Da geht es um ein familiäres Netzwerk. Da ist uns was verloren gegangen.

Was war Ihr emotionalster Moment?

Die schwierigste Entscheidung war zu sagen, ich mach nicht mehr weiter. Was mir aber auch sehr schwer gefallen ist, war der Rechtsstreit mit Christian Zeitz. Ich habe nicht verstanden, wie jemand, dem man so viel gegeben hat, wenn man sich da auf ein Wort nicht verlassen kann. Ich habe mich selten so getäuscht wie in diesem Moment. Der Kontakt ist nun völlig erloschen und ich stehe auch zu der Entscheidung, ihn von der Hallen-Decke entfernt zu haben, denn das ist nicht THW-like, so benimmt man sich nicht. Die Rolle des Publikumslieblings hat er nachhaltig zerstört.

Interview: Tamo Schwarz, Merle Schaack und Alexander Holzapfel

Mehr zum THW Kiel lesen Sie hier.

Von KN-online

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die Handballer des THW Kiel behalten im internationalen Wettbewerb eine weiße Weste. Mit 37:23 (19:10) besiegten sie am Sonntagnachmittag ihren dänischen Kontrahenten GOG Gudme und sind nun als einzige der vier Mannschaften in der Gruppe D ungeschlagen.

Merle Schaack 24.02.2019

Nach der Bundesliga (35:22 beim VfL Gummersbach) ist vor dem EHF-Cup. Am Sonntag (15 Uhr, Sparkassen-Arena) empfängt der THW Kiel in Gruppe D den dänischen Kontrahenten GOG zum Gruppen-Gipfel der beiden bis dato ungeschlagenen Teams.

Tamo Schwarz 23.02.2019

Der Aufsichtsrat des THW Kiel formiert sich neu. Der Vorsitzende Reinhard Ziegenbein verzichtete bei der Gesellschafterversammlung auf eine Wiederwahl, ebenso sein Stellverteter Hartmut Winkelmann sowie Frank Dahmke und Helmut Wünderlich. Neu gewählt wurden Marc Weinstock und Sven Fricke.

Alexander Holzapfel 23.02.2019