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THW Kiel „Ich will um das Maximale spielen“
Sport THW Kiel „Ich will um das Maximale spielen“
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06:00 06.08.2019
Von Merle Schaack
391 Spiele, 2125 Tore, sieben Meistertitel, zwei Champions-League-Siege – Filip Jicha war als Spieler einer der ganz Großen des THW Kiel. Nun möchte er auch als Trainer Erfolg haben.
Kiel

Als sein Körper die hohe Belastung in der Bundesliga nicht mehr mitmachte, wechselte Filip Jicha (37) 2017 zum FC Barcelona. Vor der vergangenen Saison kehrte der Welthandballer von 2010 als Co-Trainer von Alfred Gislason zurück, um nun das Amt des Cheftrainers vom Isländer zu übernehmen.

Herr Jicha, Sie haben Saisonvorbereitungen als Spieler, Co-Trainer und Cheftrainer erlebt – welche Rolle ist am anstrengendsten?

Definitiv als Spieler. Diese physische Überwindung, die die Jungs leisten müssen, muss ich nicht wieder erleben. Jetzt mache ich einen Job, der mir unglaublich Spaß macht, der zwar nicht physisch, aber sehr zeitintensiv und mental sehr fordernd ist. Ich muss unsere Meetings vorbereiten, gewisse Routinen einhalten. Das kostet auch Kraft. Am freien Nachmittag im Trainingslager habe ich zwei Stunden geschlafen – das war nötig.

Hier finden Sie Fotos von Filip Jicha.

Sie haben die Aufgaben im Trainer-Team auf mehrere Schultern verteilt. Fällt es Ihnen schwer, Arbeit abzugeben? Von Ihrem Vorgänger Alfred Gislason ist ja bekannt, dass er immer alles unter Kontrolle haben wollte.

Sicherlich will ich im Moment alles unter Kontrolle haben, muss lernen, noch mehr Sachen abzugeben. Denn ein gutes Kollektiv zu haben, ist nur von Vorteil. Aktuell bin ich sehr zufrieden, wie jeder seinen eigenen Stil, seine eigenen Ideen und Kreativität einbringt. Wir sind ein Team.

Wie weit sind Sie auf dem Weg, Ihren eigenen Trainerstil zu finden, wie Sie es angekündigt haben?

Ich habe meinen eigenen Stil. Das merken die Jungs, glaube ich, auch schon. Ich gehe meinen eigenen Weg und bin sehr dankbar, für alles, was ich als Spieler von großen Trainern wie Alfred (Gislason, d. Red.), Noka (Serdarusic, THW-Trainer von 1993-2008, d. Red.) und Xavi Pascual (Trainer in Barcelona von 2008-2016, d. Red.) lernen durfte. Tatsächlich baue ich in jedem Training Übungen von allen dreien ein. Die Medizinbälle habe ich von Alfred übernommen, die Linienläufe von Noka und ein paar handballspezifische Übungen von Xavi Pascual. Ich modifiziere das meiste etwas. Wenn mich aber jemand fragt, ob ich mir eine Übung selbst ausgedacht habe, muss ich sagen: ,Das wäre schön, aber leider nein’.

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Wann haben Sie angefangen, all diese Übungen zu sammeln?

Als Spieler beim THW Kiel habe ich mich sehr viel mit dem Angriff auseinandergesetzt. Es war mein Hobby, zu analysieren, wie das alles funktioniert. Je älter ich wurde, desto mehr habe ich darüber nachgedacht, was man im Training besser machen oder anders strukturieren könnte, um es effektiver zu vermitteln. Tatsächlich habe ich nicht viel aufgeschrieben – bis auf einige Dinge in Spanien, die dort komplett anders waren. Mit dem deutschen, robusten Handball bin ich ja groß geworden, den kannte ich. Aber in Spanien versteht und trainiert man Handball auf eine andere Weise.

Wird es beim THW Kiel spielerisch eine Zäsur geben?

Als Spieler konnte ich den Angriff immer strukturieren – die Erfolge sprachen zumindest dafür. Ich habe meine Vorstellungen, wie man beispielsweise die zweite Welle ein bisschen anders durchspielen kann. Diese Vorstellungen muss ich nun den Spielern vermitteln. Ich will ihnen die Möglichkeit geben, ungebremst kreativ zu sein. Wir haben im Trainingslager ein großes Stück Arbeit geschafft. Wenn ein paar Spiele gespielt sind und wir auch Negativerfahrungen gemacht haben, werden wir wissen, wo wir stehen. Deshalb ist es gut, dass noch vier Testspiele auf uns warten. Die Partien gegen Barcelona und Paris werden uns zeigen, ob wir einen Schritt nach vorn gemacht haben, oder ob wir noch nicht so weit sind.

Hier sehen Sie die schönsten Bilder aus dem Trainingslager des THW Kiel in Graz.

Haben Sie jemals Zweifel daran gehabt, dass Sie den THW Kiel trainieren können?

Nein. Wenn ich die gehabt hätte, würde ich hier nicht sitzen. Ich mache diesen Job mit viel Demut. Ich hatte beim THW Kiel die schönsten Jahre meiner Karriere, habe meine Gesundheit für diesen Verein geopfert. Ich bin verbunden mit dem THW Kiel. Da sehe ich mich auch irgendwie in der Pflicht. Deshalb habe ich einen Riesenrespekt vor der Aufgabe. Aber gezweifelt habe ich nie. Als wir das erste Mal darüber sprachen, war mein Bauchgefühl sofort: ja klar! Eigentlich ging es nur darum, dass es auch im Sinne meiner Frau und meiner Familie ist. Sobald sie sagten, dass sie mich begleiten, wusste ich: Das ist es, was ich will.

Wie gehen Sie mit den Skeptikern um, die es Ihnen nicht zutrauen, sich beim THW Kiel auch als Trainer zu behaupten?

Jeder hat das Recht, seine Meinung zu äußern. Wir sind ein Profiklub, bei dem jeder Schritt öffentlich beleuchtet und bewertet wird. Wer mit diesem Druck nicht klarkommt, kann diese Arbeit nicht machen. Aber ich habe einen Job zu erledigen und werde nicht meine Energie damit verschwenden, mich zu rechtfertigen. Ich gebe aber allen Leuten recht, die sagen, dass ein Welthandballer nicht automatisch ein guter Trainer ist. Ich fange wieder bei null an.

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Zur Kaderplanung: Ende des Jahres laufen die Verträge von Rune Dahmke, Magnus Landin, Ole Rahmel und Domagoj Duvnjak aus. Steht in der Mannschaft ein größerer Umbruch bevor, oder sind alle jetzigen Spieler Ihre Wunschspieler?

Einen großen Umbruch wird es nicht geben. Aber eines ist mir extrem wichtig: Der THW Kiel steht über allem. Und da habe ich den Anspruch, dass wir um das Maximale spielen. Hierfür muss jeder das Maximale geben. Wenn das nicht der Fall ist, gibt es eine logische Konsequenz. Wir können hier nur die Athleten gebrauchen, die wirklich das Maximale geben wollen. Das ist das Schwierigste beim THW Kiel. Wenn ich aufrichtig bin, mag ich es nicht hören, wenn Spieler hierher kommen und sagen, sie seien da, um Titel zu sammeln. Ich weiß, wie schwer es ist, im Handball einen Titel zu gewinnen. Da muss zuerst mit ganz viel Fleiß und Disziplin gearbeitet werden, damit es überhaupt irgendwie möglich ist. Das vergessen viele. Wir alle sollen dafür sorgen, dass der Verein um das Maximale spielt – und das in jedem Wettbewerb.

Das heißt, alle Spieler, deren Verträge auslaufen, müssen Ihnen jetzt beweisen, dass Sie Ihren Weg mitgehen wollen?

Jeder muss das zeigen, egal, ob ich Spieler, Trainer, Co-Trainer oder ein Physiotherapeut bin. Dabei kommt es auch nicht auf die Vertragslänge an. Niemand kann sich hier ausruhen, alle müssen das Maximale geben, um um das Maximale spielen zu können. Ich bin sehr zufrieden mit der Mannschaft, die ich habe. Und wir werden alles geben, damit wir nur die besten und fähigsten Spieler unter Vertrag haben.

In der Liga stehen schon im September die schweren und wichtigen Spiele in Magdeburg und zu Hause gegen Meister Flensburg an. Der THW Kiel hat sich entschieden, zuvor mit einer Wildcard beim Super Globe in Saudi-Arabien (27. – 31. August) anzutreten. Das sind noch einmal vier Spiele in fünf Tagen. Die Füchse Berlin hatten dort im vergangenen Jahr vier Verletzte zu beklagen – haben Sie sich da nicht einen gefährlichen Klotz ans Bein gebunden?

Wenn man die Möglichkeit hat, eine Trophäe zu gewinnen, ist das für uns eine Riesenchance. Ich habe die Vereinsweltmeisterschaft einmal gewinnen können. Das ist ein Titel, den man sich in die Vita schreiben kann. Der Spielplan steht fest, und ab Saisonbeginn zeigt sich, ob wir gut vorbereitet oder noch nicht so weit sind. Es liegt an uns, wie wir uns auf den Super Globe vorbereiten und das angehen. Sollten wir einen, zwei oder vier Verletzte haben, werden wir das auch lösen müssen. Und wenn wir am Ende der Saison nur noch sieben Spieler haben, müssen die eben alles für diesen Verein geben. Immerhin hat der THW Kiel 2007 mit acht Feldspielern die Champions League gewonnen. Das ist der THW Kiel.

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Wann ist die Saison für Sie eine erfolgreiche Saison?

Ganz einfach: Wenn wir um das Maximale spielen. Um das, was nicht nur ich als Ziel verkörpere, sondern der ganze Verein. Als Trainer habe ich den Wunsch, dass die Spieler sich entwickeln. Jeder muss den Anspruch haben, an sich zu arbeiten und noch professioneller zu werden.

Worauf freuen Sie sich am meisten?

Darauf, dass es endlich mal losgeht. Auf den Spielbetrieb, den Druck, die Spielsituationen. Ich weiß, dass eine Saison durch Höhen und Tiefen geht. Ich freue mich auf beides. In den Tiefen wird die Mannschaft sich stärken, und wir werden uns alle noch besser kennenlernen. Eine Tiefe stärkt die Sinne – auch für das, was in guten Zeiten passiert. Und auf den Höhen geht es darum, nicht abzuheben. Auf diese Wellen freue ich mich sehr, die habe ich schon als Spieler gemocht - auch wenn es vielleicht komisch klingt. Ich hatte ein Jahr Pause vom Handball. Das hat mir gereicht. In dem Jahr habe ich so viel Handball geguckt, wie nie zuvor. Ich bin froh, dass ich jetzt wieder mittendrin bin.

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