Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
THW Kiel THW Kiel in der Zeitspiel-Falle
Sport THW Kiel THW Kiel in der Zeitspiel-Falle
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:00 20.09.2013
Von Wolf Paarmann
Die moderne Orlen-Arena in Plock wird am Sonntag mit voraussichtlich 5500 Zuschauern ausverkauft sein. Quelle: imago/Newspix
Kiel

Sechs der zwölf Punkte sammelten die Zebras gegen Aufsteiger ein, in den beiden Heimspielen gegen den VfL Gummersbach (31:30) und am Mittwoch gegen Wetzlar fühlte der Rekordmeister sich lange wie ein Verlierer an. Der einzig nennenswerte Coup gelang dem Team von Alfred Gislason bislang in Hamburg (32:26), allerdings litt der Champions-League-Sieger zu diesem Zeitpunkt noch unter den Nachwehen der strapaziösen Teilnahme am Super Globe (Katar). „Plock wird unser erster richtiger Härtetest“, sagt auch Gislason, dem noch nicht ganz klar ist, welche Entwicklungsstufe seine neuformierte Mannschaft inzwischen erreicht hat. „Langsam habe ich genug von den Zitterspielen.“

 Gegen Gummersbach holten die Zebras einen Acht-Tore-Rückstand auf, gegen Wetzlar verspielten sie auf der Zielgeraden einen Drei-Tore-Vorsprung (25:22), um dann durch einen Treffer von Filip Jicha acht Sekunden vor dem Abpfiff doch noch zu siegen. „Wir müssen bodenständig bleiben“, sagte der Tscheche, der in diesen Tagen von einer Magen-Darm-Grippe gebeutelt wird, unmittelbar nach dem Abpfiff. Auch er weiß, dass die Siegesserie nur eine Momentaufnahme ist.

 Offensichtlich ist, dass den Kielern eine fremde Umgebung derzeit besser liegt als die heimische Arena. Gislason hat auch einen Verdacht, woran das liegen könnte - an der Spielweise der Gegner. „Vor drei Jahren hatten wir pro Spiel jeweils mehr als 70 Angriffe, gegen Wetzlar waren es nur 53.“ Warum? Weil die Kieler weniger oft im Ballbesitz waren. Was daran liegt, dass die Regelung des Zeitspiels sehr schwammig gehalten ist. Derzeit urteilt das Schiedsrichtergespann aus dem Bauch heraus, wann eine Mannschaft seine Angriffe zu passiv durchführt. Für Gislason ein Unding. „Um das entscheiden zu können, müssten sie mehr Ahnung von Taktik haben. Daran mangelt es aber.“ Als Beispiel führt er einen Spielzug („Stoßen“) an, den er sehr gerne gegen den HSV anwendet. Eine kurze, sehr direkte Variante. Klappt sie, ist sie nach zehn Sekunden beendet. Musste sie aber wiederholt werden, weil der HSV den Angriff unterbinden konnte, war, so Gislason, in der Regel bereits der Arm der Schiedsrichter oben. Zeitspiel also bereits in Sekunde elf. „Irgendwann haben die Flensburger diese Taktik für ihre Hamburg-Spiele übernommen“, sagt Gislason. „Sie eröffnen sie aber mit zahlreichen Kreuzbewegungen, die für das eigentliche Stoßen gar nicht erforderlich sind.“ Das sei reine Laufarbeit, sehe lediglich gut aus, mehr aber auch nicht. 50 Sekunden, so hat er im Videostudium ermittelt, würde dieses Vorspiel bisweilen dauern, als Zeitspiel sei es nie geahndet worden.

 Um den Handball wieder Beine zu machen, schlägt er vor, dass jeder Angriff nur maximal 35 Sekunden dauern darf. Eine Zeitspanne, die für alle Beteiligten auf einer Uhr sichtbar ablesbar sein sollte. Ein System, das einst in der russischen Liga praktiziert wurde und im Basketball Standard ist. Ginge es nach Gislason, sollte der Zeiger bereits dann ticken, wenn der Ball vom eigenen Torkreis abgeworfen wird. Hätte diese Regel im Spiel gegen die HSG Wetzlar gegriffen, die in Ivano Balic den Großmeister der Zeitlupe beschäftigt, wären die Hessen mit dem Ball in der Hand nur noch selten über die Mittellinie gekommen. Das ersatzgeschwächte Team von Kai Wandschneider strahlte von Beginn an aus, mit einem 0:0 zufrieden zu sein. „Deshalb sehen wir auswärts auch besser aus“, sagt Gislason. „So kann ein Gastgeber vor eigenen Fans nicht auftreten.“ Das stimmt ihn optimistisch, dass der THW, der morgen Vormittag via Frankfurt nach Warschau fliegen wird, in der mit knapp 5500 Zuschauern ausverkauften Orlen-Arena in Plock sein anderes Gesicht zeigen wird. „Die Polen werden richtig Gas geben, ich freue mich auf dieses Spiel.“ Plock, so seine Analyse, sei viel stärker als im vergangenen Jahr.