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THW Kiel THW Kiel verliert Tabellenführung
Sport THW Kiel THW Kiel verliert Tabellenführung
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00:17 28.11.2013
Von Wolf Paarmann
Kiels Marko Vujin (r) wird von Flensburgs Thomas Mogensen geblockt. Quelle: dpa
Flensburg

Wer es mit dem THW hielt, erlebte einen entspannten Start. Die Zebras spielten in der ausverkauften „Hölle Nord“ eiskalt auf, gut sortiert in der Deckung, diszipliniert im Angriff. Jeder Fehler, das wussten sie nur zu gut, verwandelt sich an diesem besonderen Ort innerhalb von Sekunden in ein Gegentor.

Die Handballer der SG Flensburg-Handewitt sind an die Tabellenspitze der Bundesliga gestürmt. In einem mitreißenden Spitzenspiel überrollte die SG den Nordrivalen THW Kiel am Sonntag mit 34:30 (21:14).

Die ersten Emotionen waren in dieser elften Minute bereits überstanden. So hatte Bald-Kieler Steffen Weinhold in Minute eins seinen Bald-Kollegen Niclas Ekberg am Kreis gefällt. Während sich der Rechtsaußen vor Schmerzen krümmte, schlich Weinhold zur Strafbank. „Die Zeitstrafe war berechtigt“, sollte der reuige Sünder später sagen. „Aber es war keine Absicht, ich kam einen Schritt zu spät und bin ihm dabei auf den Fuß getreten.“

Es stand 6:5 für die Kieler, die in Überzahl waren, als Filip Jicha einen Pass von Thomas Mogensen abfing – Gegenstoß, die Chance, erstmals mit zwei Toren in Führung zu gehen. Doch Patrick Wiencek scheiterte an Mattias Andersson, der bis dato kein Faktor gewesen war. Im Gegenzug hämmerte Mogensen den Ball ins Netz, nur 20 Sekunden später traf Weinhold zum 7:6 für die Hausherren, die zuletzt vor zwei Jahren ein Heimspiel in der Bundesliga verloren hatten. Ein Tor, ein Signal. Schien das Team von Ljubomir Vranjes anfangs etwas gebremst, zu respektvoll, legte es nun den Schalter um. Weinhold zum 8:6, Andersson parierte einen Siebenmeter von Jicha – die Halle, bis dato eine Spur ruhiger als gewohnt, wachte nun auf. Kaum ein Angriff, bei dem sich nicht alle Fans der SG von ihren Sitzen erhoben.

Mit Macht und Schwung rissen Mogensen & Co nun Lücken in die Kieler Deckung, die in der ersten Halbzeit ohne Torhüter auskommen musste. Johan Sjöstrand und Andreas Palicka wechselten sich in ihrer Rat- und Tatenlosigkeit ab, hielten bis zur Pause nur vier Bälle. Auf der anderen Seite wurden die Fäuste, die Andersson nach jeder seiner 18 Paraden ballte, zu einer Art Dauerschleife.

Mit dem starken Schweden im Rücken, der mit seinen Landsleuten im THW-Tor auch um Eintrittskarten für die EM 2014 in Dänemark streitet, verdichtete sich die Abwehr um Tobias Karlsson zur Wand. Nur Jicha (6) und Marko Vujin (5), die elf der 14 THW-Tore vor der Pause warfen, fanden gelegentlich eine Lücke, für alle anderen war der blau-rote Wall zu hoch. Ganz anders die Hausherren, die auf allen Positionen gefährlich waren. Besonders die überragenden Außen Anders Eggert und Lasse Svan schlüften wie Aale durch die Hintermannschaft der Kieler. Mit Wiederanpfiff stellte Alfred Gislason um, ließ Vujin und Christian Zeitz auf der rechten Seite gemeinsam verteidigen, Sjöstrand hielt die ersten Bälle von Eggert. Hoffnung für den Rekordmeister? Nein, die Fehlerquote blieb zu hoch. Tauchten die Gäste einmal in Sichtweite der müder werdenden Flensburger auf, unterliefen ihnen leichte Fehler. Besonders im Anspiel an den Kreis landeten die Bälle zumeist an der falschen Adresse. Als Rene Toft Hansen sein erstes Tor warf, geschah dies in der 58. Minute, es stand 33:29 für die SG, das 76. Derby war längst zu Gunsten des neuen Tabellenführers entschieden.

Die Kieler gaben sich nach der zweiten Saisonniederlage als faire Verlierer, zogen den Hut vor einem an diesem Tag besseren Gegner. Doch zwischen den Zeilen war klar zu verstehen, dass das Gespann Baumgart/Wild sich auf einer nach unten offenen Sympathieskala weiter im freien Fall befindet. „Sie haben in den ersten elf Minuten gepfiffen“, beantwortete Gislason die Frage nach ihrer Leistung diplomatisch. „Danach pfiffen bis zur Pause nur noch die Zuschauer.“ Baumgart/Wild hatten auch das Sagen, als der THW beim SC Magdeburg (31:34) unterlag, Liga-Niederlage Nummer eins in der Saison. „Um hier zu gewinnen, hätten wir eine Spitzenleistung gebraucht“, sagte ein verärgerte Jicha. „Aber auch eine Spitzenleitung.“