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THW Kiel „Ohne Titel zu gehen, wäre schlimm“
Sport THW Kiel „Ohne Titel zu gehen, wäre schlimm“
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09:50 31.12.2018
Von Tamo Schwarz
Führten den THW zurück in die Erfolgsspur: Trainer Alfred Gislason (v. re.), sein designierter Nachfolger Filip Jicha und der sportliche Leiter Viktor Szilagyi. Quelle: Sascha Klahn
Kiel

Ein Hauch von Abschied weht durch die Sporthalle der Grundschule Russee. Nein, nein, nicht vom THW-Trainer Alfred Gislason selbst. Der bleibt ja noch bis Sommer 2019. Aber: Die voraussichtlich letzte Trainingseinheit im Russeer Weg ist gerade beendet. Nach Jahren der Improvisation hier und in Wellsee werden die Zebras nach der Winterpause endlich das neue Trainingszentrum in Altenholz beziehen. Der Isländer ist – zwischen Weihnachten und dem Spitzenspiel gegen die Löwen – gelassen, aufgeräumt. Und: Der 59-Jährige hat noch einiges vor.

Herr Gislason, hatten Sie ein schönes Weihnachtsfest?

Alfred Gislason: Es war kurz, aber schön. Ich bin aus Bietigheim direkt nach Wendgräben gefahren und habe dort mit der Familie gefeiert. Am 25. Dezember bin ich morgens dann zurück nach Kiel.

Im Juli wurde die kleine Kara geboren – Ihr viertes Enkelkind. Gewöhnen sich Ihre Frau Kara, die Kinder und die Enkel langsam daran, ein wenig mehr von ihrem Alfred zu haben? Diese Saison ohne Champions League ist doch so etwas wie ein schleichender Übergang, oder?

Ich denke, dass sich alle drauf freuen, aber keiner bisher so richtig daran glaubt. [lacht]

Und finden Sie Gefallen daran?

Noch nicht. Das weiß ich glaube ich erst, wenn es so weit ist.

Wir müssen jetzt nicht über eine Krise sprechen, sondern über eine ziemlich gelungene Hinrunde.

Ja, das war wirklich richtig gut von meinen Jungs. So traurig es ist, dass wir nicht Champions League spielen: Wir konnten mehr trainieren, das tat der Mannschaft sehr gut. Durch die geringere Belastung und eine höhere Prävention, hatten wir nicht die Masse an verletzten Spielern wie in den vergangenen Jahren. Ich ärgere mich allerdings über die vier Minuspunkte, besonders über die Niederlage in Magdeburg.

Das Spiel war aus dem Dezember nach vorne verlegt. Man muss kein Prophet sein, um zu sagen, dass der THW im Dezember wahrscheinlich beide Punkte nach Kiel geholt hätte. Nach Magdeburg folgten schließlich 19 siegreiche Begegnungen in Folge. Wo soll das noch hinführen?

Wir haben gute Karten, in die Meisterschaft einzugreifen. Aber Flensburg muss auch woanders noch Punkte verlieren. Wir haben es geschafft, nach Hamburg ins Pokal-Final-Four zu kommen, und haben die Chance auf ein Heim-Final-Four im EHF-Cup.

Den Pott in eigener Halle holen – das könnte man sich in Ihrer Abschiedssaison eigentlich nicht besser ausdenken, oder? Das ist doch besser als jedes Abschiedsspiel.

Ja, das Final Four im EHF-Cup könnte ein echtes Highlight für mich werden. Abschiedsspiel? Die Gespräche laufen. Ich bin eigentlich kein Freund von Abschiedsspielen, aber es könnte wohl im Sommer dazu kommen.

Sind die Gründe für die tolle Hinrunde nur sportlicher Natur, oder gibt es auch atmosphärische Aspekte?

Beides! Die Neuzugänge passen alle super rein. Peke (Hendrik Pekeler, d. Red.) kommt an, als sei er schon seit zehn Jahren hier, hat sofort eine Führungsrolle übernommen. Wir hatten zuletzt ja zwei Jahre lang Probleme im Innenblock, denn Patrick Wiencek war meist so gut wie alleine. Harald Reinkind macht sich in Angriff und Abwehr gut. Auch ein Steffen Weinhold ist jetzt fast durchgehend fit, Domagoj Duvnjak kehrt mehr und mehr zu seiner alten Klasse zurück. Das alles zusammen macht einen Riesenunterschied aus. Die Mannschaft ist viel kompakter, homogener. Und ein Gisli (Kristjánsson, d. Red.) bleibt auch deswegen so oft auf der Tribüne, weil wir 16 andere Spieler zur Verfügung haben. Das gab es drei Jahre lang so nicht.

Sind Hendrik Pekeler und auch Magnus Landin die Gewinner der Hinrunde?

Ja, Magnus ist auch super eingeschlagen, hat eine unglaubliche Wurfquote.

Wo es Gewinner gibt, sind auch Verlierer nicht weit. Für Rune Dahmke ist die Hinrunde sehr unglücklich gelaufen.

Das kann man so sehen. Aber er war lange verletzt, ist erst in den letzten vier Wochen beschwerdefrei und hat jetzt auch richtig gute Spiele gemacht. Ich sehe es eher so: Nach einem Jahr Leidenszeit ist er wieder der Alte.

Sehen Sie diesen Kader als eine Mannschaft für die Zukunft?

Auf jeden Fall. Das war mein Auftrag – es hinzukriegen, dass ich gehe und eine Mannschaft übergebe, die lange so zusammenspielen kann. Punktuell gibt es immer Dinge zu verbessern. Aber das ist dann Viktors (Szilagyi, Sportlicher Leiter, d. Red.) und Filips (Jicha, d. Red.) Aufgabe.

Im Verein ist Aufbruchstimmung spürbar. Was hat sich verändert?

Es herrscht zuerst einmal mehr Ruhe im Verein, weil wir auch besser spielen. Viktor spielt aber auch eine ganz wichtige Rolle. Er spricht viel mit den Spielern, wirkt im Hintergrund. Filip Jicha als Co-Trainer nimmt mir auch ganz viel ab, hilft sehr. Die beiden haben viel eingebracht. Filip wird sich noch einen Assistenten dazuholen, und dann bin ich fest davon überzeugt, dass es ein sehr erfolgreiches Dreiergespann sein wird.

Mit Verlaub, ich war schon im Trainingslager sehr überrascht, wie leicht es Ihnen zu fallen scheint, Verantwortung abzugeben.

Wenn ich die Mannschaft vernünftig übergeben will, muss ich jetzt schon mehr abgeben, Filip und Viktor mit einbeziehen. Sonst wäre es ja im Sommer ein Kaltstart. Ich werde das in der Rückrunde noch weiter vertiefen.

Fällt Ihnen das gar nicht schwer?

Schwierig war es nur am Anfang, von der eigenen Arbeitsweise abzuweichen. Ich habe Filip beispielsweise die Verantwortung für unsere 6:0-Deckung übertragen. Wenn er dann mit der Mannschaft spricht, halte ich mich zurück, greife nicht ein. Ich lasse ihn machen. Filip weiß aber auch, wie ich denke. Er wird in der nächsten Saison sicher noch mehr eigene Ideen einbringen. Er macht sich wirklich sehr gut. Deswegen haben wir ihn geholt.

Es gab in der Vergangenheit laute Überlegungen seitens des THW Kiel, dass der Verein auch nach Ihrer Zeit als Trainer auf Ihre Expertise zurückgreifen wolle. Gibt es diesbezüglich Neuigkeiten?

Überhaupt nicht. Wenn ich überlege, welche Aufgabe das sein könnte, fällt mir nichts ein. Ich will ja nicht derjenige sein, der im Hintergrund immer sagt, was alles besser sein müsste. Die Vereinsverantwortlichen wissen: Wenn sie mich brauchen, helfe ich gerne mit Rat und Tat. Ich bin mir aber sicher, dass sie das nicht brauchen werden.

Sie stehen bei Ihrer Frau in der Pflicht: Mit 60 muss in der Bundesliga Schluss sein. Hat Kara schon Pläne für das Danach geschmiedet?

Ein paar Sachen, zum Beispiel im September einen gemeinsamen 60. Geburtstag im engsten Familienkreis. Sie ist nur zwei Wochen jünger als ich. Unser Lebensmittelpunkt wird in Wendgräben sein. In Island werden wir dann nur noch zu Besuch sein. Ich habe seit zwei Jahren dort keinen Wohnsitz mehr. Wir wollten auch schon immer einmal Argentinien und Neuseeland bereisen, ich wollte schon immer eine Reise rund um das Schwarze Meer unternehmen. Mal sehen!

Was kommt nach dem THW? Isländischer Nationaltrainer waren Sie schon einmal. Also doch Deutschland?

Drei, vier, sechs Monate Pause. Und dann irgendeine Nationalmannschaft. Ganz vom Handball wegkommen werde ich sicher nicht. Ich habe keinen Plan gemacht, welche Mannschaft das sein könnte. Das kann genauso gut ein Aufbauprojekt sein. Es muss eine interessante Herausforderung sein.

Welche Erwartungen oder Befürchtungen verbinden Sie mit der WM im Januar?

Ich erwarte, dass es eine richtig gute WM für Deutschland wird. Es ist eine Heim-WM, die Euphorie wird Kräfte freisetzen. Natürlich fehlt mit Julius Kühn der Shooter auf Halblinks, und natürlich gibt es gewisse Probleme auf der Mitte. Aber Abwehr, Torhüter, Außen sind super, der Rückraum ist trotzdem auch gut, die Linkshänder können gut Mitte spielen. Ich sehe keine großen Probleme.

Trauen Sie dem Trainer Christian Prokop einen Durchbruch zu?

Er hat sicher aus der EM gelernt, er muss auf die Spieler eingehen. Die Mannschaft muss aber auch zeigen, dass sie zusammenhält. Die Kieler Achse kann dabei helfen. Wiencek, Pekeler, Wolff, Weinhold sind eingespielt. Der Bundestrainer könnte grob sogar unsere 6:0-Variante spielen. Das und Andi Wolff dahinter – das ist eine Bank.

Wer gehört für Sie noch zu den Favoriten?

Frankreich, Dänemark, Norwegen.

Voraussichtlich werden elf Ihrer Spieler bei der WM im Einsatz sein. Können die Titelkämpfe mitentscheidend sein für den weiteren Verlauf der Saison?

Das war bei uns in den letzten Jahren bei großen Turnieren leider immer so. Duvnjak, Toft Hansen, Weinhold, Dissinger kamen jeweils kaputt nach Hause zurück. Der Januar kann extrem wichtig für uns sein.

Jedes Auswärtsspiel in der Bundesliga ist momentan für sie das letzte, die letzte Pressekonferenz hier, jetzt gerade unser letztes gemeinsames Weihnachtsinterview. Ist das schon bei Ihnen im Kopf angekommen?

Das wird wohl erst im letzten Monat so richtig ankommen, und oft kapiert man so etwas vielleicht auch erst im Nachhinein.

Was muss passieren, damit Alfred Gislason bei seinem Abschied aus Kiel glücklich und zufrieden in den Rückspiegel schaut?

Wir müssten einen Titel gewinnen.

Gehe ich recht in der Annahme, dass es am liebsten auch ein bestimmter, nämlich der Meistertitel sein sollte?

Ich war bis jetzt neunmal deutscher Meister und würde gern den zehnten Titel gewinnen. Es kommt auf die Umstände an, und Pokal und EHF-Cup wären auch schön natürlich. Aber ganz ohne Titel aus Kiel wegzugehen – das wäre schlimm.

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