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Weihnachtsgeschichten 2017 In einem anderen Leben, in einer anderen Zeit
Weihnachten Weihnachtsgeschichten Weihnachtsgeschichten 2017 In einem anderen Leben, in einer anderen Zeit
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09:50 21.12.2017
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Weihnachten 1939: Mit meiner Familie lebte ich im schönen Ostseebad Henkenhagen, dem heutigen Ustronie Morskie. Es war das letzte schöne Weihnachtsfest meiner Kindheit.
Am Heiligabend war bis zum Mittag alles noch sehr geschäftig, die letzten Besorgungen wurden getätigt, es war stets viel zu tun. Ab Mittag wurde es sehr still. Fast merkwürdig leise. Je mehr es zum Abend ging, desto leiser und stimmungsvoller wurde es. Die Tiere im Stall wurden versorgt und bekamen zum Heiligen Abend noch eine Extra-Portion. Es war eine besondere Atmosphäre, so still und tragend und ich glaube, dass die Tiere verstanden haben, dass ein besonderes Fest bevorsteht. Wir wünschten ihnen „Frohe Weihnachten“ und als alle versorgt waren, begann für uns der Heiligabend. Wir saßen in der warmen Stube und die Öfen wurden geheizt. Dann gab es Abendessen, meistens gab es Würstchen, das war damals sehr viel. Zum Nachtisch hatten wir Pfefferkuchen, und ich war damals mit meinen 6 Jahren schon sehr aufgeregt, denn, wenn alle satt waren, der Tisch abgeräumt war, kam der Weihnachtsmann. Er brachte damals nur für die Kinder Geschenke, meistens Dinge, welche die Eltern selbst genäht, gebastelt oder auch geschnitzt hatten. Die Erwachsenen schenkten sich nichts und falls doch, so habe ich es als Kind nie mitbekommen. Ich erinnere mich, dass ich in diesem Jahr eine von meinem Vater aus Holz angefertigte Spielzeugeisenbahn bekommen habe. Wir wohnten in der Nähe des Bahnhofs und ich habe mich stets für Züge begeistert, und so war dieses Geschenk für mich etwas sehr Besonderes. Ich spielte den ganzen Abend mit meiner neuen Eisenbahn, und als ich ins Bett ging, nahm ich sie mit – jeden Waggon einzeln – und legte sie mir alle schön geordnet auf mein Kopfkissen.
Weihnachten lag in diesem Jahr – wie so oft in meiner Kindheit – Schnee. Die Flocken waren riesig, es war nicht windig und ich erinnere mich, wie sie ganz gerade vom Himmel gefallen sind. Am 1. Weihnachtsmorgen musste mein Vater Schnee räumen, während ich mit den Nachbarkindern auf dem Teich Schlittschuh lief. Sogar die Eisfläche musste vom Schnee befreit werden, sodass ein Schlittschuhlaufen überhaupt erst möglich war.
Insgesamt war die Stimmung an den Weihnachtstagen sehr schön und tragend. Es herrschte auch draußen Stille. Das einzige, was zu hören war, das war ein teilweise weiter entferntes Glockengeläut der Pferde, denn Autos gab es damals so gut wie gar keine.
Damals ging es nicht um die Geschenke an Weihnachten, sondern um den Sinn des Festes. Wichtig war, dass die Familien sich trafen, zusammensaßen und Kaffee tranken. Wir Kinder bekamen Kakao. Ich weiß noch, dass ich so oft vom Schlittschuhlaufen in die warme Stube ging – einfach aus dem Grund: Ich wollte mir den Tannenbaum ansehen. Auch erinnere ich mich, wie traurig ich war, als Weihnachten zu Ende war und der Tannenbaum aus dem Wohnzimmer geholt wurde. Aber ich hatte eine Idee: Und so haben wir Kinder in diesem Jahr den Tannenbaum in die Mitte der Eisfläche gestellt und ihn dort im tiefen Schnee eingegraben, sodass wir mit unseren Schlittschuhen immer um unseren Tannenbaum herum fahren konnten.
Die Familienangehörigen und Geschwister, wie auch mein älterer Bruder, waren Weihnachten 1939 das letzte Mal alle zu Hause. Ein Jahr später waren viele bereits einberufen worden, sie waren im Krieg und konnten nicht bei uns zu Hause sein. Es war das letzte schöne Weihnachtsfest für viele Jahre.