Binge Watching: Wann wird Serien gucken zur Sucht?

Streamingdienste wie Netflix, Amazon Prime, Youtube und Co. bieten ein nahezu unendlich scheinendes Angebot an Serien, Filmen und Videos. Das zieht die Nutzerinnen und Nutzer in den Bann.

Streamingdienste wie Netflix, Amazon Prime, Youtube und Co. bieten ein nahezu unendlich scheinendes Angebot an Serien, Filmen und Videos. Das zieht die Nutzerinnen und Nutzer in den Bann.

Hannover. „Nächste Folge“ schlägt Netflix schon automatisch vor, wenn eine vorherige endet. Ein Ladebalken dämpft die Ungeduld: drei, zwei, eins – gekonnt wird die Rückschau übersprungen und schon geht das Abenteuer weiter. Der Zuschauer oder die Zuschauerin liegt gespannt auf der Couch, vertieft in die Geschichten der Protagonisten, unterdrückt ein Gähnen. Nur noch diese eine Folge, denkt man schläfrig.

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„Diese Unendlichkeit ist entscheidend dafür, dass ein Suchtfaktor entsteht“, erklärt Laura Bottel vom deutschen Fachverband Medienabhängigkeit. „Wenn der Konsument nichts macht, guckt er einfach immer weiter. Will er aufhören, muss er sich aktiv dafür entscheiden.“ Diese Mechanismen nutzten Streamingsdienste wie Netflix, Amazon Prime oder Youtube, damit ihre Nutzerinnen und Nutzer aktiv bleiben. „Dadurch, dass es immer weitergeht, kann man sich total gut in die Serien reindenken, die Spannung wird kontinuierlich aufrechterhalten. So schafft man es kaum, wieder davon loszukommen“, sagt die Medienpsychologin.

Binge-Watching kommt von Binge-Eating

Das Phänomen zeigt gut, was Binge-Watching definiert: Die exzessive Nutzung von Streamingdiensten. Die Bezeichnung wurde aus dem Bereich Binge-Eating übernommen, worunter man eine anerkannte Essstörung versteht, bei der die Betroffenen oft lange Zeit gar nichts essen und dann plötzlich immense Mengen Nahrung zu sich nehmen, sodass es ihnen dadurch schlecht geht. „Gemeint ist damit, dass man überhaupt kein Ende mehr findet und immer weiter konsumiert“, erläutert Bottel. Streamingplattformen bedienten das Verlangen maximal, da es dort ein nahezu unendliches Angebot an Serien und Filmen gibt.

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Doch ist jemand, der stundenlang am Stück Serien schaut, schon mediensüchtig? Laut Laura Bottel gibt es keine „Diagnose Binge-Watching“. Der Begriff werde vor allem in der Gesellschaft, weniger aber in der Forschung genutzt. Dennoch existierten einige Parallelen zur wissenschaftlich anerkannten Gaming Disorder, der Computerspiel- oder Internetsucht.

Abhängige leiden unter Kontrollverlust

Bottel erklärt, dass Suchtbetroffene vor allem unter Kontrollverlust leiden. Selbst wenn sie das Suchtverhalten unterbinden wollen, schaffen sie es nicht – zu groß ist das Verlangen. So liege die Priorität der betroffenen Personen ganz klar auf der Mediennutzung, sei es das Computerspielen, im Internet surfen oder Serien schauen.

Dieses Verhalten führe letztlich dazu, dass die Süchtigen ihre Alltagsverpflichtungen und andere Interessen vernachlässigen. Sie werden zum Beispiel schlechter in der Schule oder in der Uni, können ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen oder den Haushalt erledigen. Hobbies und soziale Kontakte bleiben ebenfalls auf der Strecke. Damit von einer ernsthaften Abhängigkeit die Rede ist, muss aber noch ein weiteres Kriterium zutreffen: „Erst wenn dieses Verhalten über zwölf Monate hinweg gegeben ist, dann spricht man von einer Sucht“, erklärt Laura Bottel.

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Suchtpotenzial von Binge-Watching umstritten

Wie gefährlich das Suchtpotenzial beim Binge-Watching tatsächlich ist, sei in der Forschung noch umstritten, betont die Medienpsychologin, die auch am LWL-Universitätsklinikum für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Ruhr-Universität in Bochum arbeitet. Denn: Ein entscheidender Faktor, der zum Suchtpotenzial von Computerspielen und sozialen Netzwerken beiträgt, fehlt beim Binge-Watching.

Es ist die soziale Interaktion mit anderen Menschen. Beim Spielen beispielsweise könnten sich die Betroffenen eine neue Identität aufbauen. Beim Binge-Watching hingegen tauchten die Nutzer und Nutzerinnen nur in die Geschichten von fiktiven Charakteren ein, können aber nicht selbst mitwirken. Trotzdem wirke die Ablenkung für sich. „Beim Binge-Watching berichten Betroffene häufig, dass sie total in den Bann gezogen werden. Sie nutzen das, um der realen Welt zu entfliehen“, sagt Laura Bottel.

Suchtberatungsstellen bieten Hilfe an

Wer seinen Drang nach der nächsten Folge nicht befriedigen kann, wird oft unruhig und aggressiv, hat kaum mehr Lust auf andere Aktivitäten oder soziale Kontakte. Wer dem Drang aber nachgeht, verbringt dann Stunden vor dem Bildschirm. Über längere Zeit nimmt die körperliche Fitness ab, Müdigkeit und Desinteresse an der Außenwelt dagegen zu. „Mit Internetsucht im Allgemeinen gehen häufig auch psychische Begleiterkrankungen einher“, berichtet Laura Bottel. Die Isolation begünstige vor allem Depressionen und soziale Ängste.

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Um da wieder herauszukommen, gibt es viele Hilfsangebote. Laura Bottel empfiehlt, sich zuerst an eine Vertrauensperson zu wenden. Suchtberatungsstellen bieten außerdem professionelle Hilfe an. Auf der Webseite des Fachverbands Medienabhängigkeit gibt es auch eine Übersicht zu Anlaufstellen in ganz Deutschland und einigen Nachbarländern. Die Universität Bochum bietet ebenfalls ein bundesweites Onlineberatungsprogramm an.

Vorbeugen: Medienfreie Zeit einräumen

Bottel hat auch Tipps für diejenigen, die vorbeugende Maßnahmen ergreifen wollen. „Es ist sinnvoll, sich medienfreie Zeiten einzuräumen.“ Zum Beispiel vor dem Schlafen oder nach dem Aufstehen auf Medienkonsum zu verzichten. Auch App-Blocker können eine Hilfe sein, sowie das Abschalten des Internets für bestimmte Zeiten.

„Es geht darum, die Nutzung so unbequem wie möglich zu machen“, sagt die Medienpsychologin. Sie empfiehlt außerdem, über mehrere Tage hinweg die Nutzungszeiten zu dokumentieren, um sich den Ist-Zustand bewusst zu machen. „So kann man dann gezielt etwas daran ändern.“

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