Tiefste Krise seit Cambridge Analytica: Ex-Mitarbeiterin setzt Facebook unter Druck

Auf diesem von CBS zur Verfügung gestellten Foto ist die Facebook-Whistleblowerin Frances Haugen mit Scott Pelley von CBS im Gespräch bei „60 Minutes“.

Auf diesem von CBS zur Verfügung gestellten Foto ist die Facebook-Whistleblowerin Frances Haugen mit Scott Pelley von CBS im Gespräch bei „60 Minutes“.

New York. Eine Ex-Mitarbeiterin hat Facebook in die schwerste Krise seit dem Skandal um Cambridge Analytica gestürzt. Die 37-jährige Frances Haugen lieferte Schlüsselinformationen für eine Artikelserie im „Wall Street Journal“, nach der Facebook unter erheblichen politischen Druck in den USA geriet. Darin ging es unter anderem um die Auswirkungen des Fotodienstes Instagram auf junge Nutzerinnen und Nutzer. Haugen gab sich in am Sonntag veröffentlichten Interviews erstmals als Whistleblowerin zu erkennen. Am Dienstag soll sie im US-Senat aussagen.

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Haugen sagte dem „Wall Street Journal“, sie sei frustriert gewesen, weil Facebook nicht ausreichend offen damit umgehe, dass das Onlinenetzwerk Schaden anrichten könne. Zu ihrem Job bei Facebook, den sie im Mai nach rund zwei Jahren aufgab, habe der Kampf gegen Manipulationsversuche bei Wahlen gehört. Sie habe jedoch schnell das Gefühl gehabt, dass ihr Team zu wenig Ressourcen habe, um etwas zu bewirken.

Facebook-Whistleblowerin Frances Haugen unterhält sich die mit Scott Pelley von CBS in einer Folge der TV-Sendung „60 Minutes“, die am Sonntag ausgestrahlt wurde. Das Foto wurde von CBS zur Verfügung gestellt.

Facebook-Whistleblowerin Frances Haugen unterhält sich die mit Scott Pelley von CBS in einer Folge der TV-Sendung „60 Minutes“, die am Sonntag ausgestrahlt wurde. Das Foto wurde von CBS zur Verfügung gestellt.

Facebook stellte eigene Interessen in den Fokus

Auch sei ihr Eindruck gewesen, dass Facebook weiter auf Wachstum gesetzt habe, obwohl dem Unternehmen negative Auswirkungen der Plattform auf die Nutzerinnen und Nutzer bekannt gewesen seien. „Es gab Interessenkonflikte zwischen dem, was für die Öffentlichkeit gut war und was für Facebook gut war“, sagte Haugen bei „60 Minutes“. Und Facebook habe sich immer und immer wieder dafür entschieden, für eigene Interessen das Geschäft zu optimieren.

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Aus der Serie von Berichten im „Wall Street Journal“ in den vergangenen Wochen schlug besonders schwer der Artikel ein, in dem es um interne Untersuchungen zum Einfluss von Instagram auf junge Nutzerinnen und Nutzer ging. Unter anderem hieß es in einem Bericht von Facebook-Forschenden, bei zahlreichen Teenagern – vor allem Mädchen – verstärke Instagram die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. Das sorge für Essstörungen und Depressionen.

Facebook für unter 13-Jährige?

Facebook verwies nach dem Bericht darauf, dass weiteren Daten aus denselben Studien zufolge Teenager andere Themen als hilfreich bezeichnet hätten. Dennoch legte das Onlinenetzwerk vergangene Woche Pläne für eine Instagram-Version für Zehn- bis Zwölfjährige auf Eis.

Aktuell dürfen Kinder im Alter ab 13 Jahren Instagram nutzen. Viele geben jedoch bei der Registrierung ein falsches Geburtsdatum an. Mit „Instagram Kids“ wollte Facebook nach eigenen Angaben auch dieses Problem angehen. Doch nach einer Anhörung im US-Senat wurde klar, dass dies politisch nur noch schwer durchzusetzen sein wäre.

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„Facebook agiert wie die großen Tabakkonzerne“

Die für Nutzer-Sicherheit zuständige Managerin Antigone Davis drang bei den Senatorinnen und Senatoren mit ihren relativierenden Erklärungen nicht durch. So verglich der Demokrat Ed Markey die Vorgehensweise des Onlinenetzwerks vor allem bei Instagram mit verantwortungslosem Handeln der Tabakindustrie. „Instagram ist diese erste Zigarette der Kindheit“, die Teenager früh abhängig machen solle und am Ende ihre Gesundheit gefährde, sagte Markey unter anderem. „Facebook agiert wie die großen Tabakkonzerne: Sie verbreiten ein Produkt, von dem sie wissen, dass es der Gesundheit junger Menschen schadet.“

Die heute existierende Version von Facebook reißt unsere Gesellschaften auseinander und löst ethnische Gewalt rund um die Welt aus.

Frances Haugen packte nach zweijähriger Mitarbeit über Facebook aus

Facebook-Gründer und -Chef Mark Zuckerberg und auch die fürs operative Geschäft zuständige Topmanagerin Sheryl Sandberg äußerten sich bisher nicht zu der Kontroverse.

Studien zum Einfluss Facebooks waren Mitarbeitenden zugänglich

Wie am Sonntag bekannt wurde, kontaktierte Haugen das „Wall Street Journal“ bereits im Dezember vergangenen Jahres, nachdem ihre Abteilung aufgelöst wurde. Sie fand nach eigenen Angaben zu ihrer Überraschung diverse Studien zum Einfluss auf Nutzer, die praktisch allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der internen Kommunikations­plattform des Onlinenetzwerks zugänglich gewesen seien. Sie habe solches Material gesammelt, bis sie Facebook im Frühjahr verlassen habe. Haugens war in der Pandemie nach Puerto Rico gezogen – und die Personalabteilung habe ihr mitgeteilt, dass dies nicht als Fernarbeitsplatz akzeptiert werde.

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„Die heute existierende Version von Facebook reißt unsere Gesellschaften auseinander und löst ethnische Gewalt rund um die Welt aus“, sagte sie bei „60 Minutes“.

Haugen beantragte Whistleblower-Schutz

Ein Facebook-Sprecher erklärte dem „Wall Street Journal“ am Sonntag nach den Äußerungen Haugens, das Onlinenetzwerk versuche täglich, eine Balance zwischen dem Recht von Milliarden Menschen auf freie Meinungsäußerung und einer sicheren Umgebung für Nutzerinnen und Nutzer zu finden. Haugen beantragte bei US-Behörden offiziell Schutz als Whistleblowerin – so werden Mitarbeitende genannt, die durch Weitergabe von Informationen Missstände aufdecken wollen. Topmanager Guy Rosen betonte zugleich, dass Facebook inzwischen Hassreden bis auf 0,05 Prozent solcher Beiträge herausfiltern könne, noch bevor sie die Nutzerinnen und Nutzer erreichten.

Deutlich wird, dass Facebook vor allem in der US-Politik unter so starkem Druck steht wie seit dem Skandal um Cambridge Analytica 2018 nicht mehr. Damals war bekanntgeworden, dass Jahre zuvor eine Datenanalysefirma Informationen von Millionen Nutzenden ohne deren Wissen abgreifen konnte. Es war eigentlich nicht der schwerwiegendste Datenschutz-Fehltritt, der bei Facebook bis dahin passiert war – doch es war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

RND/dpa

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