Bald keine Corona-Regeln mehr? Das raten Risiko-Forschende zum Thema Eigenverantwortung

Die Lockerungsdebatte nimmt Fahrt auf: Sobald die Regeln fallen, muss jeder selbst entscheiden, wie er mit dem Infektionsrisiko umgeht.

Die Lockerungsdebatte nimmt Fahrt auf: Sobald die Regeln fallen, muss jeder selbst entscheiden, wie er mit dem Infektionsrisiko umgeht.

Frankfurt/Main. Objektiv war das Risiko einer Corona-Infektion noch nie so hoch wie in diesen Tagen. Zugleich diskutieren Politikerinnen und Politiker über künftige Lockerungen in der Pandemie und damit über mehr Verantwortung für jeden einzelnen Bürger und jede einzelne Bürgerin. Doch können wir die Gefahr abschätzen? Das Risiko eines Impfschadens ist verschwindend gering im Vergleich zum Risiko einer Infektion, dennoch entscheiden sich manche gegen die Spritze. Manche trauen sich aus Angst vor Ansteckung noch immer kaum aus dem Haus, andere sehen das Risiko als gering an.

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Seit Beginn der Pandemie zeigt sich wie unter einer Lupe, dass unser Umgang mit Risiken nicht immer rational ist. Und das liegt nicht nur am Kopf, sondern vor allem am Bauch, wie die beiden bekanntesten deutschen Risikoforscher, Ortwin Renn und Gerd Gigerenzer, erklären. Sie beschreiben, wieso wir uns so schwer tun, Risiken richtig einzuschätzen und was man tun kann, um das zu verbessern.

Mehr Gestaltungsspielraum

Wenn die Politik jetzt über ein Ende der Corona-Maßnahmen diskutiert, ist das durchaus von Bedeutung. Der Gestaltungsspielraum für Bürgerinnen und Bürger wächst, wenn sie die Zügel lockert. Trage ich freiwillig eine Maske? Wie viele Leute lade ich zu meiner Party ein und frage ich, ob sie geimpft sind? Kurz: Sind wir bereit für mehr „Risikomündigkeit“? Diesen Begriff prägte Renn in seinem Buch „Das Risikoparadox – Warum wir uns vor dem Falschen fürchten“ lange vor Corona.

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Heute sagt der wissenschaftliche Direktor am Institut für Transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam: „Ich finde schon, dass man in vielen Dingen dem Bürger auch mehr Urteilskraft zumuten kann und zutrauen darf.“ In den skandinavischen Ländern habe man ja von Anfang an stärker auf Risikomüdigkeit gesetzt. „Das Problem ist: Wenn man eine hohe Mortalitätsrate hat, reichen ein paar Prozent, die nicht risikomündig sind, um den Rest anzustecken.“

Daher fand Renn es in der ersten Welle richtig, strenge Vorschriften zu machen. Inzwischen sind aus seiner Sicht ausreichend Vorsichtsmaßnahmen getroffen worden, dass der Einzelne Risiken besser abwägen kann. Es bleibe aber eine Gratwanderung: „Die Bevölkerung ist halt keine homogene Masse.“

Unsicherheit mitkommunizieren

Gigerenzer, Autor des Buchs „Risiko – wie man die richtigen Entscheidungen trifft“, emeritierter Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und Leiter des Harding-Zentrums für Risikokompetenz, gibt dagegen ein harsches Urteil ab: „Die Menschen haben nicht gelernt, Risiken richtig einzuschätzen.“ Er diagnostiziert „ein Analphabetentum in Bezug auf Zahlen“ und schließt dabei Forschende, Journalistinnen, Journalisten, Politikerinnen und Politiker ein.

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Um Risiken richtig einzuschätzen, dürfe man nie auf absolute Zahlen schauen, sondern nur auf deren Relation. „Als bei Astrazeneca das Risiko von Thrombosen bekannt wurde, dachten sich manche: Ich geh auf Nummer sicher und lasse mich nicht impfen. Was dabei nicht bedacht wurde war, dass sich dadurch das Risiko, auf einer Intensivstation zu versterben, massiv erhöhte. Wenn ich also ein Risiko vermeide, kann ich damit ein viel größeres eingehen.“

Hier spiele auch die falsche Erwartung eine Rolle, Impfungen müssten eine Infektion zu 100 Prozent verhindern. „Die Illusion der Gewissheit ist fatal“, sagt Gigerenzer, 100-prozentige Sicherheit gebe es nirgends. Dass Menschen das erwarten, liege auch an der aus seiner Sicht mangelhaften „Risikokommunikation“ der Regierung. „Richtig wäre es, zu sagen: Das wissen wir. Das wissen wir nicht. Das machen wir, um mehr zu erfahren. Und das sollten Sie bis dahin tun. Man muss die Unsicherheit mitkommunizieren. Dann haben die Menschen mehr Vertrauen in die Urteile der Entscheiderinnen und Entscheider.“

Gefahren werden unter- und überschätzt

Generell tendierten Menschen dazu, manche Gefahren zu über- und andere zu unterschätzen, erklärt Renn im „Risikoparadox“: Überschätzt werden Gefahren, die der Einzelne nicht in der Hand hat, die statistisch selten sind, aber katastrophale Folgen haben – etwa Flugzeugabstürze oder Naturkatastrophen. Unterschätzt werden Gefahren, deren Folgen erst später eintreten – wie Rauchen – oder „systemische“ Risiken, deren Ursachen komplex sind – wie der Klimawandel. „In der Corona-Pandemie ist beides der Fall, das macht die Sache kompliziert“, sagt Renn.

Er hat klassische „Urteilsfallen“ identifiziert, die uns beim Einschätzen von Risiken in die Irre leiten. Eine Falle ist unsere Intuition. Beispiel Inzidenzkurve: Dass die Zahl der Infektionen erst langsam nach oben geht und dann immer stärker steigt, die sogenannte Exponentialkurve, „das widerspricht unserer Intuition“. Oder die Erfahrung, dass auch dreifach Geimpfte sich mit Omikron anstecken können, während der eine oder andere Nicht-Geimpfte Glück hat und es nicht kriegt, „das ist etwas, was schwer zu begreifen ist.“

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Hier liegt auch der Reiz der Verschwörungsmythen, glaubt Renn. Eines der großen Versprechen solcher Konstrukte ist, „dass sie absolute Sicherheit bieten. So abstrus das auch sein mag: Es ist eine Erklärung für alles. Alles was passiert, kann ich eins zu eins da einbauen, weil es eben ein Fantasieprodukt ist. Der Stress, der durch die Unsicherheit ausgelöst wird, ist dann weg.“

Forschende: „Das gefühlte Risiko ist gesunken“

Die Risikokompetenz der Deutschen sieht Renn optimistischer als Gigerenzer. „Ich würde sagen, dass sich zwei Drittel bis drei Viertel der Menschen in Deutschland in der Pandemie vernünftig – das heißt, dem Risiko angemessen – verhalten haben.“ Aktuell beobachtet er aber eine gewisse Abstumpfung. „Wir nennen das Rekalibrierung der Normalität: Das, was als normal gilt, hat sich verändert. Man gewöhnt sich an eine bestimmte Zahl von Corona-Toten, so schlimm das auch ist. Die Vorsicht hat seit der ersten Welle nachgelassen.“

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Das zeigt auch die Langzeitstudie Cosmo, ein Projekt der Universität Erfurt, des Robert Koch-Instituts, der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und anderen Institutionen. Alle zwei Wochen werden dafür knapp 1000 repräsentativ ausgewählte Erwachsene auch nach ihrer Risikowahrnehmung in der Pandemie gefragt.

„Wir befinden uns in einer Situation, in der trotz steigender Fallzahlen das Risikogefühl sinkt“, fassen die Autoren den aktuellen Bericht mit Daten von Mitte Januar zusammen. Die Menschen nähmen zwar mit Omikron ein erhöhtes Infektionsrisiko wahr, „jedoch ist das gefühlte Risiko gesunken“. Der Anteil der Menschen, die bewusst auf Kontakte verzichten, ist trotz Omikron nicht weiter gestiegen.

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In der Rückschau fällt auf, dass die Risikowahrnehmung seit Beginn der Pandemie weitgehend konstant ist – unabhängig davon, wie die Inzidenzen zum jeweiligen Zeitpunkt waren. Eine Grafik zeigt zwei nur leicht geschwungene rote und gelbe Wellen (das wahrgenommene Ansteckungsrisiko und das gefühlte Risiko), die seit März 2020 fast horizontal die massiven grauen Ausschläge der gemeldeten Infektionszahlen durchschneiden.

RND/dpa

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