Schwul, in Großbritannien gelebt, erkältet

Blutkonserven kritisch knapp: warum trotzdem so viele Menschen von einer Spende ausgeschlossen werden

Derzeit klagen viele Kliniken über Knappheit der Blutkonserven.

Derzeit klagen viele Kliniken über Knappheit der Blutkonserven.

Das Thema Blutspende bewegt Deutschland. Immer wieder weisen Blutspendedienste auf den geringen Vorrat an Blutkonserven hin, Operationen können aufgrund der Knappheit teilweise nicht stattfinden. Gleichzeitig geht die Debatte um die Einschränkungen für homosexuelle Männer weiter. Denn die aktuellen Kriterien machen es für einen Teil der schwulen Männer unmöglich, zu spenden. Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) will das ändern und hat einen Änderungsantrag zum Transfusionsgesetz gestellt und spricht bei der aktuellen Richtlinie von Diskriminierung.

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Diese Diskussion offenbart jedoch auch ein anderes Problem: Viele Menschen wollen zwar Blut spenden, dürfen es aber nicht. Manche sind komplett ausgeschlossen, andere nur zeitweise oder bis sie bestimmte Bedingungen erfüllen. Laut dem Deutschen Roten Kreuz (DRK), das Deutschland mit 75 Prozent der benötigten Blutspenden versorgt, brauchen 80 Prozent der Deutschen einmal im Leben eine Blutspende. Jedoch spenden nur 3 Prozent. Sind wir zu wählerisch mit unseren Spenderinnen und Spendern?

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„Es ist ein wirkliches Dilemma“: Viele Menschen werden ohne Blutspende nach Hause geschickt

„Wir müssen jeden Tag bis zu 12 Prozent der Menschen ohne Blutspende nach Hause schicken, weil sie die Kriterien für eine Spende nicht erfüllen“, sagt Stephan Küpper, Sprecher des DRK-Blutspendediensts West. Aktuell liege das unter anderem an der enormen Krankheitswelle: Viele Spenderinnen und Spender haben vor Tagen oder einigen Wochen eine Erkrankung durchgemacht und dürfen deshalb vorerst nicht spenden gehen. Das Problem sei zudem, dass „viele Menschen es als persönliche Zurückweisung empfinden, wenn sie temporär zurückgestellt werden“. Das führe mitunter zu einem Bruch in der Kommunikation zu den Spendenden.

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„Es ist ein wirkliches Dilemma, aber letztlich sinnvoll und richtig, dass in der Praxis Menschen zurückgestellt werden müssen, weil beispielsweise eine Magen-Darm-Infektion drei Wochen und sechs Tage – also noch keine vier Wochen – her ist, so wie es die Kriterien für eine Blutspende erfordern“, betont der Transfusionsmediziner Holger Hackstein des Uniklinikums Erlangen.

Ausschlusskriterien für die Blutspende: wichtig, aber nicht unumstritten

Die Ausschluss- und Rückstellungskriterien dienen in erster Linie dazu, Patientinnen und Patienten, aber auch die Spenderinnen und Spender zu schützen. Dauerhaft von einer Spende ausgeschlossen sind beispielsweise Menschen mit einer nachgewiesenen HIV-Erkrankung oder Hepatitis-B- oder -C-Infektion. Diese Ausschlusskriterien sind unumstritten – schließlich könnte sich ein Mensch auch über eine Blutspende damit infizieren. Andere Ausschlusskriterien werden dagegen kontrovers diskutiert und stoßen bei Spenderinnen und Spendern mitunter auf Unverständnis: Menschen, die zwischen 1980 und 1996 mehr als ein halbes Jahr im Vereinigten Königreich gelebt haben, dürfen etwa kein Blut spenden.

Der Grund hierfür ist, dass dort in diesem Zeitraum der BSE-Erreger (Bovine-Spongiforme-Enzephalopathie-Erreger) wütete, landläufig als Rinderwahn bekannt. In manchen Ländern, darunter auch das Vereinigte Königreich und Frankreich, starben Menschen infolgedessen an der Variante der Creutzfeld-Jakob-Krankheit, die wahrscheinlich durch den Verzehr infizierter Rinderprodukte ausgelöst wurde. In Deutschland gab es allerdings bislang noch keinen solchen Fall und andere Länder, wie vor Kurzem auch Israel, haben diese Regelung für vernachlässigbar erklärt und bereits abgeschafft. „Ich glaube, dass bei dieser Regelung sicherlich Diskussionsbedarf besteht“, sagt Hackstein. „Aber die große Angst bei diesen Prionenkrankheiten ist, dass die Inkubationszeit bei Jahrzehnten liegen könnte. Deswegen möchte man so eine Regelung nicht ohne Not streichen.“

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„Versteckte Diskriminierung“? Auch Rückstellungskriterien werden diskutiert

Zeitweise zurückgestellt, aber nicht komplett von der Spende ausgeschlossen werden beispielsweise Menschen, die vor Kurzem einen Infekt hatten. Nach einer leichten Erkältung muss man nach aktuellem Stand eine Woche nach Abklingen der Symptome warten, bei einem Infekt mit Fieber oder einer Magen-Darm-Grippe vier Wochen. Menschen mit bestimmtem Sexualverhalten, die den Richtlinien zufolge ein deutlich erhöhtes Übertragungsrisiko für durch Blut übertragbare schwere Infektionskrankheiten haben, werden für vier Monate zurückgestellt: Heterosexuelle und Transpersonen mit häufig wechselnden Sexpartnerinnen und -partnern zum Beispiel.

Dass diese Faktoren das Infektionsrisiko erhöhen, ist unumstritten. Kritisiert wird aber, dass schwule Männer immer dann schon zurückgestellt werden, wenn sie mit einem neuen Partner oder mehr als einem Partner in den vergangenen vier Monaten Sex hatten. Sprich: Alle, die nicht monogam leben, dürfen nicht spenden. Lauterbach nannte das „versteckte Diskriminierung“, jedoch gibt es für die Regelung medizinische Gründe. „Es gibt Hinweise darauf, dass MSM (Männer, die mit Männern Sex haben, Anm. d. Red.) epidemiologisch mit gewissen Infektionsrisiken vergesellschaftet sind. Auch deswegen ist es aus medizinischer und wissenschaftlicher Sicht keine einfache Entscheidung, die Rückstellungskriterien zu lockern“, sagt er.

Bei den Ausschlusskriterien gibt es keinen Interpretationsspielraum für Ärztinnen und Ärzte vor Ort: Jeder Mensch, der sie nicht erfüllt, darf nicht spenden. „Bei manchen Rückstellungskriterien können die Ärztinnen und Ärzte aber noch anders entscheiden – etwa, wenn der Blutdruck etwas zu hoch ist, was oft auch am sogenannten Weißkittelsyndrom liegt“, sagt Küpper. Das heißt: Eigentlich besteht ein normaler Blutdruck, der aber bei der Ärztin oder dem Arzt deutlich höher ausfällt – oft aus Nervosität und Angst. In solchen Fällen können Ärztinnen und Ärzte laut Küpper auch individuelle Entscheidungen treffen.

Risiko für Übertragung von schweren Infektionen durch Blutspende extrem gering

Doch wie hoch ist eigentlich das Risiko, dass sich Menschen nach einer Bluttransfusion mit einer schweren Infektionserkrankung anstecken? Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) gab 2020 an, dass jährlich um die 100 Spenden mit HIV infiziert sind – knapp die Hälfte davon von Männern, die schwulen Sex haben, das aber auf dem Fragebogen vor der Blutspende verschwiegen haben, wie „Fluter“, ein Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung, berichtet. Aktuelle Zahlen lieferte das PEI auf Nachfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) nicht.

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Das Risiko, eine schwere Virusinfektion durch ein Blutprodukt übertragen zu bekommen, liegt bei deutlich unter eins zu einer Million.

Holger Hackstein, Transfusionsmediziner

In diesen Fällen konnte HIV im Blut frühzeitig erkannt werden und das Blutprodukt somit nicht an Empfängerinnen und Empfänger weitergegeben werden. In Deutschland wird jede Blutspende im Labor untersucht. Die Tests sind sehr modern, können Infektionen möglichst schon in der Frühphase nachweisen. Und die strengen Blutspendekriterien und Labortests haben dafür gesorgt, dass eine Blutspende in Deutschland sehr sicher ist. „Das Risiko, eine schwere Virusinfektion durch ein Blutprodukt übertragen zu bekommen, liegt bei deutlich unter eins zu einer Million“, sagt Hackstein.

Jede Blutspende wird getestet – aber ein Restrisiko bleibt

Doch warum können angesichts der Labortests nicht einfach alle Menschen spenden, die keine nachgewiesene, gefährliche und übertragbare Krankheit haben? So einfach ist es leider nicht. Das Problem ist, dass auch die modernen Tests nicht zweifellos in der Lage sind, jede Infektion sofort zu erkennen, wie Hackstein sagt. „Bei einer HIV-Infektion gibt es beispielsweise eine Fensterphase zwischen Ansteckung und dem Nachweis einer Infektion – und damit gibt es immer noch ein Restrisiko, dass die Infektion in dieser Phase nicht erkannt wird.“

Auch deshalb werden Menschen ausgeschlossen oder zurückgestellt, die zwar keine nachgewiesene übertragbare Erkrankung haben, aber ein erhöhtes Risiko dafür tragen. Das gilt auch für vor Kurzem durchgemachte Erkrankungen wie einen Magen-Darm-Infekt oder eine Erkältung – denn was für die Spenderinnen und Spender selbst harmlos ist, könnte für die Empfängerinnen und Empfänger tödlich sein.

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„Wenn ein Mensch durch eine Bluttransfusion schwer erkrankt oder stirbt, wäre das unverzeihlich“

Und Letzteres muss unbedingt verhindert werden. „Wenn ein Mensch wirklich durch eine Bluttransfusion schwer erkrankt oder stirbt, wäre das unverzeihlich“, so der Transfusionsmediziner Hackstein. Folglich gelte es, Infektionsrisiken zu minimieren und das hohe Sicherheitsniveau unbedingt zu halten. Zu vorsichtig oder streng seien die Ausschluss- und Rückstellungskriterien seiner Meinung nach auch deshalb nicht – auch kein Grund dafür, dass die Blutreserven aktuell so knapp sind.

Man darf die Blutspendekriterien nie aus dem Grund lockern, um das Spenderpotenzial zu erhöhen. Das ist der falsche Weg.

Stephan Küpper, DRK-Sprecher

Das PEI antwortete nicht auf die Frage, ob die Kriterien für eine Blutspende – zumindest teilweise – zu streng sind und zu viele potenzielle Spenderinnen und Spender ausschließen. DRK-Sprecher Küpper ist der Meinung, dass das nicht der Fall ist. „Man darf die Blutspendekriterien nie aus dem Grund lockern, um das Spenderpotenzial zu erhöhen. Das ist der falsche Weg“, betont er.

Für die Blutreservenknappheit hält er andere Gründe für entscheidend: Die zuvor sehr spendewillige Generation der Babyboomer werde immer älter, komme mitunter wegen Medikamenteneinnahme nicht mehr infrage. Gleichzeitig werde es immer schwieriger, die jungen Menschen zu erreichen – zumal sie sehr mobil seien und oft den Wohnort wechselten. Hinzu kämen äußere Einflüsse wie Sommerferien oder eine Krankheitswelle, die den ohnehin schon kleinen Kreis der regelmäßig spendenden Menschen weiter schrumpfen lasse.

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Blutspendekriterien sind politische und medizinische Entscheidung

Doch das heißt nicht, dass alle Ausschluss- und Rückstellungskriterien in Stein gemeißelt sind. Schwule Männer konnten etwa bis 2017 gar nicht in Deutschland Blut spenden, ehe die Richtlinien geändert wurden. Und bis 2021 durften sie erst dann spenden, wenn sie ein Jahr lang keinen Sex hatten – das galt auch für Gruppen wie Sexarbeitende.

Die Bundesärztekammer legt zusammen mit dem Paul-Ehrlich-Institut die Richtlinien für die Herstellung und Anwendung von Blutprodukten fest. Dies geschieht auf Basis des Transfusionsgesetzes, das 1998 in Kraft trat. Nach Lauterbachs Änderungsantrag wird die Richtlinie Hämotherapie aktuell überarbeitet und im Februar dem Vorstand der Bundesärztekammer zur Beschlussfassung vorgelegt, wie die Bundesärztekammer auf Nachfrage des RND mitteilte. Ob darin aber explizit die Richtlinien für schwule Männer überarbeitet werden, sagte der Sprecher nicht.

Die Bundesärztekammer kritisierte bereits vor einer Woche das Vorhaben von Lauterbach scharf, die Kammer per Gesetzesänderung dazu zu bewegen, die Richtlinie für schwule Männer zu ändern. Basis der Richtlinie seien stets die jeweils aktuellen medizinisch-wissenschaftlichen und epidemiologischen Daten – und dieses Verfahren habe sich bislang im Interesse einer sicheren Versorgung mit Blutprodukten in Deutschland seit mehreren Jahrzehnten bewährt, wie die Kammer gegenüber dem RND erklärte. „Wenn die politischen Entscheidungsträger bei den Auswahlkriterien für die Blutspende von diesem wissenschaftlichen Stand abweichen wollen, dann stehen sie auch in der unmittelbaren Verantwortung gegenüber den Menschen, wenn diese zu Schaden kommen“, warnte die Bundesärztekammer.

An dieser Debatte wird deutlich: Die Blutspendekriterien sind immer sowohl eine politische als auch medizinisch-wissenschaftliche Entscheidung. „Die Herausforderung ist immer, auf der einen Seite die Sicherheit von Blutprodukten möglichst hochzuhalten, aber gleichzeitig niemanden zu diskriminieren“, sagt Hackstein.

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