Grenzwerte im Straßenverkehr zu streng?

Cannabis: „Wer einen Joint geraucht hat, ist in der Regel nach vier bis fünf Stunden wieder fahrtüchtig“

Die neue Bundesregierung will den Verkauf von Cannabis als Genussmittel ab einem Alter von 18 Jahren bald erlauben. Was bedeutet das für Autofahrerinnen und -fahrer?

Die neue Bundesregierung will den Verkauf von Cannabis als Genussmittel ab einem Alter von 18 Jahren bald erlauben. Was bedeutet das für Autofahrerinnen und -fahrer?

Herr Gottschling, Sie setzen seit mehr als 20 Jahren medizinisches Cannabis bei Patientinnen und Patienten ein. Begrüßen Sie die aktuellen Pläne, Cannabis zu legalisieren?

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Ich habe die Befürchtung, dass die Versorgung von Patienten mit medizinischem Cannabis unter der neuen Regelung leiden könnte. Man muss unbedingt weiter dafür Sorge tragen, dass diese Menschen zuerst versorgt werden. Andererseits wird durch die Legalisierung die Sicherheit der Droge ganz erheblich erhöht. Der Schwarzmarkt für Cannabis ist momentan riesig und dort weiß niemand, was eigentlich genau drin ist.

Zur Person

Professor Sven Gottschling ist Chefarzt des Zentrums für altersübergreifende Palliativmedizin und Kinderschmerztherapie im Universitätsklinikum des Saarlandes.

Aber ist der Konsum von Cannabis nicht generell gefährlich?

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Bei Cannabis handelt es sich um eine Droge und es gibt nun mal gewisse Risiken, die es zu beachten gibt. Trotzdem ist der Konsum von Cannabis global betrachtet risikoärmer als etwa der Konsum von Alkohol. Aber der ist gesellschaftlich nun mal akzeptierter.

Thema Autofahren: Wie ist dabei bislang die Grenze für den Cannabiskonsum?

Der Grenzwert nach dem Konsum von Cannabis liegt fürs Autofahren bei einem Nanogramm THC (Red.: Tetrahydrocannabinol) pro Milliliter Blutserum. Dieser Wert wurde vor Jahrzehnten festgelegt und etabliert – und er ist nicht mehr zeitgemäß. Eigentlich handelt es sich dabei um keine richtige Grenze, denn diese Zahl zeigte auf den alten Messgeräten schlicht den untersten Wert an, ab dem man Cannabis überhaupt feststellen konnte. Damals hat man einfach festgelegt, dass sobald man etwas messen kann, ist die Person nicht mehr fahrtauglich.

Cannabis im Straßenverkehr

Wer nach Cannabiskonsum Auto fährt, muss neben einer Geldstrafe und dem Entzug der Fahrerlaubnis auch mit einer Medizinisch-Psychologischen Untersuchung (MPU) rechnen. In einigen Fällen kann das Autofahren unter Cannabis-Einfluss laut Bußgeldkatalog sogar als Straftat gewertet werden.

Was ist aus Ihrer Sicht das Problem daran?

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Wer einen Joint geraucht hat, ist in der Regel nach vier bis fünf Stunden wieder fahrtüchtig. Bei einer Kontrolle ist es aber durchaus denkbar, dass noch drei Tage später ein Wert angezeigt wird, der höher ist als der momentane Grenzwert. Die Grenzwerte sind meiner Meinung nach zwar sinnvoll, man wird diese aber bundesweit anheben müssen – und das ist ja auch gerade in der Diskussion.

Meines Wissens sind aktuell neue Grenzwerte von drei bis zehn Nanogramm pro Milliliter im Gespräch. Und das ist auch richtig. Die Politik spricht immer von der Endkriminalisierung von Cannabis – dann müssen diese ganzen alten Regularien angepasst werden. Ich bin gespannt, was die Regierung konkret strickt – aber ich gehe stark davon aus, dass man auch die verkehrsrechtliche Lage anpassen wird.

Wer frisch Cannabis konsumiert hat, hat im Straßenverkehr allerdings eine verminderte Reaktionsfähigkeit.

Ich bin nicht dafür, dass sich jemand frisch zugekifft hinters Steuer setzt. Es gibt Hinweise darauf, dass es nach dem Konsum von Cannabis eine Einschränkung der Fahrtauglichkeit gibt. Die bewegt sich nach Studienlage im Vergleich ungefähr bei 0,2 bis 0,5 Promille Blutalkohol. Wer also frisch gekifft hat, hat eine ähnliche Einschränkung der Fahrtauglichkeit, wie jemand, der einen Blutalkoholspiegel von 0,2 bis 0,5 hat – natürlich immer davon abhängig, wie sehr man den Konsum gewohnt ist.

Die Einschränkung ist also nicht riesig, aber im Vergleich zu einem nüchternen Fahrer hat man natürlich trotzdem ein höheres Verkehrsunfallrisiko. Wer sich aber vier oder fünf Stunden, nachdem er einen Joint geraucht hat, wieder ans Steuer setzt, hat in den meisten Fällen keine Einschränkung mehr – und sollte dann auch fahren dürfen.

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Was wünschen Sie sich bei der Legalisierung von Cannabis im Bezug auf den Straßenverkehr?

Es ist auf jeden Fall sinnvoll, dass es für Fahranfänger eine Null-Toleranz-Grenze gibt – ebenso wie beim Alkohol.

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