Wo bleibt der Mut zum Mittelmaß?

Linda Evangelista war so überirdisch schön, dass man ihr ihre Abgehobenheit verzieh. „Für weniger als 10.000 Dollar am Tag stehen wir gar nicht erst auf“, sagte sie 1990 in einem Interview mit der „Vogue“. Mit „wir“ waren ihre Supermodelkolleginnen gemeint. Sie, Claudia Schiffer, Cindy Crawford oder Naomi Campbell waren elitäre Schönheitsköniginnen. So wurde Evangelistas Bemerkung damals eher mit Verständnis als mit Unmut aufgenommen: „Sie kann sich das leisten, so perfekt, wie sie aussieht!“

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Die Zeit der Supermodels ist vorbei, aber der Schönheitskult nicht. Nur, dass er sich für Evangelista nun in eine andere Richtung gedreht hat. Was früher ein Segen für sie war, ist nunmehr Fluch. Ihr Fall einer verpfuschten Behandlung zur Fettverminderung könnte jedoch zumindest für andere, die unter dem Druck stehen, jugendlich auszusehen und figurmäßig gängigen Vorstellungen zu entsprechen, einen positiven Effekt haben und dazu beitragen, Schönheitsideale, Optimierungswahn und die Folgen ästhetischer Eingriffe noch kritischer zu hinterfragen als bislang.

Supermodel Linda Evangelista.

Supermodel Linda Evangelista.

Im Bestreben, den eigenen Alterungsprozess künstlich aufzuhalten, hat sich Evangelista vor fünf Jahren einer Fettgewebereduktion unterzogen. Doch erst in diesem Jahr äußerte sie sich öffentlich über den Eingriff, der sie eigenen Worten zufolge „brutal entstellt“ habe. Das sogenannte Coolsculpting, wodurch Fettgewebe durch Kälte zum Schrumpfen gebracht werden soll, habe das Gegenteil bewirkt und die Fettzellen vergrößert. Die heute 56-jährige Kanadierin scheut die Öffentlichkeit, klagt auf Schmerzensgeld und hat eingestanden, unter schweren Depressionen zu leiden und voller „Selbsthass“ zu sein. Dieselben Menschen, die sie früher bewundert haben, äußern sich heute hämisch beim Blick auf aktuelle Paparazzibilder von ihr: „Die ist ja nicht mehr wiederzuerkennen!“

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Ein Viertel der Deutschen hat Erfahrung mit Bodyshaming

Tatsächlich scheint es vielen weiterzuhelfen, mit dem Finger auf andere zu zeigen, um von eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken oder besser damit klarzukommen: Das Meinungsforschungsinstitut YouGov ermittelte 2020, dass rund ein Viertel der Deutschen Erfahrung mit Bodyshaming, also der Beurteilung ausschließlich anhand von Körper und Äußerlichkeiten, gemacht hat. Besonders häufig werden Frauen aufgrund ihres Körpers beleidigt (29 Prozent gegenüber 20 Prozent der befragten Männer). 64 Prozent derjenigen, die zugegeben haben, jemanden wegen seines Aussehens beleidigt zu haben, gaben an, selbst auch schon mal Opfer von Bodyshaming geworden zu sein. Wer sich minderwertig fühlt, etwa aufgrund von Lästerattacken, ist aus psychologischer Sicht empfänglich für alles, was den eigenen Selbstwert erhöht. Die Mängel anderer hervorzuheben, ist da offenbar ein durchaus taugliches Mittel. Und so entsteht ein Teufelskreis: Wir stöhnen zwar alle über Optimierungswahn und mangelnde Toleranz für das Unperfekte, sind aber dünnhäutig bei kritischen oder gar verletzenden Bemerkungen über unser eigenes Äußeres und teilen zur Kompensation selbst gern aus. Bevorzugt im Netz und möglichst anonym.

Zudem trägt das Internet mit seinen inszenierten und gefilterten Bildern auf Onlineplattformen wie Instagram dazu bei, unrealistische Vorstellungen von Makellosigkeit zu befeuern.

Mehr Mut zum Mittelmaß

Psychologen wie beispielsweise Hinrich Bents, Leiter des Zen­trums für Psychologische Psychotherapie der Universität Heidelberg, raten zu mehr Mut zum Mittelmaß bei Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. Normalität könne etwas sehr Entspannendes haben. Ein Ansatz, den auch die Body-Positivity-Bewegung verfolgt. Jürgen Martschukat, Professor für Nordamerikanische Geschichte an der Universität Erfurt und Autor des Buchs „Das Zeitalter der Fitness – wie der Körper zum Zeichen für Erfolg und Leistung wurde“, kritisiert an dieser Bewegung, die sich für die Abschaffung übersteigerter Schönheitsideale einsetzt, dass auch hier eine zu starke Fokussierung auf Äußerlichkeiten herrsche: „Unsere Kultur und unsere Gesellschaft kreisen sehr um den Körper“, sagt der Historiker. Aus seiner Sicht müsse es zu einer grundsätzlichen Verschiebung von Werten kommen, dahin, dass der Body-Mass-Index eben „nicht die Richtschnur für das eigene Wohlbefinden“ ist.

Unsere Kultur und unsere Gesellschaft kreisen sehr um den Körper.

Jürgen Martschukat,

Professor für Nordamerikanische Geschichte an der Universität Erfurt

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Der stark auf den Einzelnen gerichtete Fitnesshype, der in den Siebzigerjahren in den USA mit dem Joggen begann, durchdringt aus Martschukats Sicht heute alle gesellschaftlichen Bereiche, auch über den Sport hinaus. Erst wenn sich die westliche Gesellschaft distanzierter zu Vorstellungen von Wettbewerb und Erfolg verhalten würde, könne es zu einer Umkehr dieses auf Selbstoptimierung ausgelegten Fitnessgedankens kommen, glaubt der bekennende Rennradsportler. Die Pandemie berge durchaus Chancen, dass es langfristig zu einer Veränderung komme: „Ich glaube, wir stehen am Anfang eines neuen Zeitalters der Solidarität, weg von der individuellen, hin zur kollektiven Beschäftigung mit dem Körper“, sagt Martschukat. Gruppensport, bei dem Rücksicht auf andere auch dazu führe, das eigene Tempo mal zu drosseln und den Fokus nicht nur auf sich selbst zu richten, könne künftig wieder beliebter werden.

Was das äußere Erscheinungsbild angeht, hat Linda Evangelistas Schritt in die Öffentlichkeit auf jeden Fall auch eine Solidaritätswelle ausgelöst. Ihre ehemalige Kollegin Helena Christensen etwa schrieb als Reaktion auf Evangelistas Post: „Ich dachte an all die Narben, die das Leben bei uns allen hinterlässt, ob körperlich oder emotional, und wie lange wir meistens schweigen und allein leiden.“ Es sei wichtig, wenn jemand aus dem Schatten trete und brutal ehrlich sei. Und es hilft außerdem, anderen Mut zu machen. Mut zur Mittelmäßigkeit.

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