90. Geburtstag von Gerhard Richter: Verwischt!

Richter ausgestellt: Eine Frau geht während der Ausstellung „Gerhard Richter – Portraits. Glas. Abstraktionen“ im Albertinum in Dresden vor dem Ölgemälde „4900 Farben“ von Gerhard Richter entlang.

Richter ausgestellt: Eine Frau geht während der Ausstellung „Gerhard Richter – Portraits. Glas. Abstraktionen“ im Albertinum in Dresden vor dem Ölgemälde „4900 Farben“ von Gerhard Richter entlang.

Erinnerungen verschwimmen, sie werden mit der Zeit unwirklicher, unklarer. Sie trügen, man sollte sich nicht vollkommen auf sie verlassen. Aber sie bleiben. Ein Mittel, sie zu konservieren oder zumindest eine Brücke zu ihnen zu bauen, sind Fotografien. Gerhard Richter hat in seinem Werk beide Aspekte zu einem ganz eigenen Stil der Fotobilder vereint. Am heutigen Mittwoch wird Deutschlands bedeutendster lebender Maler 90 Jahre alt.

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Geboren 1932 in Dresden studiert Richter zunächst an der Kunstakademie in seiner Heimatstadt und beginnt als Künstler zu arbeiten. Doch sein Frühwerk aus dieser Zeit lehnt er heute weitgehend ab. Ein Wandgemälde aus dieser Zeit ist erst seit wenigen Wochen bekannt: Dass Richter eine stilisierte Darstellung der Stadt Görlitz, ihrer Umgebung und der deutsch-polnischen Grenze an eine Schulwand im Görlitzer Ortsteil Hagenwerder gemalt hat, war fast 60 Jahre lang vergessen.

1961 flieht Richter mit seiner Frau Ema aus der DDR

1961 flohen Richter und seine damalige Frau Ema aus der DDR nach Westdeutschland. Richter erfand sich im Westen neu, lehnte die DDR und sein künstlerisches Schaffen aus jener Zeit radikal ab. In der Bundesrepublik studierte er noch einmal an der Kunstakademie Düsseldorf, wo er unter anderem Sigmar Polke kennenlernte. Mit ihm und Konrad Lueg gründete er die Kunstrichtung des Kapitalistischen Realismus (schon in diesem Titel zeigt sich die Ablehnung des sozialistischen Realismus), eine Auseinandersetzung mit der amerikanischen Pop-Art.

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Hans Ulrich Obrist führte Interviews mit ihm

Gemeinsam mit Polke entwickelte er auch sein erstes Künstlerbuch, das 1966 für eine Ausstellung in der Galerie H in Hannover entstand. Beide hatten Lust an der Provokation. „Wir hatten beide die Perry-Rhodan-Hefte gelesen, weil man sich damals auf alles stürzte, das als vulgär verschrien war, was nicht als Literatur galt“, sagte Richter 2011 seinem Freund, dem Kurator für zeitgenössische Kunst Hans Ulrich Obrist. Mehrere Gespräche der beiden sind nun in dem Buch „Interviews mit Gerhard Richter“ (Kampa, 240 Seiten, 30 Euro) versammelt. Dies ist insofern eine kleine Schatztruhe, als Richter zeitlebens nur seine Kunst, nie aber sich selbst in den Mittelpunkt stellen wollte. Interviews und Medienauftritte sind daher selten.

Richter in Berlin: Ein Mann steht in der Neuen Nationalgalerie vor Richters Bild „Atelier“ aus dem Jahr 1985.

Richter in Berlin: Ein Mann steht in der Neuen Nationalgalerie vor Richters Bild „Atelier“ aus dem Jahr 1985.

Eines der bekanntesten Fotos, das Richter auf Leinwand malte und dann mit seiner ihm eigenen Technik mit einem trockenen Pinsel verwischte, ist „Ema (Akt auf einer Treppe)“ von 1966. Es ist eines der ersten dieser Art in Farbe. Das Porträt seiner damaligen Frau gehört heute noch zu seinen berühmtesten Werken. Bernhard Schlink hat sich von dem Gemälde zu einem ganzen Roman („Die Frau auf der Treppe“) inspirieren lassen. So wie Richters Werke überhaupt immer wieder mit anderen Werken korrespondieren und auch in der Populärkultur eine große Rolle spielen. So zeigt die Band Sonic Youth auf dem Cover ihres Albums „Daydream Nation“ eins von Richters Kerzenbildern. Florian Henckel von Donnersmarcks Kinofilm „Werk ohne Autor“ hingegen, in dem es um Richter geht, hat der Maler scharf kritisiert. Der Regisseur habe seine Biografie „missbraucht und grob verzerrt“.

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Richter stützte sich bei seiner Kunst immer wieder auf Fotos, um sie dann zu malen und zu verfremden. „Ich kann über Wirklichkeit nichts Deutliches sagen als mein Verhältnis zur Wirklichkeit, und das hat dann was zu tun mit Unschärfe, Unsicherheit, Flüchtigkeit, Teilweisigkeit oder was immer. Aber das erklärt nicht die Bilder, sondern bestenfalls den Anlass, sie zu malen“, sagte Richter 1972. Sein Bild „Betty“ ist ebenso berühmt und gefeiert wie „Die Lesende“. Auf „Tante Marianne“ porträtiert Richter sich selbst als Baby auf dem Schoß seiner Tante Marianne Schönfelder, die als Opfer des NS-Euthanasieprogramms 1945 ermordet wurde. Es ist bei Weitem nicht das einzige Werk, in dem sich Richter mit seiner eigenen und der deutschen Vergangenheit auseinandersetzt. Sein RAF-Zyklus, in dem er die toten RAF-Terroristen Ulrike Meinhof, Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Holger Meins zeigte, führte zu heftigen Reaktionen und anhaltenden Debatten.

90. Geburtstag: Gerhard Richter lebt zurückgezogen in Köln. Dieses Bild stammt aus dem Jahr 2018.

90. Geburtstag: Gerhard Richter lebt zurückgezogen in Köln. Dieses Bild stammt aus dem Jahr 2018.

Auch sein Zyklus „Birkenau“, der zurzeit in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf zu sehen ist, beschäftigt sich intensiv mit der deutschen Geschichte. Kritiker monieren, dass die vier 2014 entstandenen abstrakten Gemälde den Holocaust nicht adäquat thematisieren. Auf dem Grund dieser Übermalungen sind jeweils ein Foto, das von Häftlingen des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau heimlich und unter Lebensgefahr aufgenommen wurden. Richter hat diese Fotos auf Leinwand übertragen und dann übermalt.

Vor zwei Jahren erklärte er sein Ende als malender Künstler

Vor zwei Jahren legte Gerhard Richter den Pinsel aus der Hand. Ihm fehle die Kraft, noch riesige Leinwände zu bearbeiten. Heute zeichnet er noch. An seinem 90. Geburtstag blickt er zurück auf ein vielfältiges Werk, das neben seinen Fotobildern auch Landschaftsgemälde, viel abstrakte Kunst sowie Kirchenfenster (wie das farbquadratische Richter-Fenster im Kölner Dom) umfasst. Geordnet findet man alles in seinem sechsbändigen „Catalogue Raisonné“, von dem der sechste Band in wenigen Tagen bei Hatje Cantz erscheinen wird.

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Dass Gerhard Richter heute als der bedeutendste Maler Deutschlands (manche sagen sogar der Welt) gilt, wird ihn mehr stören als freuen. Ändern kann er das nicht. Das Urteil lässt sich kaum noch verwischen.

Vier große Ausstellungen zeigen aus Anlass seines 90. Geburtstags Werke von Gerhard Richter: „Gerhard Richter. Portraits. Glas. Abstraktionen“ ist in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (bis 1. Mai) zu sehen. Die Neue Nationalgalerie in Berlin zeigt ab Donnerstag bis zum 29. Mai erstmals Gerhard Richters Künstlerbücher. Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf zeigt „Gerhard Richter. Birkenau-Zyklus, Zeichnungen, übermalte Fotos“ (bis 24. April). Und das Museum Ludwig präsentiert seine Sammlung von Gerhard Richters Werken noch bis zum 1. Mai.

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