Inszenierung in Ingolstadt

Claus Peymann und „Die Nashörner“ – ein zauberhaftes Schauspiel

Mensch bleiben: Enrico Spohn als Behringer und Katharina Hintzen als Daisy.

Mensch bleiben: Enrico Spohn als Behringer und Katharina Hintzen als Daisy.

Was ist, wenn ein Mensch die gemeinsame Basis verlässt? Wenn die Kommunikation mit ihm unmöglich wird? Wenn er abdriftet?

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Der französisch-rumänische Dramatiker Eugène Ionesco hat 1959 in seinem Stück „Die Nashörner“ ganz eigene Bilder für diese Fragen gefunden. In diesem Drama verwandeln sich fast alle Protagonisten nach und nach in Nashörner. Der Altmeister des Theaters Claus Peymann hat dieses Meisterstück des absurden Theaters nun im Stadttheater Ingolstadt auf wundervolle Weise inszeniert.

Was macht Claus Peymann an einem Stadttheater?

Wie bitte? Claus Peymann an einem Stadttheater, könnte man nun mit großstädtischer Arroganz fragen. Wie kam denn das zustande? Der Intendant des Theaters in der Donaustadt, Knut Weber, war laut Peymann der einzige Theatermacher, der den berühmten Regisseur nach dessen Abschied vom Berliner Ensemble nach einem Engagement fragte. Peymann sagte Ja, aber es dauerte, dies und das kam dazwischen, Corona gleich mehrfach, aber letztlich brachte der 84-Jährige doch Ionesco nach Ingolstadt.

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Und wie! Peymann muss dieses Ensemble verzückt haben und das Ensemble ihn. Anders ist diese Inszenierung nicht zu erklären. Das Stück besteht aus vier Bildern. Anfangs wird die nicht näher benannte Gesellschaft in einer Kneipe von einem einzelnen Nashorn überrascht. Es trampelt draußen entlang. Zu hören ist sein Getrappel, zu sehen plötzlich aufsteigender Staub. Das muss reichen. Das reicht.

„Kein Kantinenwirt“: Intendanten-Legende Claus Peymann sagte zum Ende seiner Karriere, er besaufe sich nicht mit Schauspielern, und er duze sie auch nicht.

Ein Theatermacher: Claus Peymann hat Ionescos "Nashörner" in Ingolstadt inszeniert.

Verwirrende Verwandlungen in Nashörner

Nach und nach verwandeln sich immer mehr Menschen um die Hauptfigur Behringer herum in Dickhäuter. Und während Behringer und sein Freund Hans darüber streiten, ob nun afrikanische oder asiatische Exemplare der Gattung ein oder zwei Hörner haben, während Wisser (im Original ein Mann, hier eine Verschwörungstheoretikerin) die Existenz des Offensichtlichen anzweifelt, während der Firmenchef Herr Schmetterling auch in der Ausnahmesituation pedantisch auf die Einhaltung der Arbeit pocht, geht in dem Ort eine verwirrende Verwandlung vor sich.

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Erst unmerklich, aber dann immer offensichtlicher. In der Inszenierung erreicht das seinen Höhepunkt, als Sascha Römisch als Hans sich vor dem Publikum nach und nach in ein Nashorn verwandelt, dabei schnauft, schreit, stampft. Er braucht dafür keine Verkleidung, keine Tricks, nur eine künstliche Haut unterm Hemd. Es ist reines Schauspiel. Auch Enrico Spohn als Behringer zuzusehen ist eine Wonne. Er singt mehr, als er spricht, sein Behringer ist ein fragender, unsicherer, viel zu viel Alkohol trinkender Mann, der immer gleich zusammenzuklappen droht. Aber er ist auch derjenige, der standhält, der den Lockrufen einer vermeintlich besseren Welt trotzt – Behringer ist es, der Mensch bleibt. Gegen alle Verlockungen, Versprechungen und Versuchungen Mensch zu bleiben, darum geht es.

Keine rechten Winkel, alles ist verrückt: Enrico Spohn als Behringer auf der von Paul Lerchbaumer gestalteten Bühne.

Keine rechten Winkel, alles ist verrückt: Enrico Spohn als Behringer auf der von Paul Lerchbaumer gestalteten Bühne.

Die Schauspieler haben weiß geschminkte Gesichter

Peymann hat diesen knapp zweistündigen Abend mit (scheinbar) einfachen Mitteln inszeniert. Die viel zu große Bühne des Stadttheaters hat Paul Lerchbaumer mit einer Hilfskonstruktion in den Griff bekommen. Die Schauspielerinnen und Schauspieler – darunter Victoria Voss, Richard Putzinger, Katharina Hintzen, Ulrich Kielhorn und Sandra Julia Reils – bewegen sich auf einer kleineren Bühne mit einer schiefen Ebene, ein paar Fenster und Türen stehen drumherum, alle ohne rechten Winkel. Die Welt, sie ist nicht mehr gerade und harmonisch, sie ist verrückt. Die Menschheit, auf die schiefe Ebene geraten. Es geht abwärts. Die Schauspieler haben weiß geschminkte Gesichter wie ein Pierrot. Aber sie agieren nicht lustig oder melancholisch wie ein Clown oder unsympathisch wie ein Weißclown. Dieser Abend hat sowieso nichts Aufgesetztes, nichts Überdargestelltes, nichts Unglaubwürdiges.

Peymann lässt Ionescos Text sprechen. Er hat ihn gemeinsam mit seiner langjährigen künstlerischen Partnerin, der Dramaturgin Jutta Ferbers, entstaubt und leicht modifiziert. Wer will, kann den Abend in Teilen mit der Corona-Krise im Hinterkopf sehen. (Schließlich ist auch die Rhinozeritis, an der nach und nach alle erkranken, um zu Nashörnern zu werden, eine Epidemie). Er lässt sich aber auch als Kommentar zur lawinenartigen Naziwerdung der Deutschen nach 1933, zum Mitläufertum dieser Zeit lesen.

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Peymann hat dem Stück und den Akteuren allen Raum gelassen

In einem Interview mit dem „Donaukurier“ hat Claus Peymann über seine Ingolstädter Inszenierung gesagt: „Die Literatur und die Schauspieler stehen im Mittelpunkt – das ist das Theater. Heute wird so ein Kult um Regisseure betrieben. Dabei seh ich mich nur als Kapellmeister. Das ist nicht mein Werk, sondern das von Ionesco.“ Man muss ihm diese Bescheidenheit nicht durchweg abnehmen. In Ingolstadt aber hat er dem Stück und den Akteuren allen Raum gelassen. Er hat reines Theater geschaffen. Es ist ihm aufs Wundervollste gelungen. Oder um es frei nach Kafka zu sagen: im Theater gewesen, geweint.

Die nächsten Vorstellungen: „Die Nashörner“ am Stadttheater Ingolstadt wird wieder gezeigt am 13. und 14. April sowie am 2. und 3. Mai, jeweils um 19.30 Uhr.

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