Freundschaft beinahe ohne Worte

Moderner Jungsfilm: das Kinodrama „Close“

Da erscheint ihnen ihre Freundschaft noch ganz selbstverständlich: Eden Dambrine (r.) als Léo und Gustav De Waele als Rémi in einer Szene des Films „Close“.

Da erscheint ihnen ihre Freundschaft noch ganz selbstverständlich: Eden Dambrine (r.) als Léo und Gustav De Waele als Rémi in einer Szene des Films „Close“.

Anfangs ist alles so einfach zwischen Léo und Rémi. Wie sich die beiden Teenager beim ausgelassenen Spiel vor einer nur in ihrer Fantasie existierenden Ritterarmee im Wald verstecken. Wie sie mal bei der Familie des einen und dann wieder bei der des anderen übernachten, eng aneinandergeschmiegt, und morgens nach dem Aufwachen im Bett miteinander rangeln. Und wie sie sich vertrauensvoll im Unterricht auf ihrer Bank aneinander lehnen. Die beiden könnten Brüder sein.

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Die freundschaftliche Nähe zwischen ihnen ist für die beiden eine Selbstverständlichkeit, eine unschuldige Sache. So war es schließlich schon immer. Dass sich daran etwas ändern könnte, ist den beiden unvorstellbar.

Anderen fällt diese Nähe sofort ins Auge. Was das denn zwischen ihnen sei, wollen Mitschülerinnen wissen, als die beiden aufs Gymnasium gewechselt sind: „Seid ihr zwei zusammen?“

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Das ist der Moment, in dem Léo (Eden Dambrine) begreift, dass die Exklusivität seiner Beziehung zu Rémi (Gustav De Waele) ihn von den anderen trennt. Léo ist plötzlich auch nicht mehr geheuer, was ihn mit Rémi verbindet. Jedenfalls verliert diese Beziehung ihre Selbstverständlichkeit. Von nun an spürt Léo gesellschaftliche Erwartungen und Beurteilungen auf sich lasten, mit denen er nicht umzugehen weiß.

Der 13-Jährige zieht Konsequenzen: Er wendet sich von dem gleichaltrigen Freund ab und den anderen Jungs in der Schule zu. Nun will Léo ohne Rémi in der Eishockeymannschaft spielen, egal wie sehr ihm Knie und Knochen bei den Zusammenstößen auf dem Feld schmerzen. Für den tief verletzten Rémi kommt dieser Rückzug des Freundes einem Verrat gleich. Auch Léo weiß genau, dass er dem anderen Schmerzen zufügt. Er fühlt diesen Schmerz ja selbst, auch wenn er ihn nicht zu benennen weiß.

Als die Klasse zum Schulausflug aufbricht und Rémi seltsamerweise im Bus fehlt, da fragt Léo nicht nach. Das ist der Auftakt für eine Tragödie im meisterlich erzählten Film „Close“ des gerade einmal 31 Jahre alten belgischen Regisseurs Lukas Dhont, dem eine ebenso zärtliche wie brutale Geschichte vom Erwachsenwerden gelungen ist.

Ganz nah dran

Die Freundschaft von Léo und Rémi kommt beinahe ohne Worte aus. Die Kamera ist ganz nah an ihnen dran. Die beiden scheinen ständig in Bewegung zu sein, beim Rennen durch die sonnenüberfluteten Blumenfelder von Léos Eltern genauso wie auf dem Schulweg mit dem Fahrrad oder bei ihren gemeinsamen Spurts durch den Wald.

Mit grandioser Sensibilität lotet Regisseur Dhont die Gefühlslage seiner beiden jugendlichen Helden aus – erst ihre Vertrautheit und dann die heraufziehende Entfremdung. Rémi versteht nicht, was den Freund so verändert und warum er nicht mehr an ihn herankommt. Auch fürs Publikum ist dieser schweigend ablaufende Prozess geradezu peinigend.

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Dass Rémi der Verletzlichere von den beiden ist, ist schon zu Beginn der knapp zwei Kinostunden klar geworden: Mutter Sophie (Émilie Dequenne) will nicht, dass ihr Sohn sich zu Hause im Bad einschließt – und bei dieser Andeutung muss man es belassen. Viel später wird Léo von außen durchs Fenster in das inzwischen verlassene Haus des Freundes hineinspähen und entdecken, dass die zersplitterte Badezimmertür mit Gewalt geöffnet worden ist.

Da ist er längst schon in seinen Schuldgefühlen gefangen, aus denen ihm niemand anders heraushelfen kann, auch nicht Rémis Mutter, die ihrerseits Fragen an ihn hat. Einer Frage an sich selbst kann auch er nicht entkommen: Wie viel Verantwortung trägt er auf seinen schmalen Schultern für das, was geschehen ist? Und wie soll es von nun an weitergehen?

Das Kinodrama „Close“ ist gerade einmal Dhonts zweiter Spielfilm nach „Girl“ (2018), der Geschichte des 15-jährigen trans Mädchens Lara, das Ballerina werden möchte, koste es, was es wolle. In seinem Debütfilm setzte der Belgier auf einen Schockmoment: Das „Girl“ versucht, sich den Penis abzutrennen. In seinem zweiten Spielfilm geht Dhont subtiler vor, ohne deswegen an Radikalität zu verlieren.

Vieles bleibt in diesem Film offen, muss und kann auch gar nicht beantwortet werden. Es reicht, in das ratlose Gesicht von Léo zu schauen. Und das sehen wir oft und in Großaufnahme. Der Regisseur ist – keine Frage – verliebt in diesen blonden Jungen mit den blauen Augen.

„Close“ ist ein moderner Jungsfilm: Die Identitäten der beiden Protagonisten sind noch alles andere als festgelegt. So eine Interpretation des schwierigen Prozesses des Erwachsenwerdens war im Kino noch vor ein paar Jahren kaum zu finden.

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Beim Festival in Cannes gewann „Close“ den zweitwichtigsten Preis, den Grand Prix: Die Jury ließ sich von der Eindringlichkeit dieses Kinodramas faszinieren. Und das dürfte den Zuschauerinnen und Zuschauern in Deutschland nun genauso gehen.

„Close“, Regie: Lukas Dhont, mit Eden Dambrine, Gustav De Waele, Émilie Dequenne, 105 Minuten, FSK 12

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