Personalmangel, gestiegene Kosten, Corona

Trotz Auftragsflut: Kultur- und Veranstaltungsbranche stehen vor großen Herausforderungen – und dem Corona-Herbst

Zahlreiche Festivalbesucher verfolgen ein Konzert (Symbolbild).

Die aktuellen Corona-Bestimmungen im Infektionsschutzgesetz laufen am 23. September aus. Für Freitag (1. Juli) ist ein Sondertreffen der Gesundheitsministerinnen und Gesundheitsminister angekündigt, bei dem über die künftige Bekämpfung der Corona-Pandemie beraten werden soll. An diesem Tag soll auch der Bericht eines Sachverständigenausschusses zur Beurteilung bisheriger Pandemiemaßnahmen vorgelegt werden.

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Besonders betrachtet wird dieses Treffen auch von der Kultur- und der Veranstaltungsbranche, die in den vergangenen zwei Corona-Jahren stark getroffen wurde. Seit Beginn der Pandemie ist eine zentrale Forderung der Veranstaltungswirtschaft die Planungssicherheit. „Wir haben in den meisten Fällen mindestens sechs Monate Vorlaufzeit. Rechnen wir von heute einmal weiter, stecken wir in einem halben Jahr schon mittendrin“, sagt Alexander Ostermaier, Mitinitiator des Aktionsbündnisses Alarmstufe Rot, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Was es nicht wieder geben darf, sind einschränkende Maßnahmen, die einzeln von jedem Bundesland getroffen und fast monatlich geändert werden. Veranstaltungsreihen wie Roadshows oder Tourneen sind so im Grunde unmöglich“, erklärt er.

Alexander Ostermaier, Initiator des Aktionsbündnisses Alarmstufe Rot.

Alexander Ostermaier, Initiator des Aktionsbündnisses Alarmstufe Rot.

Pamela Schobeß, Vorständin der Live Musik Kommission (LiveKomm), ist froh, dass sich die Politik frühzeitig mit dem Herbst beschäftigt. Für sie geht der Diskurs aber in die falsche Richtung. „Wir nehmen wahr, dass in der politischen Diskussion und in den Medien vorkommt: ‚Wenn es schlimmer wird, gibt es wieder Masken und Abstand in Innenräumen, weil das gut funktioniert hat.‘ Das bereitet uns extreme Sorgen“, erklärte sie gegenüber dem RND. Masken und Abstandsgebote könnten speziell auf Clubveranstaltungen nicht eingehalten werden. „Wir haben Angst, dass die Infektionsschutzverordnung wieder ab irgendwelchen Inzidenzen über Schließungen von Veranstaltungsorten entscheidet, ohne vorher andere Lösungswege zu gehen, die es auch gibt“, meint Schobeß.

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Kulturbranche trifft derzeit auf eine Auftragswand

Aktuell kann die Veranstaltungsbranche, zumindest was die Aufträge angeht, ein wenig aufatmen. „Wir haben eine riesige Auftragsflut“, sagt Alexander Ostermaier. Bis einschließlich April sei immer noch wenig zu tun gewesen. Im Mai und Juni seien die Auftragsbücher voll gewesen. „Wir hatten so viele Messen, wie noch nie in diesen beiden Monaten. Viele Konzerte, die verschoben wurden, werden nachgeholt. Wir erleben gerade eine Verdichtung der Veranstaltungen in diesen knapp sechs Monaten ab Mai, in denen Liveveranstaltungen wohl wieder möglich sind.“

Das sei eine riesige Herausforderung, da die Unternehmen und Mitarbeitenden aus zwei Jahren Krise kommen. Rund 30 Prozent der Mitarbeitenden in der Veranstaltungsbranche in Deutschland seien verloren gegangen, so Ostermaier. Zudem waren viele der verbliebenen Mitarbeitenden zwei Jahre in Kurzarbeit und konnten nicht unter Vollauslastung arbeiten. Zusätzlich seien in vielen Bereichen die Kosten gestiegen, Eigenkapital mussten die Unternehmen in der Pandemie einbüßen. „Und in dieser Situation treffen wir auf die Auftragswand“, verdeutlicht Ostermaier die schwierige Aufgabe der Veranstaltungsbranche. Beklagen möchte er sich aber nicht. „Wir sind heilfroh, dass wir wieder etwas zu tun haben.“

Die Überbrückungshilfen und die Kurzarbeit laufen zum 30. Juni aus. „Das hat sehr geholfen, bei der aktuellen Auftragslage brauchen wir zumindest die Kurzarbeit auch nicht mehr. Das kann sich im Herbst allerdings wieder ändern, wenn es einschränkende Maßnahmen geben sollte“, sagt Ostermaier. „Die Mitarbeitenden dann wieder in die Kurzarbeit schicken zu müssen, wäre eine Katastrophe.“

Livebranche noch nicht wieder auf Niveau vor der Pandemie

Froh über die Arbeit ist auch Pamela Schobeß. „Wir konnten in den letzten beiden Jahren kaum etwas machen. Jetzt sind wir erst mal glücklich, dass es weitergeht“, sagt sie. Die Situation sei aber weiterhin angespannt. „Es gibt durchaus Veranstaltungen, die gut funktionieren, auch im Bereich der Club- und Tanzveranstaltungen. Aber mit Blick auf die Livebranche ist es noch schwierig“, erklärt Schobeß. Auch sie nennt das derzeitige Überangebot von Veranstaltungen, speziell bei Konzerten, mit wenig Personal als Herausforderung. Dazu käme, dass insgesamt weniger Menschen als noch vor der Pandemie Veranstaltungen besuchen würden. „Einige gehen noch nicht wieder gerne aus, andere haben sich angesteckt. Wiederum andere sind von der wirtschaftlichen Situation betroffen“, nennt sie nur einige Gründe.

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„Im Konzertbereich und auch bei den Festivals sieht es nicht so gut aus“, sagt Schobeß. Bei großen Acts würde es dabei weniger Probleme geben. „Je kommerziell erfolgreicher die Bands sind, desto eher funktioniert das auch. Je nischiger die Musik ist, oder wenn man auf Nachwuchs setzt, desto schwieriger wird es.“

Pamela Schobeß, Vorständin der „Live Musik Kommission“ und der Clubkommission Berlin.

Pamela Schobeß, Vorständin der „Live Musik Kommission“ und der Clubkommission Berlin.

Veranstaltungen werden deutlich teurer

Die bereits von Alexander Ostermaier genannte Mindestvorlaufzeit von sechs Monaten greift auch Schobeß auf. Diese sei bei Livekonzerten sogar noch deutlich länger. Wirtschaftlich trifft es die Branche hart. „Die Konzerte, die jetzt nachgeholt werden, sind alle kalkuliert auf das Jahr 2020 – zu den Löhnen, Energiepreisen und weiteren Kosten. Und die Tickets sind ja schon zum Preis von 2020 verkauft. Plötzlich ist alles viel teurer, sodass einige der Veranstaltungen in diesem Sommer defizitär sind“, verdeutlicht Schobeß die Lage.

In einer aktuellen Studie, die am Dienstag (28. Juni) veröffentlicht wurde, hat die Bundesvereinigung der Veranstaltungswirtschaft die Kostensteigerungen durch unter anderem die Corona-Pandemie und den Krieg in der Ukraine für die Eventindustrie zusammengefasst. „Die Umfrage zeigt, dass die gesamte Branche überproportional stark von den Teuerungen betroffen ist“, sagt Alexander Ostermaier, der auch Geschäftsführer der Bundesvereinigung ist. Events bis zu 250 Personen seien im Vergleich zu 2019 im Durchschnitt um 58 Prozent teurer geworden, Anlässe mit 600 Personen um 55 Prozent und Veranstaltungen mit bis zu 1500 Personen um 46 Prozent.

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„Erschwerend hinzu kommt ein Umsatzrückgang von minus 68,4 Prozent im Jahr 2021, der sich in den ersten vier Monaten 2022 fortsetzte. Außerdem gibt es um etwa die Hälfte weniger Fachkräfte in Europa als 2019. Damit können etliche Projekte nicht realisiert werden, womit wertvolle Erträge entfallen“, stellt Ostermaier besorgt fest. Das alles hat zukünftig wohl zur Folge, dass die Ticketpreise deutlich steigen könnten.

Unser Wunsch ist nicht, die maximale Förderung abzugreifen, sondern, dass der Laden wieder läuft.

Alexander Ostermaier

„Wir suchen nach einer gemeinsamen Lösung“, stellt Ostermaier klar. Lobbyarbeit der Veranstaltungswirtschaft habe es bis zum Beginn der Corona-Pandemie nur in Teilbereichen gegeben. Darin sieht er nun ein Problem. „Wir haben das im Expressverfahren aufgebaut. Aber im Unterschied zu anderen Branchenverbänden haben wir keinen regelmäßigen Austausch mit der Politik.“ Den wünscht sich Ostermaier für die Zukunft. „Das ist das erste, was wir dringend brauchen. Wir werden in den letzten beiden Jahren in der Öffentlichkeit als die wahrgenommen, die immer nach Geld rufen. Gerade tut das keiner, aber wir rufen schon mal, dass wenn wir im Herbst wieder abgestellt werden, wir unbedingt Unterstützung brauchen“, erklärt er. „Unser Wunsch ist nicht, die maximale Förderung abzugreifen, sondern dass der Laden wieder läuft.“

Die Branche stehe hinter den Maßnahmen zum Bevölkerungsschutz, wenn sie angemessen seien. „Die Veranstaltungswirtschaft ist nach den beiden Jahren ziemlich gut aufgestellt, um die meisten Veranstaltungsformate mit entsprechenden Maßnahmen und Konzepten sicher durchzuführen“, betont Ostermaier.

Theaterbranche hat keine Angst vor weiterer Maskenpflicht

Für die Bühnen in Deutschland ist der Herbst eine wichtige Jahreszeit: „Im Herbst startet die neue Saison, von daher sind im Herbst die Verkäufe sehr wichtig für die Bühnen“, sagt Claudia Schmitz, geschäftsführende Direktorin des Deutschen Bühnenvereins, der sich für die Belange der Theater und Orchester einsetzt, dem RND. Bedenken vor einer wiederholten Maskenpflicht herrscht bei der Bühnenbranche indes nicht. Schmitz hält die Pflicht zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes bei einer erneuten Corona-Welle im Herbst für „eine sinnvolle Maßnahme zum Schutz der Zuschauerinnen und Zuschauer“.

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Claudia Schmitz, geschäftsführende Direktorin des Deutschen Bühnenvereins.

Claudia Schmitz, geschäftsführende Direktorin des Deutschen Bühnenvereins.

Begonnen habe das Jahr für die Theaterbranche noch geprägt durch „behördliche Beschränkungen in Bezug auf die Zugänglichkeit der Bühnen mit 2G oder 2G-Plus und die maximale Platzauslastung. Das hat zu weiter verringerten Besucherzahlen und Einnahmen geführt“, berichtet Schmitz.

Mit den Öffnungsschritten im Spätwinter hätten die Infektionsfälle bei den Mitarbeitenden der Bühnen zugenommen, was zu einer Vielzahl von Vorstellungsänderungen und -absagen geführt habe. Das habe sich wiederum negativ auf die Einnahmen ausgewirkt.

Wir gehen davon aus, dass der Spielbetrieb ohne Einschränkungen fortgesetzt werden wird.

Claudia Schmitz

„Aktuell ist zu konstatieren, dass nicht an allen Bühnen die Zuschauer und Zuschauerinnen wieder komplett zurück sind. Insbesondere fehlen die älteren Besucher und Besucherinnen und das Abonnement ist deutlich rückläufig.“ Das lasse sich durch eine weiter große Vorsicht und Verunsicherung erklären, sowie durch die Erkenntnis, dass langfristige Planungen schwierig geworden seien. „Die Bühnen reagieren hierauf mit angepassten Regelungen zur Kartenstornierung und speziellen Aktionen“, erklärt Schmitz.

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Die Direktorin glaubt, dass die Erkenntnis aus den Pandemiejahren ist, dass die Bühnen keine Pandemietreiber seien und über ausgefeilte Hygienekonzepte und gute und effektive Lüftungsanlagen verfügen. „Das wird eine Basis für den kommenden Herbst sein. Von daher gehen wir davon aus, dass der Spielbetrieb ohne Einschränkungen fortgesetzt werden wird“, meint Schmitz.

Lauterbach erwartet „eine schwere Corona-Welle“

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach erwartet für den Herbst indessen „eine schwere Corona-Welle“. Interessant wird bei dem Sondertreffen am Freitag vor allem, was der Sachverständigenausschuss über das Tragen von Masken herausgefunden hat. Möglich ist, dass sie sich als nützlich erwiesen haben und erneut über eine Maskenpflicht im Herbst diskutiert wird.

mit dpa

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