Die etwas andere (Kino-)Kreuzfahrt

Deftige Kapitalismussatire – der Cannes-Siegerfilm „Triangle of Sadness“ startet

Die Superreichen bekommen den Marsch geblasen: Charlbi Dean Kriek (l.) und Harris Dickinson in einer Szene aus Ruben Östlands Kapitalismussatire „Triangle of Sadness“.

Die Superreichen bekommen den Marsch geblasen: Charlbi Dean Kriek (l.) und Harris Dickinson in einer Szene aus Ruben Östlands Kapitalismussatire „Triangle of Sadness“.

In die Annalen von Cannes ist die Kapitalismussatire „Triangle of Sadness“ erst als Kotz- und dann als Siegerfilm 2022 eingegangen. In der drastischsten Szene schwimmen Superreiche in ihren eigenen Fäkalien. Das ist wörtlich zu verstehen. Das Publikum beim Festival war tief gespalten. Und das spricht schon mal für den Film.

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Wer subtile Gesellschaftskritik nach Art von „Parasite“, koreanischer Palmen-Gewinner von 2019, bevorzugt, muss in Ruben Östlunds Film jedenfalls stark sein. Wer es derb und mit viel Slapstick mag, ist hier genau richtig.

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Wobei eine Frage in Cannes ungeklärt blieb: War sich die Jury unter ihrem französischen Schauspielerpräsidenten Vincent Lindon der Ironie bewusst, die in ihrer Entscheidung steckte? Der Schwede Östlund hatte dem Festival gewissermaßen den Spiegel vorgehalten: Er karikiert genau jenen Typ von Privilegierten, die sich in Cannes besonders zu Festivalzeiten im Mai in Edelboutiquen und auf Jachtpartys tummeln.

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Nutella wird per Hubschrauber eingeflogen

„Triangle of Sadness“ spielt zu großen Teilen auf einem Luxuskreuzfahrtschiff – bitte nicht zu verwechseln mit einem Tui- oder Aida-Törn mit Freigetränken während der Mahlzeiten und kleinem Bordguthaben obendrauf. Wenn hier im Speisesaal beim Frühstück das Nutella ausgeht, wird es mal eben per Hubschrauber im edlen Köfferchen hinterhergeflogen. Und wenn die russische Oligarchengattin an Bord will, dass auch das Personal planscht, dann wird flugs die Wasserrutsche aufgebaut. Planschen wird dann zur Pflicht.

An Bord befinden sich zum Beispiel das Model Carl (Harris Dickinson), die Influencerin Yaya (die im Alter von 32 Jahren überraschend verstorbene Charlbi Dean Kriek), ein Düngemittelmagnat (Zlatko Buric) und ein App-Entwickler (Henrik Dorsin). Und dann ist da ein freundliches britisches Waffenhändlerpärchen im Rentenalter (Oliver Ford Davies, Amanda Walker), das später noch die Effektivität der Handgranaten aus eigener Produktion zu spüren bekommt.

Der schwedische Regisseur Östlund zieht gegen alle zu Felde

Iris Berben ist als Industriellengattin Therese in einer kleinen Rolle mit von der Partie, die nach einem Schlaganfall nur noch eines zu sagen imstande ist: „In den Wolken“. Erstaunlich, welche Gefühlsgegensätze sich in diese drei Worte zusammenpacken lassen.

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Alter und neuer Reichtum haben somit gleichermaßen auf der schwimmenden Wellnessoase eingecheckt. Östlund macht da keinen Unterschied. Er zieht gegen alle gleichermaßen (un)gerecht zu Felde. Auf der Brücke hat er einen kommunistischen Kapitän (Woody Harrelson) installiert, der im betrunkenen Zustand Marx- und Leninsprüche liebt und sich mit dem Düngemittelmagnaten einen spaßigen Zitatewettbewerb über den Bordlautsprecher liefert.

Sunnyi Melles hat eine denkwürdige Szene

Der Regisseur macht sich einen Spaß daraus, die Passagiere aus ihrer Komfortzone zu katapultieren. Zunächst zieht ausgerechnet beim Kapitänsdinner ein Sturm auf und lässt bei den Passagieren Austern, Shrimps und Kaviar wieder aus verschiedenen Körperöffnungen hervorquellen. Besonders Sunnyi Melles tut sich dabei in Toilettennähe mit einer ekelbraunen Unterwäscherutschpartie hervor, die gar nicht wieder enden will.

Nahtlos schließt sich eine Piratenattacke an. Die Angreifer sprengen das Schiff in die Luft. Die überlebende Resttruppe landet auf einer einsamen Insel und muss ganz neue Überlebensstrategien entwickeln. Bisherige Gewissheiten gelten nicht mehr, soziale Hierarchien brechen weg. Wir erleben eine „Herr der Fliegen“-Version für Erwachsene mit den Versprengten vom Oberdeck.

Eine philippinische Putzfrau ist bald am Ruder

Ganz oben findet sich plötzlich jemand von ganz unten: Allein die philippinische Toilettenfrau Abigail (Dolly De Leon) besitzt die nötigen Kenntnisse, um einen Oktopus fürs Abendessen zu fangen oder ein Feuer zu entfachen. Folglich ernennt sie sich zur Kapitänin und beansprucht für sich den besten Schlafplatz in der Rettungsinsel – und dazu den hübschen Körper des jungen Models Carl.

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Die anderen Überlebenden fordern empört eine gerechtere Ordnung in ihrer kleinen Inselwelt. Bis vor Kurzem lebten sie als Globalisierungsgewinner auf Kosten der anderen. Das hat auch Putzkraft Abigail im Arbeitsalltag zu spüren bekommen. Nun führt sie ein strenges Regiment.

Für den Regisseur ist es schon die zweite Goldene Palme

„Triangle of Sadness“ ist gewiss nicht Östlunds fokussiertestes Werk. Bevor es aufs Schiff geht, hat er noch eine verzichtbare Pärchenkrise zwischen Carl und Yaya vorgeschaltet, bei der heftig um die Rechnung fürs Abendessen gestritten wird. Vom zweiten Drittel an aber gewinnt der Film an Drive. So gewann der Regisseur die bereits zweite Goldene Palme nach seiner Kunstmarktsatire „The Square“ (2017). Das haben nur eine Handvoll Regisseure vor ihm geschafft.

Eine Gesellschaftsutopie bietet Östlund allerdings nicht an. Ihm reicht es, ordentlich Unruhe zu stiften. Gesunde Schadenfreude löst dieser Film allemal aus.

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„Triangle of Sadness“, Regie: Ruben Östlund, mit Charlbi Dean Kriek, Harris Dickinson, Woody Harrelson, Iris Berben, 150 Minuten, FSK 12

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