"Das Teemännchen"

Der Blick über hängende Schultern

Foto: Heinz Strunk im Kieler Schauspielhaus mit "Das Teemännchen".

Heinz Strunk im Kieler Schauspielhaus mit "Das Teemännchen".

Kiel. Bevölkert sei das Buch von Personen, „die im Tatort immer als erste erschossen werden.“ Was am Sonntagabend natürlich ein großer Lacher war. Heinz Strunk meint die normalen, eigentlich völlig unspektakulären Figuren am Rande der Gesellschaft.

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Wie der Hamburger Autor im edlen Zwirn den im Kleinen so groß Scheiternden, den nicht auf die Füße kommenden Stehaufmännchen über die hängenden Schultern blickt, ist einfach großartig. Mit sprachlicher Direktheit, ja Brutalität beschreibt er das versiffte Milieu jener Menschen, denen er sein niederschmetterndes soziologisches Gutachten ausstellt. Und doch schimmert durch den Mief von Tristesse, Alkohol, Zigaretten, körperlichen Ausscheidungen aller Art und altem Friteusenfett der trübe Glanz eines abgerockten Humanismus.

Potenzial der Dorfschönheit für den Umsatz

Der Leser lebt und leidet mit der ehemals attraktiven Mittzwanzigerin Anja, die im schmierigen  „Borstellgrilleck“ vorübergehend als Aushilfe arbeiten wollte. Der Chef hatt schnell das Potential der Dorfschönheit am Tresen für den Umsatz erkannt.

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Weil das Leben bei Anja nicht flutscht, bleibt sie irgendwie im Imbiss hängen. Der Chef degradiert sie zu immer mehr immer unschöneren Arbeiten. Sie selber verliert über die Jahre Aussehen und Selbstachtung und endet schließlich als Wrack im Keller des Ladens. Zum Vorbraten von Frikadellen. Der Chef hat Angst, das ihr Antlitz die Kunden verschreckt.

Axl Rose versumpft in einer schäbigen Spielunke

Großartig auch die furios flirrend erzählte feuchte, aber nicht fröhliche, Geschichte von Guns´n´Roses-Sänger Axl Rose. Der Weltstar will sich nach einem Konzert mal unters normale Volk mischen und versumpft in einer schäbigen Spielunke auf dem Hamburger Kiez. Der Ausflug ins richtige Leben entpuppt sich für das verfettete ehemalige Sexsymbol in Radlerhosen als Trip, gegen den sich der Rose-Klassiker „Appetite for Destruction“ ausnimmt wie ein fröhliches Wanderlied.

Und das Teemännchen? Auch er ein armer Ritter von trauriger Gestalt. Langzeitarbeitslos, bei seinen Eltern lebend, ohne Perspektive erfüllt er sich seinen Traum und eröffnet einen Teeladen. Darin mischt sich in den Duft erlesener Sorten der Klang der Lieblingsmusik des Teemännchens. Deutscher Schlager.

Natürlich geht der Laden pleite. Das Teemännchen muss einpacken. Er hört dabei Griechischer Wein. Und mit eben diesem Lied, bizarr-gekonnt auf der Querflöte vorgetragen, verabschiedet sich Heinz Strunk in eine Welt, die nicht müde wird, ihm mit diebischer Freude Material für viele weitere Geschichten zu liefern.

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