Theater Kiel

Die Natur der Katastrophe

Foto: Fenella (Dayan Kodua) wird von ihren Feinden getröstet: Elvire (Hye Jung Lee) und Alphonse (César Cortés).

Fenella (Dayan Kodua) wird von den Feinden ihres Volkes getröstet: Elvire (Hye Jung Lee) und Alphonse (César Cortés).

Kiel. Die Menschheit fängt sich im eigenen Netz, wenn sie Natur und Mitwelt ausbeutet. Krachend scheitern alle vermeintlich befreienden Revolutionen. Aus Selbstsucht stolpern ihre Leitfiguren über Leichen und Umweltzerstörung. Das kann einem wahrlich die Sprache verschlagen: Die Stumme, Daniel-François Aubers schon 1828 geschriebene Grand Opéra La muette de Portici, war Prototyp eines neuen französischen Genres – für Rossini über Meyerbeer und Berlioz bis hin zu Wagner und Verdi. Der Fünfakter erlebt an der Kieler Oper seine begeistert gefeierte Auferstehung – als politisches Fanal und zugleich musikalisch wie szenisch bewegend im Detail. Im 19. Jahrhundert vielhundertfach gegeben in Europa, war er mit wenigen Ausnahmen von den Spielplänen verschwunden.

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Lodernde Kieler Philharmoniker

Dirigent Daniel Carlberg und die stilsicher lodernden Philharmoniker, bewaffnet mit fiebernd vibrierenden Saiten, Holzbläsern in Klangrede-Laune und Blechbläsern im fokussierten  Sound historischer Bauarten, entdecken im aufmüpfig knatternden Schema der Partitur viele Zwischentöne. Die Solisten sind hervorragend gewählt. Und vor allem begeistert der von Lam Tran Dinh einstudierte Opern- und Extrachor mit enormer klanglicher Bandbreite zwischen Revoluzzer-Tumult und berührend raunender Gebetsinnigkeit.

Vielschichtige Personenführung Carrascos

Die vielschichtige Personenführung der argentinischen Gastregisseurin Valentina Carrasco erfasst auch die in der Grand Opéra so bedeutende Masse en detail. Die Kostüme von Elena Cicorella dividieren die scheinbar blütenrein weiß gewandeten spanischen Besatzer und das sackleinene Küstenproletariat deutlich auseinander. Statt vom historisch verbrieften Ausgangspunkt im barocken 17. Jahrhundert geht die Inszenierung von den unterdrückenden Entgleisungen der Kolonialzeit aus.

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Dayan Kodua eindrucksvoll als stumme Titelfigur

Hier steht die paradoxerweise stumme Titelfigur Fenella sprachlos gestenreich, vom Orchester beredet kommentiert, als um ihre Liebe betrogene Sklavin und Außenseiterin fatal im rechtsfreien Raum und zwischen allen revolutionären Fronten: Ein Coup, dafür die junge deutsche Schauspielerin Dayan Kodua zu engagieren, deren schwarzafrikanische Familiengeschichte vielsagend mitschwingt.

Großartiger Masaniello: Tenor Anton Rositskiy

Panisch verschreckt und doch vorbildlich weichherzig offen bewegt Carrasco sie als ungewollten Stein des Anstoßes wie durch einen falschen, ihr entgleisenden Film. Ihrem Bruder, dem Fischer Masaniello, geht es im Lager der Aufbegehrenden genauso. Der russische „Tenore di grazia“ Anton Rositskiy singt ihn überragend: mit feuerflammender Lust am heroischen Risiko, aber auch mit betörender Pianissimo-Kultur im Wiegenlied-Abschnitt seiner horribel anspruchsvollen Arie. Er allein beweist schon die Ausdruckskraft Aubers, die in den nur hier und da konfektioniert-länglichen Opernabschnitten häufiger zu entdecken ist. Bis zum Wahnsinn in seiner Menschlichkeit unter Druck gesetzt von den auf Krawall gebürsteten Fischern Pietro und Borella (prägnante Baritone: Tomohiro Takada und Matteo Maria Ferretti) wird er zur zweiten zentralen tragischen Figur im Netz der Fallstricke.

Vokal edel: das spanische Prinzenpaar

Auch der königliche Widersachers ist ein Tenor: César Cortés singt diesen Alphonse delikat und hat mit seiner Braut Elvire ein wahres Stimmfeuerwerk an seiner Seite. Die Sopranistin Hye Jung Lee brennt es mit Effekt und Feingefühl ab, bildet dabei die stolze spanische Zicke genauso plastisch ab wie die tief verletzte Geliebte oder die dann doch human berührte Frau.

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Regie verweist auf die Gegenwart

Carrascos starke Inszenierung will es aber nicht bei einem historischen Tableau und einer psychodramatischen Vierecksgeschichte mittendrin bewenden lassen. Immer wieder kriecht die Jetztzeit ins pittoreske historische Einheitsbild am Strand von Neapel. Auf der geräumigen Bühne von Justin Arienti rottet rostig ein gestrandeter Frachter. Die Fischer finden längst mehr Plastikmüll als Meeresbewohner in ihren Netzen. Und schon in Massimiliano Volpinis Choreografie des hoch dynamischen Kieler Balletts schleicht sich die Gewaltbereitschaft moderner Straßengangs hinein. Vor allem aber wird Fenella von bösen Geistern heimgesucht: Horror-Clowns bedrängen sie dämonisch. Wenn sich Aubers Vesuvausbruch am Ende im Regen von Plastikmüll in eine vom Menschen gemachte allgemeine Naturkatastrophe verwandelt, werden sie sich zu den G-7-Krawalltrupps gesellen, an die Frank Scheewes Videos erinnern. So symbolisieren sie die eigentliche Natur der Katastrophe.

Die Aufführungsdaten in der Oper Kiel

Termine am 7., 16., 19. und 26. Mai sowie am 1., 21. und 26. Juni. Karten: 0431 / 901 901. www.theater-kiel.de

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Von Christian Strehk

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