Tocotronic-Sänger im Interview

Dirk von Lowtzow: „Wir wissen ja nicht, ob das Schlimmste nicht noch bevorsteht“

Dirk von Lowtzow, Sänger der Band Tocotronic.

Dirk von Lowtzow, Sänger der Band Tocotronic.

Herr von Lowtzow, wie geht es Ihnen? Die schrecklichen Nachrichten aus der Ukraine sind zurzeit allgegenwärtig.

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Danke der Nachfrage. Es geht allen in der Band den Umständen entsprechend gut, auch wenn uns die täglichen Nachrichten über den brutalen Angriffskrieg der russischen Föderation auf die Ukraine entsetzen. Wir solidarisieren uns mit den Menschen, die vor Bomben und Panzern fliehen müssen und mit denen, die trotz Repressionen gegen diesen unsinnigen Krieg demonstrieren. Deshalb sind wir eine Partnerschaft mit der Menschenrechtsorganisation Libereco eingegangen, für deren Arbeit wir auf unseren Kanälen werben. Wir blicken alle mit großer Sorge in die Zukunft. Die Hilflosigkeit angesichts der Situation kann einen krank machen.

Ihr neues Album heißt „Nie wieder Krieg“. Als hätten Sie schon bei der Namensgebung geahnt, in welch kriegerischer Zeit wir jetzt leben. Sehen Sie sich als Künstler als eine Art Seismograph für Ängste beziehungsweise gesellschaftliche Stimmungen?

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Die Selbstbezeichnung als Seismograph erscheint mir ein wenig anmaßend und angesichts dieses grausamen Krieges auch fast zynisch. Aber natürlich inhaliert man seine Zeit, während man Lieder schreibt und singt. Das ist ein sehr intuitiver Vorgang. Und manchmal wissen diese Lieder mehr, als ihre Autoren und Autorinnen es sich hätten ausmalen können. Das kann auch eine schmerzhafte Erfahrung sein.

Protest im russischen Staatsfernsehen: Mitarbeiterin unterbricht Livesendung mit Anti-Kriegsplakat

Am Montagabend zeigte sie in einer laufenden Sendung ein Schild und rief: „Stoppt den Krieg“. Offenbar handelte es sich um eine Mitarbeiterin des Senders.

Die Tocotronic-Anthologie, die 2020 im ersten Jahr der Covid-19-Pandemie erschien, haben Sie „Sag alles ab“ genannt – nach einem älteren Song. Auch da haben Sie der Lockdown-Realität durch einen Albumtitel gewissermaßen eine Überschrift verliehen. Gehört das zum Tocotronic-Konzept?

„Sag alles ab“ war ein sehr kämpferisches Lied, das sich gegen den neoliberalen Zeitgeist richtete, der Mitte der Nullerjahre in seiner Blüte stand. Diesen Titel für eine umfassende Werkschau zu wählen, kam uns lustig und schön vor. Außerdem muss man, wenn man sich diese Anthologie in Gänze anhören möchte, wahrscheinlich einige Termine absagen, denn es ist ein sehr zeitintensives Unterfangen. Viele unserer Songs handeln von Resignation, Desillusion und dem Einbruch des Unheimlichen in den Alltag. Deshalb wirken sie unter dem Filter der Pandemie betrachtet vielleicht wie ein passender Soundtrack zu dieser Zeit.

Im Titelsong „Nie wieder Krieg“ singen Sie „Nie wieder Krieg, keine Verletzung mehr, nie wieder Krieg, das ist doch nicht so schwer / Nie wieder Krieg, in dir, in uns, in mir.“ Es geht wohl eher um inneren Unfrieden und Unfreiheit. Trotzdem passt der Slogan perfekt auf die jetzige Bedrohung von außen. Kann man sagen, dass „Nie wieder Krieg“ ein Antikriegslied aus Versehen ist?

Das Lied war tatsächlich nie als Antikriegslied im eigentlichen Sinne gedacht. Es setzt in den Strophen eine mysteriöse Stimmung ins Bild und erzählt kurze Geschichten von innerer Zerrissenheit, Verletzlichkeit und Fragilität. Es ist ein Song über Menschen in Unsicherheiten. Der im Refrain gesungene Satz „Nie wieder Krieg“ ist weniger pazifistische Botschaft als eine Art Mantra, mit dem die Protagonistinnen und Protagonisten um Barmherzigkeit flehen.

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Ich fühle mich oft ähnlich instabil wie die im Song beschriebenen Personen, und vielleicht können sich die Hörerinnen und Hörer ebenfalls darin wiederfinden. Und möglicherweise passt die düstere Stimmung des Songs gut zur gegenwärtigen Situation einer latenten Bedrohung. Wir wissen ja nicht, ob das Schlimmste nicht noch bevorsteht.

Sie und Ihre Tocotronic-Kollegen machen sich seit jeher für Vielfalt und Menschlichkeit stark und protestieren gegen Rassismus, Antisemitismus und Fremdenhass. Sie setzen sich zum Beispiel für Pro Asyl ein. Auch haben Sie eine Impfkampagne mit dem abgewandelten Songtitel „Pure Vernunft muss diesmal siegen“ unterstützt. Welchen Einfluss haben Sie als Musiker? Was kann Musik verändern? Welche Kraft hat Musik für Sie?

Wenn Musik etwas bewirken und dabei antiautoritär bleiben will, dann kann sie das wahrscheinlich nur im kleinen Maßstab: die Änderung einer Blickrichtung, ein Denkanstoß, ein Perspektivwechsel. Vielleicht kann sie den Hörenden auch dabei helfen, sich zu verändern, indem sie diese konfrontiert. Den Einfluss, den Musiker wie wir bei Tocotronic auf dem Feld der Politik besitzen, würde ich ebenfalls nicht überschätzen. Aber man hat als Künstler und Mensch definitiv eine politische Verantwortung. Das Songschreiben kann keine rein private Angelegenheit sein. In unserem Lied „Hoffnung“ heißt es: „Und wenn ich dann schweigen müsste, bei der Gefahr, die mich umgibt, und wenn ich dann schweigen müsste, dann hätte ich umsonst gelebt.“

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