„Ich steckte rettungslos im Innersten jeder Figur“

Filmen gegen das Verschwinden: „Heimat“-Edgar Reitz blickt zurück auf ein bewegtes Leben

Edgar Reitz (hinten) mit Marita Breuer, die in „Heimat“ (1984) die Maria Simon spielt.

Edgar Reitz (hinten) mit Marita Breuer, die in „Heimat“ (1984) die Maria Simon spielt.

Worauf es beim Erzählen ankommt, lernte der kleine Edgar schon früh von seinem Großvater. Dieser saß gern vor seinem Häuschen in Morbach auf der Bank bei den Rosen und erzählte dem Enkel Geistergeschichten. Stets begann er mit nachprüfbaren Fakten und nahm dann überraschende Abzweigungen in die Fantasie.

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Der beinahe 90-jährige Edgar Reitz spricht heute denn auch vom „Großvaterprinzip“. Er schlussfolgert: „Die Geschichte ist im Grunde eine Lüge, die aber immer der Wahrheit so ähnlich bleiben muss, dass der Hörer nicht abspringt.“ Das schreibt der Filmemacher in seinen Erinnerungen „Filmzeit, Lebenszeit“, die kurz vor seinem Geburtstag am 1. November erschienen sind.

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Lässt sich eine bessere Grundausbildung vorstellen, um zum Chronisten des 20. Jahrhunderts zu werden? Und verfolgte Reitz nicht genau dieses „Großvaterprinzip“, wenn er in seinen „Heimat“-Filmen vom fiktiven Hunsrück-Dorf Schabbach berichtete? Er selbst, geboren in dieser Mittelgebirgslandschaft im Rheinland, ließ seine Erfahrungen und Beobachtungen einfließen, seine Protagonisten und Protagonistinnen aber gehörten der erfundenen Simon-Sippe an.

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Erstaunliches gelang Reitz mit seiner Hunsrück-Chronik: Er erzählte von der ideologisch schwer belasteten deutschen Heimat und trieb dem Begriff nationalistische Töne aus. Dem Titel schlug in den Fernsehredaktionen heftiges Misstrauen entgegen. Ursprünglich sollte das Werk mit „Made in Germany“ überschrieben werden. Assoziationen an Blut-und-Boden, Schlagerschmalz und Heimatfilmkitsch lagen allzu nahe.

Der „Heimat“-Experte

Später musste der zu seiner eigenen Überraschung zum „Heimat“-Experten ernannte Reitz erfahren: In vielen Sprachen gab es gar keine adäquate Übersetzung. Doch diente „Heimat“ nach Reitz‘ Ansicht schon in den Achtzigern als Gegenpol zu „Globalisierung“, zur schier unaufhaltsamen Vereinheitlichung von Kleidung, Essen und Musik rund um den Erdball. In seiner Autobiografie findet er eine schöne Definition: „Heimat ist überall und nirgends, je nachdem, wie wir uns bewegen. Gehen wir von ihr fort, fühlen wir einen Schmerz des Verlusts; kehren wir zurück, wird die Heimat immer kleiner, bis sie ganz in sich zusammenschrumpft.“

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Im ersten Teil seiner „Heimat“-Chronik von 1984 erzählte Reitz von Maria Simons Schicksal ab Ende des Ersten Weltkriegs. In der 1992 erschienenen Fortsetzung ging es um den gesellschaftlichen Aufbruch in den Sechzigern: Das „Hermännsche“, Marias Sohn, bricht in dieser wilden Zeit ins ferne München auf. Und im dritten Teil von 2004 sehnen sich nach der Wende viele Hunsrücker nach einem festen Platz. „Das glücklichste Volk der Welt“, so ist die erste Episode übertitelt, ringt darum, dieses Glück festzuhalten.

Mit einigem Abstand legte der Regisseur 2013 einen Kinofilm über die Auswanderungswelle nach Brasilien im deutschen Vormärz nach. Die Heimat kann einem auch fremd werden, wenn man hungert und drangsaliert wird. Für Reitz hatte sich mit dem Film ein Kreis geschlossen.

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„Erinnerungen bleichen aus“

Insgesamt rund 60 Stunden lang erzählte der Filmemacher aus Schabbach. Kein Wunder, dass seine Erinnerungen im Laufe eines langen Lebens von den Filmen überlagert wurden. Die Dorfbewohner aus Schabbach kannte er bald besser als manche reale Person. „Ich steckte rettungslos im Innersten jeder Figur“, schreibt er.

Reitz weiß genau, dass man Erinnerungen besser misstrauen sollte: „Sie sind in unserem Gedächtnis schlecht untergebracht. Sie bleichen aus und verschimmeln, und wenn wir sie nicht in Geschichten verpacken, verschwinden sie auf Nimmerwiedersehen.“

Gegen dieses Verschwinden hat Reitz angefilmt. Und dagegen schreibt er nun auch an. Manchmal verzettelt er sich ein wenig in persönlichen Details, die für die Nachwelt ohne Belang sind. Ein wenig Straffung hätte seinem Buch gutgetan.

Was ist die Hauptsache im Leben?

Spannend wird es, wenn Reitz über das Erzählen reflektiert. Und das tut er oft. Er ist selbst überrascht, welche Nebensächlichkeiten „in seinen Synapsen“ hängengeblieben sind. Aber was ist überhaupt die Hauptsache im Leben? Sind es Freundschaften, oder grundiert das Zeitgeschehen unsere Existenz? Ist das Berufliche oder doch das Private vordringlich?

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Manches dürfte Vertretern und Vertreterinnen seiner Generation aus ihrer Kindheit vertraut vorkommen: Der Teenager gewinnt dem Weltkrieg den Reiz eines Abenteuerspielplatzes ab. Er sammelte von alliierten Flugzeugen abgeworfene Spritkanister ein, tankte damit liegengebliebene Wehrmachtmotorräder auf und kurvte stolz durch den Hunsrück. Aber wie gesagt: Erinnerungen können lügen. Als die amerikanischen Panzer einrücken, hackt er sich schnell noch das Hitlerjugendabzeichen von der Mütze. So abenteuerlich war die Zeit wohl doch nicht.

Erstaunlich, wie Reitz das Oberhausener Manifest von 1962 einordnet. War das nicht die Geburtsstunde des jungen deutschen Kinos? Kam der Slogan „Papas Kino ist tot!“ nicht einer Revolution gleich? Sollte die von der ­Nazi-Zeit belastete Vätergeneration nicht aufs Altenteil geschickt werden?

Reitz fragt skeptisch, ob es das „Wir“ einer Bewegung damals bei den 8. Westdeutschen Kurzfilmtagen in Oberhausen überhaupt gab. Das Gruppengefühl sei erst durch die Aggression gegen das Manifest entstanden. Dessen Ablehnung sei damals „wie dicke Luft“ im Saal zu spüren gewesen.

Dass dieser Moment „ein historisches Datum der deutschen Filmgeschichte werden würde, konnte niemand ahnen“, so Reitz. Und noch etwas erscheint ihm in der Rückschau seltsam: Es gab in den Reihen der Oberhausener keine einzige Frau. „So sehr wir die Mentalität der Vätergeneration ablehnten, so sehr trugen wir doch noch viele Denkgewohnheiten von ihr in uns.“

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Endlich erfahren wir auch, wie wir das Dorf Schabbach finden. Mit seinem Co-Autor Peter Steinbach stieß Reitz bei den Recherchen für die „Heimat“-Filme auf dem Friedhof von Morbach auf diesen besonderen Familiennamen: „So kam es, dass wir an diesem Nachmittag im Juni 1979 das Dorf Schabbach gründeten. Lage: Hunsrück, Rheinland, Deutschland, Europa, Weltall. Wer in den Hunsrück fährt, wird 450 Dörfer finden, aber keines davon heißt Schabbach. Wer aber fragt, wo es nach Schabbach geht, wird zu hören bekommen, er sei schon da.“

Edgar Reitz: „Filmzeit, Lebenszeit. Erinnerungen“, Rowohlt, 672 Seiten, 30 Euro.

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