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Komische Oper Berlin

Eine Nase im Brotteig

Foto: Gogol hätte seine Freude an der Berliner Groteske gehabt.

Gogol hätte seine Freude an der Berliner Groteske gehabt.

Berlin.Das scheint der Regisseur Barrie Kosky, der mit seiner Inszenierung 2016 im Londoner Covent Garden für Furore sorgte, ein wenig anders zu sehen. Jetzt ist seine Produktion von seinem eigenen Haus, der Komische Oper Berlin, übernommen worden und sorgte für zwei Stunden pralles, herrliches Theater, dessen Doppelbödigkeit von ihm brillant herausgearbeitet worden ist. Sein Bühnenbildner Klaus Grünberg löst das Problem des häufigen Szenenwechsel mittels einer auf- und zufahrbaren kreisförmigen Linse anstelle eines Vorhangs.

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Schon gleich zu Beginn der Oper leidet man mit der Hauptfigur des Stückes, dem Kollegienassessor Platon Kusmitsch Kowaljow, wenn dieser beim Barbier angsterfüllt die Rasur erwartet. Der grobschlächtige Barbier hört gar nicht auf, das Rasiermesser zu schärfen, schäumt ihn dann ein und: schwups! Plötzlich ist Kowaljows Nase weg. Das merkt dieser aber erst am anderen Morgen, wenn er nach durchzechter Nacht neben seinem Diener Iwan aufwacht und im Spiegel in ein Gesicht ohne Nase schaut. Er ist ob des Verlustes entsetzt, weiß er doch, dass er ohne Nase in der Gesellschaft keinerlei Chancen hat zu reüssieren, schon gar nicht bei Frauen. Also macht er sich hektisch auf die Suche nach seiner Nase, will eine Annonce aufgeben, geht sogar zur Polizei. Sie wird gefunden, bleibt aber nicht in seinem Gesicht haften; zwischenzeitlich hängt ihm dort, wo die Nase normalerweise sitzt, ein Penis im Gesicht, was die Leute aber natürlich auch abstoßend finden – das ist wohl als witzige Anspielung auf die im Programmheft zitierte „Weisheit“ der alten Römer aufzufassen: „Aus der Nase kann man sehen, wie des Mannes Kräfte stehen.“ Schließlich ist die ganz normale Nase wieder da, ohne dass man sich um sie bemüht hätte. Oder doch nicht?

Wie aber kann man einen Mann ohne Nase zeigen? Kosky ist da auf eine trickreiche Lösung gekommen. Alle haben in seiner Inszenierung eine übergroße Nase, nur eben Kowaljow nicht, was ihn unter all den stark benasten Leuten als nasenlos erscheinen lässt. Seine echte, abgeschnittene Nase, die anfänglich von der Frau des Barbiers in dem von ihr gekneteten Brotteig gefunden wird, macht sich schon bald selbstständig, wird mannsgroß und taucht gelegentlich auch in vielfacher Form auf. Besonders wirkungsvoll ist der aberwitzige, von Otto Pichler choreographierte Stepptanz der Nasen, umwerfend komisch dann das Solo einer einzelnen Nase! Dass die tanzenden Nasen eine Ähnlichkeit mit dem männlichen Geschlechtsteil haben, erhöht die Pikanterie des Nasenstepptanzes zusätzlich.

In dieser scheinbaren „Nonsense-Oper“, die übrigens in deutscher Sprache gesungen wird, geht es aber durchaus auch um ernste Dinge, um Verlustängste, Verfolgungswahn, Inferioritätskomplexe und Potenzprobleme. Das wird von dem Bariton Günter Papendell auf grandiose und hochvirtuose Weise dargestellt, vom angstverzerrten Gesicht beim Barbier bis hin zu seinem mal erbärmlichen, mal herzzerreißenden, mal tragisch klingenden Jammern gegen Ende. Die enorme Ausdruckspalette seiner teils clownesken, teils ernsten Szenen ist bewundernswert. Und dann die grotesken Szenen bei den ihn zurückweisenden Redakteuren der Tageszeitung und der absurde Auftritt der Polizisten, wo Koljakow nur Hohn und Spott erntet!  Er ist die absolute Hauptfigur in dieser Oper, die weiteren 77 (!) kleinen und kleinsten Partien müssen aber auch gut besetzt sein, damit diese absurd-groteske Oper mit ihren brillanten Revue-Einlagen funktioniert: Die Komische Oper kann da aus dem Vollen schöpfen! Die quietschbunten, bizarren Kostüme (Buki Shiff) tun das Ihre, um den Focus auf die Torheiten und Skurrilitäten der Menschen zu lenken.

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Der aus Lettland gebürtige Ainārs Rubiķis, der ab der nächsten Spielzeit Generalmusikdirektor des Hauses sein wird, stellt sich bereits in dieser Neuproduktion vor. Mit spürbarer Lust an krassem Humor und ausgeflippten Szenen führt er das exzellent aufgelegte Orchester der Komischen Oper Berlin durch Schostakowitschs fantasievolle Partitur, und verhilft der eingestreuten Trivialmusik –  Polka, Walzer oder Galopp –  zu kontrastreicher Wirkung. Auch die deftigen Orchesterkommentare kommen nicht zu kurz:  was da geschrien, gestöhnt, gefurzt und gerülpst wird, ist ganz schön drastisch! Einhelliger Jubel des Premierenpublikums!

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