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Händel-Festspiele

Germanen und Römer im Koloraturstreit

Foto: Arminio (Christopher Lowrey) zieht in den Krieg gegen die Römer und nimmt Abschied von seiner Gattin Tusnelda (Anna Devin).

Arminio (Christopher Lowrey) zieht in den Krieg gegen die Römer und nimmt Abschied von seiner Gattin Tusnelda (Anna Devin).

Göttingen. Der "Arminio" ist ein Werk, dem zu Händels Lebzeiten wenig Erfolg beschieden war. Nach der Uraufführung 1737 verschwand die Oper nach wenigen Aufführungen in London von der Bildfläche. In den 1930-ger Jahren kam „Arminio“ in Leipzig zur einer erstmaligen Wiederaufführung. Es folgte eine lange Pause, bis in den letzten Jahren das Werk auf einigen „Händel-Bühnen“ zu sehen war, in Halle (2014) und Karlsruhe (2015) und jetzt erstmals in Göttingen in der Regie des Schweizers Erich Sidler, Intendant des Deutschen Theaters in der Universitätsstadt.

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Hermann der Cherusker

Arminio ist „Hermann der Cherusker“, seine Germanen haben im Jahr 9 nach Christus drei Legionen des Römers Varus vernichtend geschlagen, schon Tacitus sprach von ihm als „Befreier Germaniens“. In Händels Oper bildet aber die reale Historie wie so oft nur die Folie, auf der es um Liebe, Ehre, Pflicht, Gehorsam und mehr geht.

Untypische Händel-Oper

In vieler Hinsicht ist „Arminio“ eine untypische Oper Händels. Es fehlt der übliche Verwechselungsklamauk, Eifersucht kommt so gut wie gar nicht vor, ein wirkliches „lieto fino“, das obligatorische „happy end“ der Barockoper wird hier zumindest durch einen Schlusschor in Moll in Frage gestellt. Stattdessen geht es um Gattenliebe, Standhaftigkeit, Staatsräson, Vater-Sohn- und Vater-Tochter-Beziehungen.

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Verrat und Verwirrungen

Arminio verliert zunächst eine Schlacht gegen den römischen Statthalter Varo. Sein Landsmann, der Cherusker-Fürst Segeste ist zu den Römern übergelaufen und nimmt Arminio gefangen. Segestes Sohn Sigismondo hat damit ein Problem, der Vater drängt ihn ebenfalls zum Verrat. Ein paar Verwirrungen gibt es dennoch. Arminios Frau Tusnelda ist ausgerechnet die Tochter des abtrünnigen Segeste. Und Arminios Schwester Ramise ist die Verlobte von Sigismondo, Segestes Sohn.

Das große Vergeben

Aus dem fernen Rom befiehlt Kaiser Augustus Arminios Tod, den der skrupellose Segeste auch bedenkenlos ausführen will. Arminio zieht den Tod dem Verrat vor, und vertraut sogar seinem Feind Varo die Obhut seiner Frau Tusnelda nach seinem Tod an, was diese wiederum als Verrat empfindet. Varo ist so gerührt, dass er Arminio retten will, doch Segeste besteht auf die Hinrichtung. Nach einigen Verwirrungen, Missverständnissen, Selbstmordversuchen der Frauen, kommt Arminio doch frei, besiegt die Römer und vergibt seinem Widersacher Segeste.

Die Regie traut dem Frieden nicht

Regisseur Erich Sidler traut dem Frieden nicht und lässt am Ende offen, ob Arminio nicht doch seinen Gegner erschießt. Den Bösewichtern werden zum Schlusschor spielerisch die Revolver an die Stirn gehalten. Ein kluger Aspekt der Regie. Sidler und sein Bühnenbildner Dirk Becker lassen die Geschichte in einem heutigen, abstrakten Irgendwo spielen, nur ein paar barocke Utensilien tauchen auf, riesige Kronleuchter, der Kopfschmuck eines römischen Feldherrn. Auf der extrem sparsam gestalteten Bühne fungiert ein drehbarer Kubus als Gefängnis für Arminio, ein paar Stellwände, das war’s. Ein so reduziertes Ambiente fordert gute schauspielerische Leistungen. Aber gerade da vermisste man interaktive szenische Spannung, es passierte kaum etwas zwischen den Akteuren, deren Bewegungen ratlos und harmlos wirkten. So stellten sich in den fast vier Stunden doch ein paar Spannungslöcher ein.

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Händels Psychologie, Cummings Esprit

Händels Musik für Arminio hält einige facettenreich gestaltete psychologische Portraits bereit, die den reifen Komponisten zeigen. In der gesamten dramaturgischen Anlage gibt es jedoch sicher andere Opern des Meisters, die hier stärker und plausibler sind. Dennoch: musikalisch hatte die Aufführung hochklassiges Format. Das FestspielOrchester Göttingen unter dem inspirierenden Dirigenten Laurence Cummings agierte mit warm-homogenem Klang, empfahl sich mit Präzision und feurigem Esprit, sowie feiner Klanggestaltung. Sängerisch war die Produktion ein einziges Fest: Technisch exzellent der Countertenor Christopher Lowrey als Arminio, beeindruckend der flexible Sopran von Anna Devin (Tusnelda) und der sonore Alt von Helena Rasker (Ramise), kernig-abgründig der satte Bass von Cody Quattlebaum (Segeste), und schlicht atemberaubend der koloraturen-virtuose, wunderbar runde, abgewogene, körperreiche, kräftige, aber nie scharf klingende Sopran von Sophie Junker (Sigismondo).

Von Elisabeth Richter

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